Erzgebirgstreff
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von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Traumhaftes Annaberg

„Manufaktur der Träume“ – ein Segen für die Stadt, der Maßstäbe setzt

Einheimische und manch kritische Besucher meinen, dass Annaberg zu 90 Prozent des Jahres eine hinterwäldlerische, verschlafene und verträumte alte Bergstadt ist, sich aber zur Weihnachtszeit zu einer Traumstadt, ja geradezu zu einem Gesamtkunstwerk entblättert. Mit der Eröffnung der ganzjährig zugänglichen so genannten „Manufaktur der Träume“ dürfte die Hauptstadt des Erzgebirges zumindest in den Zustand eines beständigen Wachtraumes versetzt worden sein.

Wer sich bis vor der Erschließung dieser drei Ausstellungs-Etagen über den Titel des total sanierten Hauses auf der Museumsgasse mokiert hat, der dürfte nach einem Besuch dieses traumhaften Museums eines Besseren belehrt sein. Annabergs „Traumdeuter“ hatten ein sehr gutes Gespür, diese umfangreiche Sammlung nach Annaberg zu holen. Es ist nicht nur eine kulturelle Bereicherung im Rahmen der sonstigen Sehenswürdigkeiten, sondern auch ein Segen für Annaberg-Buchholz. Und das in architektonischer, kultureller, sozialer und letztlich auch wirtschaftlicher Hinsicht.

Auch wenn das teure Museum über Jahre ein Zuschussgeschäft bleiben sollte, ist es dennoch ein unbezahlbarer Gewinn für die Stadt, der sich schon allein wegen seiner vermutlich weltweiten Einmaligkeit bezahlt machen wird. Ob sich diese Einrichtung auch außerhalb der Weihnachtszeit rechnen wird, darf nicht das Kriterium für seine Existenz bedeuten.

Wer diese Ausstellung nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten bemisst, der hat vom sich gegenseitig befruchtenden Wechselspiel vom Kultur und Wirtschaft nichts verstanden. Sind es doch gerade die kulturellen Aspekte aus Vergangenheit und Gegenwart, die unseren Landstrich und seine Hauptstadt für den wichtigsten Wirtschaftsfaktor – den Tourismus – so attraktiv machen. Ein großes Lob deshalb allen Entscheidungsträgern im Stadtrat – allen voran dem persönlichen Einsatz der Oberbürgermeisterin sowie den Architekten, Kuratoren, Restauratoren, Ingenieuren, Bauarbeitern, Ausstellungsgestaltern – kurz allen Menschen, die an der Realisierung dieses Annaberger Traumes mitgewirkt haben. Und dass die im Erzgebirge verwurzelte reiche Frau aus der Schweiz großherzig ihre Sammlung hier her gegeben hat, ist eine Art hoher Lottogewinn für Annaberg!

Ich gehörte selbst zu jenen, die sich über den Eintrittspreis von 7.- Euro aufgeregt haben. Seitdem ich zweimal durch die Etagen gepilgert bin und mir ein noch immer unvollständiges Bild von den künstlerischen Werken, den volkskulturellen Äußerungen unserer Vorfahren, vom barocken Engelschor im „Manufaktur-Himmel“ sowie von den fantasievollen Spielzeugen früherer Generationen zusammenträumen konnte, finde ich den Preis jetzt als gerechtfertigt. Die weit über 1000 Räuchermännchen, Pyramiden, Engel, Bergmänner, Schwibbögen, Buckelbergwerke, Nußknacker, Leuchterspinnen, Puppenstuben, Weihnachtsberge, Kaufmannsläden, Spielzugtiere... -  aus den zurückliegenden 300 Jahren – ihre ansprechende Präsentation sowie die zahlreichen interaktiven Möglichkeiten laden Alt und Jung zum Staunen, Wundern und eben auch Träumen ein. Neben dem vielseitigen und berechtigten Lob, das auch aus dem In- und Ausland über das traumvolle Männelmuseum hereinbricht, bleiben doch mindestens zwei Kritikpunkte anzumerken.

Darunter ist noch nicht der umstrittene und auch etwas irreführende Manufaktur-Begriff angesiedelt. Auch Mercedes benutzt ihn für seine „Maybach-Manufaktur“, die „Gläserne Manufaktur“ von Volkswagen verfremdet ebenfalls den Begriff und nutzt ihn ganz anders als z.B. die Meißner Porzellan-Manufaktur. Auf der Homepage der Deutsche Manufakturen e.V. findet man den Versuch einer Begriffsdeutung in einer globalisierten Welt. Dabei wird immer davon ausgegangen, dass die Handarbeit etwas produziert. In der Annaberger „Manufaktur“ ist die Produktion von damals anschaulich geronnen. Diese einst handgefertigten Gestalten produzieren aber bei ihrer Betrachtung weiter in unseren Hirnen und Herzen – Träume. Und sie sind und bleiben nun einmal die mit Fantasie und Hoffnung überladenen Widerspieglungen vergangener Realitäten. Es ist somit eine der schönsten und effektivsten Produktionsstätten entstanden, aus der heraus Träume auch für Annabergs Gegenwart und Zukunft Wirklichkeit werden könnten – und das nicht nur zur Weihnachtszeit...!

Nun aber zu den zwei Kritikpunkten: Das Plakat, der Flyer, das Cover des Kataloges – alles hat letztlich nichts mit der Ausstellung zu tun. Die Zeichen darauf sind sämtlich irreführend, nicht einladend und unprofessionell gestaltet. Die gewählte Form verweist nicht auf den eigentlichen Inhalt. Das Typische der Ausstellung, nämlich die Vielfalt der erzgebirgische Volkskultur, wird von diesen naiven Bildchen nicht repräsentiert. Die der Originalgröße entfremdeten Figuren auf den Publikationen sowie die unruhige Gesamtgestaltung dieses Teils der Öffentlichkeitsarbeit entspricht dem geschauten Inhalt in keiner Weise. Hier waren offensichtlich Kreativisten am Werk, die keinen Bezug zum Erzgebirge und seinen volkskulturellen Schöpfungen haben. Man sollte also umgehend einen Gestaltungsauftrag an einen Künstler, eine Gruppe oder auch Agentur vergeben, die dem traumhaften Inhalt auch eine adäquate Form verleihen kann, weil das Plakat schließlich zuerst Besucher anlocken und der Flyer auch nach dem Besuch schöne Erinnerung wachhalten und weitere Informationen vermitteln und weiter tragen soll.

     Was mit dem öffentlichen Erscheinungsbild der „Manufaktur der Träume“  noch an Veränderungen möglich ist, dürfte mit dem Café „Gutgusch´l“  kaum machbar sein. Deshalb sollen hier auch weiter keine nostalgischen Seufzer bezüglich dem damit verloren gegangenen „Kaffee Zentral“ (so schrieb sich das ehemalige Kaffeehaus Schubert selbst in diversen Anzeigen Mitte des vorigen Jahrhunderts) ausgestoßen werden. Da ist offensichtlich nichts mehr zu retten gewesen, außer der Jugendstil-Glasdecke im Verkaufsraum. Dass aber die Mc Cafés von Mc Donalds überall auf der Erde mehr Wärme, Gemütlichkeit und damit Kaffeehaus-Charakter ausstrahlen als dieses architektonisch unterkühlte „Gutgusch´l“, sollte dann doch zu denken geben. Aber auch hier ist noch nicht die letzte Schockoladenkugel manufakturiert. Auch das Café „Anna Bella“ hatte anfangs mit gastronomischen Eisschrank-Erscheinungen zu kämpfen. Heute gehört es zu den besten, weil kreativsten und geschmackvollsten (im doppelten Sinne des Wortes) Kaffeehäusern der Region.

Es bleibt also die Hoffnung, dass sich in Annaberg noch weitere Träume erfüllen lassen werden, auch dann, wenn manche Vorhaben oder Unterlassungen (hier ist nicht nur an die ungastliche Parkkultur gedacht) derzeit noch gewisse Alpträume verursachen sollten. Dieses weihnachtliche Gesamtkunstwerk Annaberg – das sich nicht nur im traumhaft schönen Weihnachtsmarkt repräsentiert - besitzt viele Potentiale, um sich auch in den anderen Jahreszeiten als gastfreundliche Traumstadt zu präsentieren und so sein traumatisierendes Image von einer nur verschlafenen, verträumten Hinterwald-Stadt durch weitere Traum-Realisierungen abzubauen. Dazu gehört nicht nur manufakturelles Wirken in profanen Bereichen, sondern auch intellektuelles Träumen und Denken im Stadtrat unter Einbeziehung jener Bürgerschaft, die an der Gestaltung eines traumhaften Annabergs interessiert ist und deren Mitwirkung daran nicht nur willkommen, sondern unumgänglich bleibt. Schließlich hat die Stadt mit seiner anspruchsvollen Traum-Manufaktur Maßstäbe gesetzt und Hoffnungen formuliert, die nun auf anderen Gebieten noch der Realisierung harren.

Gotthard B. Schicker

Weitere Informationen: http://www.manufaktur-der-traeume.de/
(c) Fotos: "Manufaktur der Träume" - Sammlung Erika Pohl-Ströher / Stadt Annaberg-Buchholz

 

 

 


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