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Mit Süßstoff und Kunsthonig
Der Vetter aus Dingsda: Vom Versuch, eine Klamotte am Annaberger Theater zu inszenieren, deren Sinn sich unter den ökonomischen Bedingungen des Hauses
nicht so recht erschließen mag.
Am Annaberger Theater hat der ehemalige Intendant des Hauses, Hans-Hermann Krug, mit einem gewissen Erfolg versucht, eine Klamotte zu inszenieren – und
auch dazu zu stehen. Eduard Künneckes „Der Vetter aus Dingsda“ hatte am dritten Adventssonntag im Eduard-von-Winterstein-Theater Premiere.
Die Operette eignet sich nicht nur, die Jahre kurz vor dem Ersten Weltkrieg zu spiegeln, sondern auch politische und andere allzumenschliche Anspielungen
aus der unmittelbaren Gegenwart in einer scheinbaren Familienidylle zu platzieren. Dazu hat sich Krug eine Menge Gags einfallen lassen. Einige davon trafen sogar ins Schwarze. Auf der Annaberger Bühne
hatte Wolfgang Clausnitzer eine Retro-Atmosphäre in Bühnenbild und Kostümen geschaffen, die es den Darstellern erlaubte, ihren Affen – und der kam tatsächlich auf die Bretter – Zucker zu geben.
Foto: Eduard-von-Winterstein-Theater Annaberg-Buchholz, (c) Dieter Knoblauch
Mit Süßstoff und Kunsthonig wurde das Publikum reichlich umworben, denn die Melodien des damals noch recht jung-romantischen Künnecke und die Texte eines
befreundeten Rechtsanwaltes Oliven bzw. des Pseudonym-Schriftstellers Rideamus trieften davon: „Ich bin nur ein armer Wandergesell...“ oder „Strahlender Mond, der am
Himmelszelt wohnt...“ sind Ohrwürmer aus jener beschwichtigenden Vorkriegszeit, die noch heute in der Operettengeneration nachklingen.
Die Verwechslungskomödie ist so banal wie alle derartigen Lustigkeiten. Allerdings ist
Klamotte auch das scheinbar Einfache, was so schwer zu machen ist. Von daher waren nicht alle Protagonisten des Abends diesen Anforderungen an Spiel und Stimme
gewachsen. Unübertroffen witzig und in der Maske auch selbstverleugnend der Josef Kuhbrot von Matthias Stephan Hildebrand. Diese Figur muss nicht unbedingt singen
können, und das kam Hildebrandt zugute. Aber spielen muss sie pausenlos – und das kam im entgegen.
Es war die gekonnt tölpelhaft-diktatorische Charakterstudie eines Zirkusdirektors, die er
da zur Freude des Publikums über die Rampe brachte. Ebenso seine doppelte Ehefrau – im Leben und auf der Bühne – als Wilhemine Kuhbrot. Bettina Corthy-Hildebrandt
gelang eine ebenso komische Figur einer Dame der kleinbürgerlichen Gesellschaft, die unter dem Diktat ihres Angetrauten selbst ihr kurzzeitigen Arien-Ausbrüche
unterdrücken musste. Marcus Sandmann gab einen eloquenten, etwas vertrottelten Egon von Wildenhagen mit einer köstlichen Parodie auf Westerwelle und Co.
Bedauerlich, dass Frank Unger wegen Krankheit nicht den 1. Fremden/August Kuhbrot
geben konnte, wir hätten sicherlich das Wandererlied mit weniger tenoraler Schärfe in der Mittellage und auch Höhe erleben können als das beim freischaffenden Berliner Gast
Alexander Geller der Fall war. Als 2. Fremder konnte der neue Bariton des Annaberger Theaters, Jason-Nandor Tomory, seine angenehm-kraftvolle Stimme nur spärlich zum
Einsatz bringen, freuen wir uns also jetzt schon auf seinen „Don Giovanni“ im kommenden Jahr.
Bettina Grothkopf war als Julia de Weert mit ihrer ausgereiften Stimme und ihrer
damenhaften Ausstrahlung sowie ihrer einfühlsamen Gestaltung der Partie dennoch durch die Banalität der Rolle unterfordert. Hier hätte auch eine Schauspielerin ohne
Gesangsausbildung eine gute Figur gemacht. Madelaine Vogt konnte dagegen als Hannchen sowohl stimmlich als auch darstellerisch nicht überzeugen. Ihre aufgesetzte
Spielastik hätte vom Regisseur in geordnetere Bahnen gelenkt werden müssen, und ihre Gesangs-und Sprechstimme bedarf eines Lehrers, der ihr sowohl in technischer
Hinsicht, aber auch in der Ausformung des Stimmvolumens hilfreich zur Seite stehen kann.
Nahezu allen Darstellern mangelt es an einem prononcierten Sprechen, was nicht mit
Pathos zu verwechseln ist. Zu oft ist man zu leise, zu schnell, zu unartikuliert, zu verhaspelt – oder man spricht nach hinten. Schade, weil dadurch so mancher Gag
unverstanden und damit unbelacht auf der Strecke bleibt. Eine Ausnahme ragt allerdings aus allen stolz hervor: Lander de Marel in der Figur des zweigeteilten Dieners.
Eine komödiantische Charakterstudie der Extraklasse – sowohl im Spiel, in der Sprache und mitunter auch im Gesang...!
Für Bewegung auf der Bühne sorgte Sigrun Kressmann mit ihren recht einfallsreichen
Choregraphien. Allerdings hätte ihr auffallen müssen, dass es sich im ersten Bild um einen Csárdás handelt, wie an der typischen Synkope unschwer zu hören ist, und nicht
um einen wie auch immer gearteten Marsch-Fox, den die Darsteller aber auch gegen den Rhythmus, der durchaus magyarisch aus der Orchesterwanne drang, gekonnt darboten.
Die Erzgebirgische Philharmonie Aue spielte unter der umsichtigen und differenzierten
Leitung von Dieter Klug wacker auf. Er ist insbesondere auch für die Damen und Herren auf der Bühne ein verlässlicher Dirigent, der sich nicht nur um die Partitur und
deren Umsetzung im Orchestergarben kümmert, sondern auch durch korrekte Einsätze und entsprechende Lautstärkeregelung quasi auf der Bühne mitspielt.
Insgesamt kann man dem Theater bescheinigen, dass mit diesem „Vetter aus Dingsda“
der Versuch irgendwie geglückt scheint, eine Klamotte als solche über die Rampe zu bringen, wobei sich unter den ökonomischen Bedingungen des Hauses deren kultureller
Sinn nicht so recht erschließen mag...
Gotthard B. Schicker
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