|
„...es hat uns sehr gefreut!“
Bejubelte Premiere vom „Weißen Rößl“ am Annaberger Theater
Die Worte des österreichischen Kaisers und Königs von Ungarn, Franz Joseph, die er im zweiten Teil des Weißen-Rößl-Singspiels mehrfach vor sich hin
murmelt, können durchaus als Fazit für die Annaberger Premiere dieses musikalischen Kassenschlagers herhalten: „Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut!“
Kaiser Franz Joseph (Max Lembeck) mit Chor / Fotos Dieter Knoblauch (c) Theater Annaberg
Besonders gefreut hat uns dabei die Erzgebirgs Philharmonie Aue. Dieter Klug ist es gelungen, mit viel Einfühlungsvermögen, mit Schwung und akzentuierter
Spielweise genau den Ton zu treffen, den dieses gängige Repertoire-Stück braucht. Diesem Dirigenten gelingt es immer wieder hervorragend, mit seinem Orchester als
begleitender Partner für die Bühne da zu sein, und dennoch dabei die notwendige Eigenständigkeit des Klangkörpers an den dafür geeigneten Stellen hervorzuheben.
Somit hatten es also die Protagonisten leicht, den Melodien eines Benatzky, Stolz
und Gilbert ihren Charme zu entlocken und den auch über die Rampe zu bringen. Dies gelang in überzeugender Weise dem spielfreudigen und stimmlich sehr
gefälligen Tenor-Buffo von Marcus Sandmann in der Rolle des Dr. Siedler. Milena Gürtler (als Gast), die als Soubrette an seiner Seite die Ottilie gab, konnte nur bei
ihren Tanzeinlagen punkten, während sie stimmlich blass blieb. Ebenfalls von tenoraler Qualität und von spielerischem Können beseelt kam Frank Unger als der
schöne Sigismund Sülzheimer auf einem Motorrad auf die Bühne geknattert, bevor er mit der wiederholt sehr charmant spielenden und singenden Kerstin Maus die
Berge um den Wolfgangsee erklomm, oder sich zum Bade in selbigem verleiten ließ.
Leander de Marel (l.) und Matthias Stephan Hildebrandt als Giesecke und Dr. Hinzelmann
Im Mittelpunkt dieses heiteren Rössel-Abends stand aber unangefochten Leander de Marel, der mit dem Fabrikanten Wilhelm Gisecke aus Berlin (der in Leipzig
aufgewachsen ist, wie sein Dialekt verriet) eine großartige Charakterstudie lieferte und mit seinem komödiantischen Spiel ganz wesentlich zum Erfolg dieses
immergrünen Rößls am hiesigen Theater beitrug. Aber auch Matthias Stephan Hildebrandt konnte als sächsischer Professor Hinzelmann überzeugen und für
seinen Monolog, der stark an den vom alten Strieße im „Raub der Sabbinerinnen“ erinnerte, Sonderapplaus einheimsen. Hervorzuheben ist auch noch die frische und
temporeiche Spielweise von Leo Gnatzy, der den umtriebigen Piccolo gab. Bei allem Bemühen der Tatjana Conrad, der Rolle der Rösselwirtin Josepha Vogelhuber
gerecht zu werden, gelang ihr das nicht durchgängig.
Und obwohl sie am besten von allen den österreichischen Dialekt in ihre umfangreiche Sprech- und Gesangsrolle integrieren konnte, blieb sie in der
Gesamtausstrahlung zu herb, zu unnahbar, zu wenig österreichisch. Schließlich haben die Librettisten vorgesehen, dass sich die Josepha und der Oberkellner
Leopold nach einigen Raufereien letztendlich doch noch leidenschaftlich mögen und auch bekommen. Diese Entwicklung blieb zu stark unterbelichtet. Als Zuschauer
hatte man zu oft das Gefühl, als würden die beiden aneinander vorbei agieren, bzw. als hätte sie der Regisseur (Reinhard Schwalbe) zu einer Art Zwangpartnerschaft verpflichtet.
Chor und Ballett
Hinzu kam noch, dass sich Jason-Nandor Tomory zwar redlich mühte, dieser Hauptrolle gerecht zu werden, die Partie des Leopold aber spielerisch zu oft
überzogen, mit mehreren nervösen Hängern garnierte und stimmlich - besonders in der Höhe, wo die Töne im Piano oftmals hohl und rau klingen - nicht immer
bewältigte. In der Theaterpraxis hat es sich bewährt, diese Partie mit einem Tenor, am besten mit einem Buffo zu besetzten. Aber auch von singenden Schauspielern
wurden schon durchaus hörbare Lepolde gegeben. Aber, wie der Leopold Brantmeyer von sich selbst sagt, ist halt „der Kellner auch nur ein Mensch“.
Was aber wäre das „Rößl“ ohne die Ausstattung (Erika Lust), die Chöre (Uwe Hanke), deren Bewegung (Sonja Elstermann), ein sehr informatives Programmheft(!)
sowie einer spielfreudigen Statisterie? Das alles zusammen macht schließlich erst Theater aus. Das zusammen brachte, bei allen kritischen Einwänden, eine sehr
gelungene und reich beklatschte, nahezu umjubelte Inszenierung auf die Annaberger Bretter von der man mit dem Bühnenkaiser Franz Joseph - sehr
authentische und anrührend gespielt von Max Lembeck – ausrufen kann: „Es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut!“
Gotthard B. Schicker
Nächste Vorstellungen, Infos & Tickets: http://www.winterstein-theater.de/
|