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Erzgebirgsduft in Ungarnluft
Rauchzeichen eines Erzgebirgers in der Fremde
"Wenn es Raachermannl nabelt..." - keine Sorge, die Geschichte vom Räucherkerzchen, die hier erzält werden soll, geht auf Hochdeutsch
weiter, oder besser erst mal auf Ungarisch: Im vergangenen Jahr war es. Auf dem Annaberger Weihnachtsmarkt suchte ich nach einem passenden Geschenk für unsere magyarischen Nachbarn in Ungarn.
Weihnachts-Stolln war klar, - wie jedes Jahr. Eine Flasche Lauterbacher Tropfen: Bei diesem Grünbittern hatten sie sich beim letzten Mal nach jedem Glas bis nach Ostern hinein
geschüttelt. Also diesmal vielleicht besser eine Flasche 70%iges Grubenfeuer für die paprikaverwöhnten Gaumen. Schwibbogen haben sie auch schon: Der beleuchtete in ihrem
Haus auch noch an späten Sommerabenden den Weg zur Donau. Vielleicht in diesem Jahr einen Räuchermann, den hatten sie noch nicht. Ich kaufte also ein mittleres Exemplar. Natürlich einen Türken,
schliesslich qualmten seine Vorfahren fast 150 Jahre in diesem Land herum. Die pauschbäckige Verkäuferin, die aussah als wäre sie gerade
einer ihrer Engelkapellen entstiegen, packte den Raachermo, wie sie den Räuchermann im Erzgebirgischen nennen, liebevoll in eine Holzspanschachtel (natürlich gegen Aufpreis) und legte
(selbstverständlich gratis) noch eine Schachtel Cruttndorfer Raacherkerzln (für Nicht-Erzgebirger: Räucherkerzchen aus dem Herstellungsort Crottendorf) dazu.
Der dritte Advent nahte und die Nachbarn kamen wie in jedem Jahr zur Weihnachtsfeier in die erzgebirgische Hutznstub (Heimatstube) an der
Donau. Stolln und Kaffe wurden aufgetischt, die Pyramide drehte sich im Lichterschein und der Schwibbogen strahlte im hellen Licht, alte Lieder wurden gespielt und dazu ein, zwei Gebirgskräuterliköre
getrunken. Das Geschenk in der Spanschachtel wurde überreicht und sofort von den Nachbarn ausgepackt. Freude über das Türkenmannl verbreitet sich im weihnachtlich geschmückten Raum. Die beigelegten
Räucherkerzchen wurden zunächst etwas ungläubig besichtigt, dann aber nahm einer der „Türkennachfahren“ so einen kleinen schwarzen Kegel in die Hand und, noch ehe wir uns versehen konnten, hatte das
Mannl aus Holz die Spitze des Räucherkerzchens in sein weit aufgerissenes Maul gesteckt bekommen, um das herausragende dicke Ende anzuzünden. Die Logik der Ungarn war erst damit zu
unterbrechen, indem ein Eingeweihter den alten Türken in seine zwei vorgesehnen Teile zerlegte. Auf dem unteren Teil der Figur wurde nun eine kleine Metallscheibe sichtbar, auf die das Räucherkerzchen zu
stehen und zu qualmen kam. Dann stülpte man den Oberkörper wieder auf das Unterteil und die wohligen Schwaden vom Weihrauch konnten dem dreckigen Türkenmaul entströmen. Gelächter und viel Applaus für
dieses unbekannte Wunderding von allen Seiten. Aber auch viele Fragen nach der Brauchtumspflege im Erzgebirge und speziell zu diesen seltsamen Räucherkerzchen standen plötzlich im Raum.
Nun also zu den Weihrauch-
oder Räucherkerzchen: Es ist bis heute ein Rätsel, warum der katholische Weihrauch ausgerechnet im protestantischen Erzgebirge ein Zuhause fand. Daran sieht man eben, dass die alten
biblischen Überlieferungen wie sie im Matthäus-Evangelium – also in der Weihnachtsgeschichte – aufgeschrieben stehen, konfessionsübergreifend auch heute noch wirken. Obwohl es
nicht erst die drei Weisen aus dem Morgenlande waren, die neben Gold und Myrrhe auch Weihrauch als wertvolle Gabe bei sich hatten als sie die Krippe besuchten. Bereits
vom 1. bis 6. Jahrhundert vor Christus war der Handel mit Weihrauch ein profitables Geschäft, von dem bekanntlich u.a. die Königin von Saba
oder die Sultane von Oman nicht schlecht lebten. Im Erzgebirge tauchen die Weihrauchkerzchen erstmals beurkundet im Jahre 1714 auf einem
Schuldschein der Frau des Bergschmieds Gabriel Töpfer aus Geyersdorf auf. Sie hatte für 6 Pf. 2 einviertel Loth vom Annaberger Drogisten und
Handelsmann Samuel Mylius solche Kerzchen erstanden, aber nicht bezahlen können. Sie beschwor ihn, ihr doch die Weihrauchkerzchen zu überlassen, sonst ist zuhause kein rechtes Weihnachten zu erwarten.
Und die Schuld – die mittlerweile schon höher lag - wolle ihr Mann dann zu Beginn des neuen Jahres durch seiner Hände Arbeit abtragen. Andere
Quellen wiederum deuten darauf hin, dass sogenannte Kartoffelhändler (die Kartoffel wurde Mitte des 18. Jahrhunderts über das Vogtland kommend auch im Erzgebirge eingeführt) auch als
Räucherkerzchenhändler in Crottendorf bzw. zu den Markttagen in Annaberg auftraten und über Absatz nicht zu klagen hatten.
So wie damals will sich auch heutzutage im Erzgebirge ohne die schwarzen (nur die sind die echten) Räucherkerzchen keine rechte
Weihnachtsstimmung einstellen. Nur noch wenige Firmen stellen die Rauchkegel her. Die traditionsreichsten sind wohl die kleinen Manufakturen in Crottendorf und Neudorf sowie die Firma Knox in
Mohorn. Ohne das Geheimnis der Zusammensetzung jener aromatischen Kerzen zu verraten, sollen doch zumindest die Inhaltsstoffe aufgezählt werden, die uns dann derart in Feststimmung
versetzen oder bei manchem – meist Nichterzgebirgern - Hustenreiz und Schwindelanfälle auslösen: Holzkohle ist die Grundlage, sonst wären sie ja nicht schwarz und würden gar nicht brennen, dann braucht
man dazu das Bindemittel Tragant, ein Gummiharz vom Astragalus-Baum Boswellia carteri. Weiter kommt hinzu Stärke, Myrrhe, Ladanum, aber auch andere Austausch- oder Ergänzungsharze wie
Kiefern-, Peru- oder Balsamharz. Ursprünglich waren alle Räucherkerzchen schwarz und voller Weihrauchduft. In den 60er Jahren tauchten auch rote, grüne und gelbe auf, die von den Einheimischen
zunächst misstrauisch beäugt wurden, aber mittlerweile auch in solchen Stuben vor sich hinstinken, wo der Weihnachtsbaum aus Plastik herumsteht.
Das Drehen von Räucherkerzchen war
meist Handarbeit. Erst später kamen Walzenformmaschinen auf, die dann die Pyramidenformen – in drei Grössen – drehten. „Kapuziner“ wurden sie auch wegen ihrer Form genannt. Heute trocknet man die
geformten feuchten Zapfen auch nicht mehr an der frischen Luft vorm Haus, sondern in elektrischen Warmluftanlagen. War vor 300 Jahren die Kerzchenherstellung in Heimarbeit
kaum mit Romantik, Gemütlichkeit oder Weihnachtsstimmung zu verbinden, sondern zum harten Broterwerb notwendig, so ist der Duft des Weihrauchkerzchens heute,
der Duft von Weihnacht schlechthin. Ein Erzgebirgs-Duft, der auch jedes vorübergehende zuhause ein wenig nach Heimat riechen lässt – und das erst recht, wenn beim Nachbarn zwischen Paprika,
Gulaschsuppe und Palinka ein Erzgebirgs-Türke aus Holz seine Raachermannl-Schwaden in die Ungarnluft bläst...
Gotthard B. Schicker / Nov. 2006
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