|
Zwischen Männlwecken und Mettenschicht
Brauchtumspflege im deutschen Weihnachtsland - dem Erzgebirge
Nirgendwo in ganz Deutschland wird Weihnachten so intensiv, anheimelnd und lichterreich begangen wie im
Erzgebirge. Manche behaupten ja, dass hier oben an der Böhmischen Grenze das ganze Jahr über Weihnachten sei, aber das ist nur etwas leicht übertrieben. Diese Zeit der Besinnung ist auch die Hochzeit
unzähliger alter Bräuche, die hier noch sehr lebendig gepflegt und von einer Generation auf die andere weitergegeben werden. Es ist daher nur in Stichworten möglich, einige davon hier vorzustellen.
 |
Die Adventszeit wird mit dem Männelwecken eingeleitet. Die
Weihnachtsfiguren wie Räuchermänner, Engel und Bergmann, Nußknacker, Schwibbögen, Pyramiden, Krippen und vieles andere „Mannlzeig” (erzgebirgische
Mundart für Männel-Zeug) wird zum Leben erweckt, gereinigt, neu verklebt oder bemalt, um dann am Samstag vor dem 1. Advent die Stube zu zieren. Aber
auch in die Fenster werden beleuchtete Schwibbögen sowie Engel und Bergmann gestellt. Soviel Mädchen in der Familie leben, soviel Engel stehen im Fenster,
und für die Anzahl der Knaben stehen die Bergmänner und leuchten aus allen Fenstern in die Weihnachtsnacht hinaus.
Das ist ein Flimmern und Glitzern, wie es nur hier oben in dieser Konzentration
erlebt werden kann. Am späten Nachmittag trifft sich dann die Familie mit Freunden vor der großen, meist vierstöckigen Pyramide, um in der Dunkelheit
an ihr die Kerzen zu entzünden, damit sich von der aufsteigenden Wärme das große Flügelrad in Bewegung setzen kann. Da sich aber seit Jahrzehnten diese
wundervoll geschmückten Drehgestelle nie von selbst in Bewegung setzten, mussten sie stets mit einem kleinen Schups angeschoben werden. Daraus hat sich die Tradition des Pyramidenanschiebens
entwickelt. Wenn dann das Ding endlich zum Laufen gebracht wurde, wird darauf mit einem erzgebirgischen Kräuterschnaps angestoßen, der zu einer fröhlichen Feier bis in den Abend
hinein den Auftakt bildet.
Und wie im Kleinen zu Hause, so wird diese Tradition auch auf den gemütlichen, rummelfreien Weihnachtsmärkten
in allen Orten des Erzgebirges gepflegt. Überall werden vor der Eröffnung des Weihnachstmarktes und unter Bläserklängen die riesigen Pyramiden – meist vom Bürgermeister
persönlich - angeschoben. In der folgenden Zeit finden überall im Bergland Glückauf – und Lichtlabende statt, denn schließlich kommen die meisten Bräuche
vom Bergwerk her, das die Lebensweise seit über 500 Jahren hier oben stark geprägt hat. Hier wird die alte Tradition der Hutznstube fortgesetzt, jenes einzigen beheizten Raumes, in
dem man sich in der kalten Jahreszeit traf, um zu spinnen (Roggenspinnen), zu Schnitzen oder auch nur, um zu plaudern und zu singen. Am 4. Advent dann schließen die Weihnachtsmärkte. In Annaberg
, der „Hauptstadt des Erzgebirges”, findet dann die größte Bergparade Deutschlands statt, an der alljährlich über tausend Bergleute in ihrem Habit aus der Zeit der Renaissance
teilnehmen, begrüßt von Tausenden Einheimischen und Gästen aus allen Herren Ländern, die die Straßen der alten Bergstadt säumen.
Die meisten Bräuche sind dann am Heiligen Abend anzutreffen: Auf dem festlich gedeckte Tisch steht das
Heiligabendlicht, ein Erbleuchter, der normalerweise nur vom Hausvater angezündet werden darf und bis zum Insbettgehen brennen muss. Unter der Tischdecke liegt das Heiligabendstroh
, das an die Geburt des Kindes in einem Stall erinnern soll. Unter den Tellern werden Heiligabendmünzen gelegt als Erinnerung daran, dass hier im nahen Joachimsthal
, die ersten Thaler geprägt wurden, aus denen dann der T(D)ollar wurde. Natürlich hofft man auch darauf, dass die Münze unterm Teller im
kommenden Jahr einen Reichen Geldsegen bringen wird. Ein Gedeck wird für den fremden oder armen Gast aufgelegt, das aber so gut wie nie benutzt wird,
da eine andere Verhaltensregel für dieses Essen besagt, dass ein Fremder nur den Hausfrieden stören würde.
In manchen Gegenden glaubt man sogar, das dann ein Familienmitglied im
kommenden Jahr „den Löffel abgeben” muß. Pünklich 18 Uhr, wenn landesweit die Kirchenglocken läuten, kommte das Neunerlei (Neinerlaa) auf den Tisch,
jenes typische erzgebirgische Weihnachtsessen, das in zahlreichen Gedichten und Liedern besungen wird und das aus neun Gängen besteht, von denen jedes
Familienmitglied essen muss, da jede Speise eine bestimmte symbolische Bedeutung hat. Im Laufe der Jahre haben sich von Ort zu Ort verschiedene Varianten vom Neunerlei herausgebildet, eine davon geht so:
Kartoffelsalat oder Klöße (damit das Große Geld – Taler – nicht ausgeht), Fisch (eine Schuppe wird abgelüst und
getrocknet in der Geldbörse aufbewahrt, damit das Kleingeld nicht ausgeht), Linsen haben ebenfalls diese Bedeutung, Bratwurst (damit man(n) stark bleibt), Sauerkraut (damit das Leben nicht sauer wird),
Semmelmilch (für die Schönheit), Nüsse (damit der Lebensweg gut geölt ist), Rote Beete (damit man rote Wangen hat, für die Gesundheit).
Oft wir vor oder nach dem Essen – meistens aber vor der Bescherung, die der Rupperich
(eine Art Nikolaus) vollführt - noch das Heiligabendlied gesungen, das Frau Amalie von Elterlein im Jahre 1862 schrieb. Damals hatte diese
erzgebirgische Volksweise (ein typisches Hutznlied) noch zehn Vierzeiler, im Jahre 1896 bereits 34 und heutzutage können manche Singe-Gruppen an die hundert Strophen zum Besten geben.
Einen großen Frevel begeht jene Familie, die nach dem Essen das Geschirr
abräumt und es nicht in die Tischdecke einwickelt. So steht es jedenfalls in den alten Vorschriften. Aber dieser Brauch wird längst nicht mehr überall befolgt,
seitdem es auch im Erzgebirge Spülmaschinen gibt. Und hatte man den Stollen früher erst nach der Mettenschicht, jenem tratitionellen mitternächtlichen
Bergmanns-Gottesdienst, angeschnitten, so wird dieses nicht wegzudenkende Weihnachtsgebäck (das angeschnitten die Form eines Bergmannstollens bzw. wie
eines eingewickelten Kindes haben soll) heutzutage zwischen Neunerlei und Mettenschicht verzehrt. Allerdings achten noch heute die Familien streng
darauf, dass ein solcher Stollen – ob man ihn nun vom Bäcker holt oder zuhause zubereitet – nicht zerbricht, denn dann stirbt garantiert jemand in der Familie.
Mystisch geht es dann zwischen dem 25. Dezember und dem 5. Januar, in den Internächten, zu.
Die Bräuche in dieser Zeit verweisen auf ein sehr altes Mittwinterfest mit Toten-
und Geisterumzügen. Sie werden auch Losnächte genannt, in denen z.B. beim Bleigießen – dem vielleicht einzigem noch gepflegten Brauch aus dieser Zeit –
die Zukunft vorausgesagt wird. Die kann man aber nur dann in den erstarrten Formen schauen, wenn das flüssige Blei vorher durch einen alten Erbschlüssel
gegossen wird. Nach dem Fest der Heiligen-Drei-Könige (Hochneujahr), wo die Sternsänger (hier die evangelische Kurrente) in Aktion treten, folgt am 2.
Februar (Mariä Lichtmeß, ein kath. Fest in einer protestantischen Gegend) der Abschluss der Weihnachtszeit. Jetzt wird der Christbaum abgeputzt, die Männeln
in ihre Kisten gepackt und auf dem Oberboden verstaut, bis zum nächten Jahr, wenn dann zum Männlwecken wieder das uralte erzgebirgische Lied angestimmt
wird und der Kreislauf des Brauchtums von vorn beginnt:
Gar fer Gar gehts zimm Advent, uf denn Budn nauf, werd e Mannl aufgewackt, komm nu stiehste auf!
Gotthard B. Schicker, Annaberg/Budapest, 1. Advent 2005
|