Erzgebirgstreff
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von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Annaberger Sperrgusch

Über viele Jahrzehnte ist am Haus neben der Löwen-Apotheke am Annaberger Marktplatz eine Maske angebracht, die seit ewigen Zeiten als „De Annebarger Sparrgusch“ (Die Annaberger Sperrgusch) bezeichnet wird. Was hat es nun mit diesem seltsamen Gesicht mit dem offenstehenden Mund an der Häuserwand auf sich?

   Der Begriff „Sperrgusch“ hat im Laufe der Jahrhunderte seine ursprüngliche positive Bedeutung für Neugierige und Wissensdurstige eingebüßt. Heutzutage ist es ein weniger schmeichelhaftes Synonym für tratschende und klatschende, Gerüchte verbreitende Personen. Früher nannte man hier oben meist alte Weibspersonen (z.B. de alte Melbertn=Frau Melbert von der Frohnauer Gasse), die sich in alle Angelegenheiten irgendwie einzumischen versuchten, „Sperrguschn“. Was heißt früher? Und was heißt alte? Noch immer werden Frauen jeglichen Alters als „Sperrguschn“ bezeichnet (und Männer nicht minder), die stundenlang ihren Nischl (Kopf) zum Fenster raus hängen, damit ihnen ja nichts auf der Straße entgehen mag. Man sagt auch, dass sie „Maulaffen feilhalten“. Oder sie stehen an der Straßenecke mährend/maahrnd (quatschend, redend) als „Maahrgusch“ so lange herum, bis jemand einen Stuhl hinstellt, damit sie das Getratsche im Sitzen fortsetzen können. Aber auch diejenigen, die bei jeder Feier – ob Kindtaufe, Hochzeit oder beim Leichenstein setzen (Beerdigung) – ungebeten auftauchen und „de Gusch“ (den Mund) aufsperren, erhalten diesen derben, aber letztlich nicht böse gemeinten Titel verpasst.

   Viel seltener werden Wissensdurstige, Neugierige, Suchende, um Erkenntnis ringende Leute als „Sperrguschn“ bezeichnet. Obwohl es auch hier oben im Gebirge nicht wenige davon gibt – Frauen und Männer. 
   Annaberger Sperrgusch ist ein Mann

   Im Übrigen ist es falsch, die „Annaberger Sperrgusch“ mit einer Frau in Zusammenhang zu bringen. Schließlich zeigt die Sperrguschen-Maske, wie sie im Original im Erzgebirgs-Museum zu sehen ist (Kopie am Markt) und einstmals am Haus Frohnauer Gasse, Ecke Sperrgasse, angebracht war, einen mit offenem Mund staunend drein blickenden Manneskopf mit leicht orientalischen Zügen, der einen gewaltigen Schnurrbart im Gesicht trägt. Nun ist ja bekannt, dass es auch Männer gibt, die über oben genannte Eigenschaften verfügen, dann aber eher mit dem positiven Unterton einer wissensdurstigen „Sperrgusch“ bedacht werden.

   Bekannt dürfte aber kaum sein, dass es sich bei der „Annaberger Sperrgusch“  vermutlich um etwas ganz anderes handelt, als man dieser Maske bisher angedichtet hat: Annaberg ist eine Stadt der Spätrenaissance. Es gab zu jener Zeit weder Gasbeleuchtung noch elektrisches Licht auf den ungepflasterten Straßen, die meist schlammige Wege waren, durch die sich die Pferdekutschen bei Regen- und Schneewetter quälten. Die Beleuchtung bestand aus offenem Feuer, Kerzen, Fackeln oder Kienspänen. Spezielle die Kienspäne waren eine beliebte Haus- und Wohnungsbeleuchtung. Und wenn man mal beide Hände zum Arbeiten brauchte, dann klemmte man sich diese dünnen Holzstücke einfach zwischen die Zähne. Da man aber nicht dauernd mit einem Kienspan im Mund herumlaufen konnte, was auch irgendwie komisch ausgesehen haben dürfte, stellte man zunächst kleine Tonklötzchen in Form eine Kopfes – oft auch eines Affenkopfes - her, der im Maul den Span hielt. So war der Maulaffe geboren. Später wurden solche Figuren aus Eisen und weniger aus Holz hergestellt sowie auch an den Hauswänden angebracht, wo sie größere Kienspäne oder auch Fackeln in ihrem Maul hielten und damit die Straße beleuchtet haben.

   Verwandtschaft zwischen Maulaff und Sperrgusch

   Solche Spanhalter sind in Süddeutschland und in Österreich seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Von daher bekommt der Begriff „Maulaffen feilhalten“  dann auch seinen seriösen Sinn: Es handelt sich um Verkäufer eben dieser Köpfe mit offenen Mündern, wie unsere „Sperrgusch“ einer sein könnte. Ob der Annaberger Sperrguschn-Kopf nun ebenfalls zum Zweck der Spanhaltung und Beleuchtung gedient hat, oder eine Nachbildung darstellt, das herauszufinden ist Sache der auf diesem Gebiet studierten „Sperrguschen“. Schließlich gibt es auch Auffassungen, die meinen, dass es sich um den Teil einer Brunnenfigur handelt, aus deren aufgesperrtem Mund das Wasser versiegt ist. Aber es könnte auch ein figürliches Ornament sein, wie es in der Renaissance an Schlossbauten, Herrenhäusern oder auch Kirchenfassaden (siehe z.B. Freiberger Dom) Verwendung fand, meinen andere. Wie auch immer: Zwischen unserer „Sperrgusch“ und dem „Maulaffen“ scheint aber dann doch wohl eine kaum zu leugnende Verwandtschaft zu bestehen.

   Somit hätte das „Maulaffen feil halten“, das mit offenem Mund untätige Herumstehen, durchaus etwas mit unserer „Sperrgusch“ zu tun, wenn auch zunächst nur im unfreundlichen Sinne. Die anderen „Sperrguschen“ - aufgeschlossene Menschen, Wissenshungrige, Staunende, Neugierige im besten Sinne des Wortes - sind in Annaberg-Buchholz ebenfalls in hellen Scharen anzutreffen. Immer mehr Touristen bevölkern – nicht nur zur Weihnachtszeit – diese alte Bergstadt und streifen durch ihre steilen und winkeligen Straßen und Gassen. Auch die Einheimischen interessieren sich verstärkt für die Historie ihres Zuhause und für die Straße, in der sie leben oder arbeiten. Damit wird „De Annebarger Sparrgusch“, ob nun in Mundart oder in Hochdeutsch, immer mehr zu einem Symbol für „Echt Erzgebirge“, - aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...

Gotthard B. Schicker
November 2010

 

 


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