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ECHT ERZGEBIRGE
Aus der Kulturgeschichte der Weihnachtsmärkte
Der wohl älteste Wintermarkt in Sachsen, der dann zum Weihnachtsmarkt wurde, dürfte der in Bautzen sein. Hier gestattete König Wenzel im Jahr 1334 das
Abhalten eines freien Fleischmarktes um die Weihnachtszeit. Der schönste Weihnachtsmarkt ist vielleicht jener in Annaberg-Buchholz. Weltweit kopiert man heute erzgebirgisches Brauchtum, auch wenn das
Original nie erreicht wird...
Das Wort „Markt“ für einen städtischen Handelsplatz gibt es seit dem frühen Mittelalter. Und die „Weihnacht“ besingt der Minnesänger um 1170 als „wîhe
nâht“. Aber die Zusammenführung beider Begriffe zum „Weihnachtsmarkt“ geschieht erst ein paar hundert Jahre später. Wäre es nach Luther gegangen, dann würden wir heute vermutlich den „Wygennachts-Markt“
besuchen, weil er diese weihevolle Zeit zunächst vom „Kindlein-Wiegen“ ableitete.
Annaberg-Buchholz
Und so tragen dann auch die ältesten Märkte, auf die sich heutzutage so manche Stadt beruft, nicht den Begriff Weihnachten im Namen. Der
vermutlich älteste Mark, der dem Charakter unserer Vorstellung von Weihnachtsmarkt entgegenkommt, ist der im Jahre 1294 erstmals nachweisbare „Dezembermarkt“ in Wien. Gefolgt vom Münchner
Christkindelmarkt aus dem Jahre 1310. Einen alten Dezembermarkt finden wir auch in Frankfurt am Main, der dort seit dem Jahre 1393 existiert.
Ältester Weihnachtsmarkt Sachsens in Bautzen
Der wohl älteste Wintermarkt in Sachsen, der dann zum Weihnachtsmarkt wurde, dürfte der in Bautzen sein. Hier gestattete König Wenzel im Jahr 1334
das Abhalten eines freien Fleischmarktes um die Weihnachtszeit. Wie überhaupt unsere heutigen Weihnachtsmärkte – nicht nur in Sachsen – oft
aus winterlichen Fleischmärkten hervor gegangen sind, auf denen im Laufe der Jahre dann auch immer mehr winterliche Gebrauchsgegenstände feil
geboten wurden. Und wer immer noch der Werbung Glauben schenkt, die da oft behauptet, der Nürnberger Weihnachtsmarkt sei einer der ältesten in
Deutschland, dem soll gesagt sein, dass neben den genannten, weitaus älteren Märkten, auch der vom sächsischen Kurfüsten Friedrich II. 1434 privilegierte
Striezelmarkt in Dresden rund 200 Jahre mehr auf den Buckel hat als z.B. der Nürnberger Christkindlmarkt.
Seiffen
Im Erzgebirge sind die Märkte mit dem Entstehen der Bergstädte um 1500 nachzuweisen. Mit der Verleihung des Marktrechts folgte meist auch das
Stadtrecht. Neben den Plätzen um Kirchen, vor Gottesackern oder auf dem Platz vor dem Rathaus sind Wintermärkte um 1533 auch auf den Klosterhöfen von Chemnitz und Grünhain belegbar. Es gibt eine
kurfürstliche Bestätigungsurkunde für das Kloster Grünhain, die zwar erst am 1. Januar 1534 ausgestellt wurde, wo aber bereits am Niklastag ein Markt
veranstaltet wurde (ein allgemeiner Markt ist allerdings für Grünhain bereits für das Jahr 1285 dokumentiert). Noch älter ist das Wintermarkt-Privileg für
Lößnitz, hier fand er bereits erstmals 1441 statt. Eine Urkunde, die ausdrücklich die Durchführung eines „Neuen Advent Markts“ gestattet, stammt vom 18. Juli 1691. Unterzeichnet von „Otto Ludwig Herr von
Schönburg auf Schloss Hartenstein“, auf dessen Schloss seit etwa 1300 Markttreiben stattfand. Ein entsprechendes Dokument kann die Stadt
Schwarzenberg aus dem Jahre 1536 zur Durchführung eines Stollen- oder Weihnachtsmarktes vorweisen. Aufgrund der Vergabe der Marktrechte an
die erzgebirgischen Städte und Dörfer kann in etwa ermittelt werden, ab wann auch von Märkten in der Advents- und Weihnachtszeit gesprochen
werden kann, ob sie sich nun Stollen-, Advents-, Dezember-, Winter-, Niklas-, Christkindl- oder Weihnachstmärkte nannten. So gibt es darüber Urkunden
u.a. aus Zschopau (1407), Oberwiesenthal (1530), Scheibenberg (1530), Schlettau (1367/1533), Geyer (1407), Ehrenfriedersdorf (1377/1536), Elterlein (1483) und Annaberg (1497).
Deutschlands schönster Weihnachtsmarkt in Annaberg-Buchholz
Hier, in der Hauptstadt des Erzgebirges, gab es mehrere Märkte: „Der
Märckte dieser Statt sind drey: ein großer und zwey kleine. Der große ist für dem Rathhauße, bey diesen sind feiles Kauffs, grüne und gesaltzene Fische,
dannenhero nennet mans auch den Fischmarckt. An welchen daß Obst feil ist, wird der Naschmarckt genannt. Do mann Kräuter, Zwibeln, Milch,
Flachs, Lein und Zwirn verkaufft, ist der Frauenmarckt. Der andere ist der Töpffermarckt, der dritte der Brotmarckt, welches mann für Alters, aldo
mann vom Jahr 1548 biß ins 1576 Brot verkaufft hat…“ (Chronicon Annaebergense, M. Paulum Jenisium, 1604) Der Hauptmarkt fand also vor dem Rathaus mit einem breiten und
gemischtem Angebot statt. Spezialmärkte für Getreide, Schweine, Heu und Stroh befanden sich in der Wolkensteiner Straße. An der Bachgasse gab es
den Holzmarkt, auf dem Karlsplatz (später auf dem Köselitzplatz) den Topfmarkt, auf dem unteren Kirchplatz den Brotmarkt und auf dem oberen Kirchplatz – auch noch nach den katholischen Annenmärkten – den
Devotionalienmarkt. Insbesondere aus den Märkten um die Annenkirche hat sich um die Weihnachtszeit der Dezembermarkt entwickelt, indem die
dortige Angebotspalette den winterlichen Bedürfnissen der Annaberger Bürger angepasst wurde. Nach der Reformation, etwa um 1533, dürfte das
zentrale Marktgeschehen vor dem Rathaus ab dem Niklastag (6. Dezember) immer mehr den Charakter eines Weihnachtsmarktes angenommen haben.
Eine gewisse Konkurrenz erwuchs dem zentralen Marktreiben von einem „Kauffhauß. Hintern Rathhauß oberhalb der Fleischergaß, ist 1517 angefangen, folgends 1533 vollendet.“
In den folgenden Jahrhunderten hat sich der Annaberger Weihnachtsmarkt immer weiter zu einem attraktiven Schau-, Kauf- und Genusszentrum des
Erzgebirges entwickelt. Neben Hoch-Zeiten im 17. und 18. Jahrhundert, gab es auch armselige Märkte oder gänzliche Ausfälle wie etwa im Dreißigjährigen Krieg oder während der beiden Weltkriege.
Schwarzenberg
Bergbautradition prägt Weihnachtsmärkte im Erzgebirge
Nach 1945 gehörte das Aufstellen einer Tanne (Fichte) auf dem Marktplatz von Annaberg mit zu einem der ersten Befehle der Sowjetischen
Militäradministration auf der Annaberger Parkstraße. Wenn sich auch die bis 1989 um die mitunter durch die „Tschechenluft“ verunstaltete Fichte gruppierten Marktstände in ihrer
Bescheidenheit und Unzulänglichkeit nicht mit den heutigen Weihnachtsmärkten vergleichen lassen, so haben sie doch eine Tradition
weiter geführt, an die sich die Kinder von damals heutzutage durchaus gerne erinnern. Die Düfte der Bratwürste, der Waffelbäckerei und der
Räucherkerzchen liegen heute wie damals als sinnliche Vorfreude auf das Weihnachtsfest über dem Annaberger Weihnachtsmarkt, der unbestritten der
anheimelndste, geschmackvollste – kurz der weihnachtlichste ganz Deutschlands ist. Oder wo in der Welt ist der Weihnachtsmarkt noch derart
mit seiner Umwelt, mit der Bergwelt, dem Bergbau, dem Bergmann und „seiner Frau, dem Engel“ verbunden, wie hier oben im deutschen Weihnachtsland? Wo auf der Erde sind noch derartige Bergparaden zu
besichtigen, wie sie alljährlich in den erzgebirgischen Bergstädten an den Adventssonntagen– mit Höhepunkt am 4. Advent in Annaberg-Buchholz –
zelebriert werden? Denn „Weihnachtsmarkt in Arzgebirg, do gibt’s wos ze sah; denkst, es ganze Arzgebirg is heit of de Baa.“ (Manfred Pollmer, 1922)
Ausland kopiert Weihnachtsbrauchtum aus dem Erzgebirge
Natürlich hat ein jeder das Recht, derart von „seinem“ Weihnachtsmarkt zu
schwärmen. Auch im Ausland ist der deutsche – besser der erzgebirgische – Weihnachtsmarkt zu einem zwar plagiativen, aber recht beliebten
Exportschlager geworden. Außerhalb des deutschsprachigen Raumes – in dem neben Deutschland vor allem Österreich (Wien, Salzburg, Graz, Linz)
und Straßburg dominieren – haben Weihnachtsmärkte in unserem Sinne kaum Tradition. Erst Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts
sind solche Märkte um die Weihnachtszeit im ostmitteleuropäischen Raum zu entdecken, die mitunter an die verschütteten k.u.k.-Traditonen anknüpfen
(Prag, Budapest, Bratislawa/Preßburg). Auch in den Benelux-Staaten und in Skandinavien sind landestypische Märkte um die Weihnachtszeit entstanden.
Selbst in Dubai oder im fernen Australien gibt es naturbeheizte Weihnachtsmärkte.
„German Christmas Market“ oder auch „Christkindlmarket“ nennen sich die mitunter arg verkitschten Glitzermärkte in den USA, Kanada oder in Japan
(chinesische Kopien ganzer erzgebirgischer Weihnachtsmärkte sind noch im Entwicklungsstadium) – die aus merkantilen Gründen mitunter schon
Anfang November beginnen. Auf fast allen findet man aber mittlerweile auch echte Nußknacker, Räuchermännchen, Pyramiden oder Stollen aus dem Erzgebirge. So wie es auch nur im Erzgebirge die originalen
Weihnachtsmärkte gibt…
November 2009
Gotthard B. Schicker
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