|
Rührstück mit Hintergrund
„The Sound of Music“ erfolgreich am Annaberger Theater
Wenn das Publikum mit Zwischenapplaus nicht spart und am Ende der Vorstellung sogar in rhythmisches Klatschen mit Bravorufen verfällt, dann kann es sich
nur um einen Erfolg gehandelt haben. Den konnte man im Annaberger Theater nicht nur zur Premiere, sondern auch zur zweiten Vorstellung von „The Sound of Music“ erleben.
Wie man auch immer zu der
rührseligen Story von der österreichischen Trapp-Familie und deren Flucht vor den Nazis nach Amerika steht. Ob man die süßlichen Melodien von Bergen, Glockenklang und Edelweiß mag, oder ob man das
Hineinzwängen politischer Hintergründe in ein Musical eher beim „Cabaret“ als einigermaßen gelungen betrachtet und hier weniger: Seit der Hollywoodproduktion
im Jahre 1965 gehört das musikalische Rührstück von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II mit zu den Welterfolgen in diesem Genre.
Das Annaberger Theater wartete mit einer Riesenbesetzung an Darstellerinnen und Darstellern auf, die nahezu allesamt zu einer anspruchsvollen Ensembleleistung
beitrugen. Da es sich um ein Werk handelt, in dem die Musik und der Gesang eine zentrale Handlungsebene einnehmen, kam es darauf an, den Sound dieser Music
möglichst authentisch zu treffen. Dies gelang hervorragend Dieter Klug am Pult der Erzgebirgischen Philharmonie Aue, der für derartige Aufgaben ein besonderes Gespür
erkennen lässt, aber auch im Opern- und Konzertgenre immer wieder Qualität
abliefert. Fotos: Dieter Knoblauch
Ein ganz besonderes Lob gilt aber
auch dem Kinderchor und den vielen kleinen Solisten (z.B. Elisa-Marina Schramm als Liesel), die von Chordirektor Uwe Hanke, Ballettmeisterin Sonja Elstermann und der Regisseurin Friederike
Barthel gut studiert, ihre umfangreichen darstellerischen und sängerischen Aufgaben mit viel Engagement und mit großer Spielfreude darboten. Wenn man
von den stimmlichen Qualitäten absieht, so war Leander de Marel ein würdiger und überzeugender Kapitän Trapp, dem derartige Charakterrollen immer besser zu Gesicht
stehen. Bettina Corthy-Hildebrandt gab die Mutter Oberin und konnte mit bekannten Ohrwürmern sowohl gesanglich als auch im Spiel überzeugen. Einmal mehr
enttäuschte Jason-Nandor Tomory stimmlich, während er den Rolf Gruber in seiner Entwicklung vom netten Jungen von Nebenan zum SS-Mann darstellerisch sehr gekonnt zeichnete.
Mit László Varga als Max Dettweiler erlebten wir einen Sänger-Darsteller, der als
Freund von Trapp und Künstleragent in seiner Figur deutlich machte, dass ein neutraler Standpunkt offenbar zu diesem Geschäft gehört, egal wie die
gesellschaftlichen Verhältnisse ringsum beschaffen sind. Verena Rollin (Schwester Margarethe) und Constance Schwerdt (Schwester Bertha) gehörten gemeinsam mit
László Varga an diesem Abend zu den Protagonisten, die nicht nur darstellerisch, sondern wohltuend auch stimmlich überzeugten. Und das oft gemeinsam mit der sehr
angenehmen Stimme und künstlerischen Ausstrahlung einer Bettina Grothkopf als der Dame von Welt Elsa Schrader. Eine Überraschung war diesbezüglich die vom
Schauspiel kommende Kerstin Maus in der umfangreichen Rolle der Novizin Maria Rainer, die das Klosterleben - nach dem gekonnten Absingen einiger zu Herzen
gehender Berg-, Sternen- und Blumenlieder - gegen die Ehe als Baronin an der Seite des alternden Kapitän von Trapp eintauschte. Eine besondere Charakterstudie lieferte
Gabriele Kümmerling als Trapps Haushälterin Frau Schmidt.
Wenn dieser „Sound of Music“ vielleicht auch nur die Volksmusikgeneration berühren
dürfte, so ist das Musical doch eine gelungene Farbe im Gesamtspielplan des Annaberger Theaters. Und wenn der Rezensent auch über so manches
Kirchen-Kinder-Kitsch-Klischee die Nase rümpfen mag: Dem Publikum hat es gefallen – und nichts anderes kann schließlich der Maßstab sein...
Gotthard B. Schicker, März 2011
|