Erzgebirgstreff
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von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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 Pures Leben auf der Bühne

Nachklänge zu Premieren und Repertoire-Vorstellungen am Annaberger Eduard-von-Winterstein-Theater 2010

In der letztjährigen Adventszeit im Erzgebirge, eingepackt in riesige Schneeberge, die manchen Theaterbesucher aus der Umgegend mit seinem Transportmittel scheitern ließen, standen Künnekes „Vetter aus Dingsda”, Lortzings „Waffenschmied”, Lehárs „Lustige Witwe” und beim Sprechtheater „Pension Schöller” auf dem Spielplan des Annaberger Eduard-von-Winterstein-Theaters.

Der Kopf summte den Besuchern von verrückten Typen, seltsamen Bekleidungen und Frisuren, überzeichneten Charakteren und nicht entstaubten, dafür umso plüschigeren Handlungen, bei denen die durchweg engagierten Darsteller selbst wohl oft nicht mehr jeden Sinn erkennen konnten. Die Regie in den geübten Händen von Dr. Huhn (Waffenschmied) und Professor Krug (Dingsda), Manfred Straube (Witwe) und Uta Kosel (Pension Schöller) verfolgten offenbar eine Linie, nämlich: die historische Ansiedlung der Handlung voll bestehen zu lassen, selbst wenn es weh tut. So erlebt man kaum Striche im Textbuch, fast jede Aktualisierung wurder vermieden und alle Charaktere sind nahezu 1:1 in ihrer Entstehungszeit belassen.

Den Besuchern schallt jedenfalls zunächst die temperamentvolle Musik entgegen, mit Verve gespielt vom Orchester und mit viel Stilempfinden und Temperament dirigiert von Dieter Krug, der auch mit Herz für die Solisten die durch Handlungsvielfalt verzwickten Einsätze pointiert in die Wanne und auf die Bühne gibt.

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung des Eduard-von-Winterstein-Theaters Annaberg-Buchholz, (c) Dieter Knoblauch

Im „Vetter aus Dingsda” (siehe auch Extrakritik) waren die Damen Grothkopf und Voigt derart in Bühnenbild und Mannsbilder verwickelt, dass zeitweise die durchaus wundervolle Musik Künnekes im Gesang zu wenig Effekt machte. Bettina Grothkopf konnte kaum Stimme zeigen und Madeleine Voigt war durch zu viel Übertreibung schlicht überfordert, ihre zweite Bluse saß zudem schlecht. Das komödiantische Duo Corthy-Hildebrandt/Hildebrandt, spielte das Hausherrenpaar: sie als ständig in Nostalgie krähende Operndiva, er als eine Art Löwenbändiger, geradezu marionettenhaft überzeichnet. Die eigentliche Feinmotorik seiner Komik ging deshalb unter im Klischee.

 

Der ”Der Waffenschmied” ist eine heute selten gespielten Perle des Theatergenies Lortzing. Das Bühnenbild, die Kostüme, dazu der kongeniale Einfall, die Waffenschmiede mit den regionalen Accessoires des Frohnauer Hammers und seinen Protagonisten, den Bergleuten, zu kombinieren, die Spiel- und Sangesfreude von Chor und Extrachor, waren hin- und mitreisend. Zusammen mit der Qualität Lortzingscher Musik war dann selbst die verstaubte und simple Handlung: „Wie bringt man eine Patriziertochter an den rechten Mann“ zu verkraften. Schade, dass die Ansiedlung im „Erzgebirge” nicht noch etwas konsequenter durchgezogen wurde (Dialekt im Dialog, Kostümgestaltung u.a.), wodurch die Bergleute zu sehr kulissenhafte Staffage blieben.

Die Hauptfigur des Stadinger gelang Leander de Marel, dem Faktotum des Theaters, in allen Szenen zu einer gelungene Studie á la Hans Sachs für die Kleinstadt! Größere, ruhigere Bewegungen hätten jedoch noch mehr den originellen Patrizier, weniger die gar komische Figur hervorgekehrt. Vielleicht sogar die in seinem Spiel angelegte freundliche Resignation, ja Tragikkomik noch unterstrichen. Gar anrührend gelang seine Arie (eher Strophenlied) „Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar...”, die er mehr als Chanson anlegte, mit überzeugender Deutlichkeit zum Heute in den immanenten Text-Aussagen. Reizend in Darstellung und Stimme seine Jungfer-Tochter Marie, diesmal Madeleine Voigt hübsch anzusehen und anzuhören. Die privilegierte, ältliche Hausangestellte Irmentraud (Tatajana Conrad) überzeugte als eine Charakterstudie erster Kategorie, zumal sie ihren Mezzosopran genüsslich zwischen Kontraalt und Diskant pendelnd einsetzte.

Hier gelang es, die Komik aus Handlung, Darstellung und Musik gleichermaßen zu entwickeln. Der junge ungarische Bass László Varga konnte in der Partie den Schwaben Ritter Adelhof überkomisch spielerisch und noch mehr stimmlich hervorragend über die Rampe bringen, obwohl ihm leider keine Arie vom Komponisten vergönnt ist.

Warum die Regie bei diesem Material die Figur derart flach behalten hat, ist unverständlich. Lortzing wollte hier doch wohl die adlige Einmischung in den bürgerlichen Heiratsmarkt persiflieren. Da hätte durchaus mehr Bösartigkeit oder „Biss” sein dürfen. Die männliche, baritonale Neuanschaffung Jason-Nandor Tomory – bereits gehört bei seinem Quereinstieg als Escamillo („Carmen”) - gab hier den Ritter Liebenau/Konrad. Mit überzeugender jugendlicher Ausstrahlung, satter Mittellage, manchmal spitzer, leider nicht sehr metallischer Höhe, passt er dennoch gut in alle (hier beschriebenen) musikalischen Inszenierungen. Seinem Konrad hätte etwas mehr überzeugende Erotik in Richtung Braut und weniger schmollende Routine gut getan. Eine Sache, die der wohl künftige „Don Giovanni“ noch beherzigen sollte.

In den Ritterposen und Sprachstereotypen gelangen witzige Bilder. Die Komödianten Hildebrandt und Markus Sandmann als Gastwirt und Knappe, jeweils exzentrische Pendant zu Stadinger und Konrad, belebten mit menschelndem Witz, viele Musikalität, weniger mit stimmlicher Qualität, was hier nicht störte, was aber bei Markus Sandmanns Part im „Vetter” allerdings förderlich gewesen wäre. Insgesamt war der „Waffenschmied” eine sehr angenehme, insgesamt befriedigende, in Erinnerung bleibende Ensembleleistung.

 

Bei diesem geballten Vorweihnachtsprogramm strahlten die unterschiedlichen Leistungen der fast immer gleichen Protagonisten vergleichbarer als bei nur gelegentlichen Besuchen des Hauses. Stärken und Schwächen strotzten geradezu über den Graben. So zeigte sich in der „Lustigen Witwe” mal wieder, wie schwer die klassische Operette zu singen ist. Aber auch, dass Figuren und Handlung - heute noch im „pontevidrinischen Milieu” belassen - kaum jemanden hinter dem Ofen hervor locken, gar wirklich amüsieren kann.

Die singenden Darsteller oder darstellenden Sänger können machen, was sie wollen, - und sie leisteten alle viel! Deshalb ist schwer nachvollziehbar, warum versierte Theaterpraktiker auch hier nicht wenigstens einmal zu verfremdenden Mitteln gegriffen haben. Böte sich doch gerade bei der „Witwe” das Bänkerlager, die Moskauer Schickeria oder Berlusconi/Sarkozy-Szenerie – aber auch lokales pontevetrinisches Verhalten - in entsprechender Ausstattung an. Komplettiert mit aktuellen Anspielungen aus dem Originaltext wäre es ein wahres Gaudium geworden.

Bei der historischen Fassung allerdings muss sich der gelangweilte Danilo von Jason-Nador Tomory hinterfragen lassen, was er mit seinem Geplänkel im Auftrittslied beabsichtigt. So wäre er früher garantiert nicht wahrgenommen worden. (Es schadet übrigens auch heuer nicht, wenn man als junger Sänger mal alte Verfilmungen dieser Operette ansieht, um Bühnen-und Rollenpräsenz, Stimmansatz und Nonchalance zu studieren - ohne Joopie H. imitieren zu müssen!) Obwohl es auf dem Weg zum Finale dann Steigerungen gab, bleibt doch die Frage offen, warum die Glawari nicht einen der andern Herren hätte favorisieren sollen, - etwa Rosillion (Frank Unger) oder Cascada (László Varga), die beide schnell und spritzig über Situationskomik verfügen und toll sangen, ergänzt wieder von Markus Sandmanns frecher, jungenhafter Komik. Unger, gerade dem Krankenbett entsprungen, weshalb es in den höchsten Tönen noch etwas sprödelte, lies schon wieder sein schönes Material erahnen. Matthias Stephan Hildebrandt als pontevedrinischer Gesandter (der auch ein toller Berlusconi wäre), dem ständig die diplomatischen Fäden entgleiten, war in seinem spielerischen Element seniler Dattrichkeit. Madeleine Voigt gab seine „anständige Frau” im Kreise der mehr oder wenig überzeugenden Unanständigkeit jugendlich unbekümmert.

In der Hauptrolle, als überlegene Spielelenkerin Hanna Glawari, überzeugte Martina Posselt einmal mehr. Sie sang, sah und siegte im Kreise des jungen Männermaterials. Die sehr vielfältige Darstellerin (vom „Gestiefelten Kater“, eine der drei Damen in der „Zauberflöte”, im sehr beachteten „Günstling” u.a.m.) soll mit dieser Spielzeit aus dem Ensemble ausscheiden müssen, was Viele ihrer Anhänger hiermit herzhaft bedauern dürfen.

Und wieder einmal, sozusagen die Handlung treibend, der Kanzlist Njegus des Leander de Marel. Ein Figur, ähnlich der seines übrig gebliebenen Doppel-Dieners im „Vetter”. Er spielt diese Rollen ohne viel Firlefanz: kurz, schnoddrig, pointiert – gekonnt! An der richtigen Stelle lässt er seinen Text an einer phallischen Knospe aus, so wie man ihn kennt und belacht und beklatscht und liebt. Am Ende dirigierte er sitzend am Graben das Witwe-Orchester, weil er sich angeblich schmerzhaft mit seinem sensiblem Hinterteil in den Schnee gesetzt hätte, - Anspielung aufs erzgebirgische Tiefschneechaos. Alle Lacher auf seiner Seite.

Den Vogel im Viererkleeblatt dieser Betrachtungen gab das Sprechtheater mit der Glosse „Pension Schöller” ab. Einem Dauerbrenner auf den Brettern, der ewig Lachsalven zu produzieren scheint. Es ist die Story seit Boy Gobert, legendärer Intendant in Hamburg, im Film den Neffen Eugen Rümpel („Rümpen spiente”, der das „L” nicht aussprechen kann). Jahrelang danach wurde so in den Schulen gesprochen und sich über die klassischen Texte in dieser Manie totgelacht.

Das Ensemble unter der Regie von Uta Koschel spielte die Berliner Glosse, wo Einer Einem weiß macht, die Pension Schöller sei eine nach neuen Methoden geführte Verrücktenanstalt, - schnell, skurril und in der Vielheit ihrer Charaktere mit viel Effekt. Besondere Verdienst haben der Alfred Klapproth des Tim Osten, der Großwildjäger des Nenad Zanic, die exaltierte Schriftstellerin der Maria Richter und natürlich der Rümpel des Sven Zinkan, in dessen ganzer Lulatschigkeit und besessenen Extemporés.

Aber auch hier die Frage, warum muss das im Berlin der Zwanziger spielen und nicht heute, z.B. im „Wilden Mann”, neben dem Annaberger Rathaus. Schließlich gibt es auch hier Reiseverrückte, die bis in die Antarktis fahren, Kleene Getue aller Art und Sorte und auch Schauspieler mit Sprachfehlern…! Die Zuschauer würden nicht nur herzlich klatschen auf ihren Sitzen, wie erlebt, sondern sich kugeln. Klamotte einkalkuliert! Und Reklame würden sie machen bei Nachbarn und Kollegen, auf das sich das Theater fülle, jeden Tag, übers ganze Jahr und immer wieder!

Nach Sicht der „Pension” und als Zugabe zu diesen Betrachtungen sollen noch die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” erwähnt sein, wo die Schauspieler toll agierten, aber kaum singen konnten, was dem Spaß bei den Kindern indes kaum einen Abbruch tat. Hier könnte doch auch der Darsteller-Austausch zwischen Musik- und Sprechtheater noch gezielter betrieben werden, auf dass nicht alle Diener von Leander de Marel gespielt und nicht alle Prinzen und Prinzessinen schlecht singen müssen…!

Eveline Figura
 

 

 


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