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Die Linde
Der sagenhafte Frauenbaum des Erzgebirges
“Auf dem Gottesacker zu Annaberg steht eine ungeheuere Linde...
Weit über 2000 Jahre ist der Lindenbaum Symbol für Liebe, Recht, Geborgenheit, Mythen und Sagen. Es ist der Baum
der Frauen, der Baum der germanischen Schutzgöttin Frigga, aus dessen Wipfeln sich das Herzblatt löste, um Siegfrieds einzige verwundbare Stelle zu markieren. Riesige Lindenwälder gab es im Mittelalter,
in denen sich die Geächteten verbargen oder wo in einzelnen großen Baumhöhlen die Eremiten oder einsiedelnde Nonnen, wie z.B. die Hl. Edigna, lebten.
Die “Auferstehungslinde” auf dem Annaberger Friedhof
Die Linde wurde als Baum der Liebe nicht nur von den Liebenden aufgesucht,
sondern der Baum galt auch als äußeres Zeichen jener Liebe, die über das Grab hinaus dauert und auch von daher seinen Platz auf den Friedhöfen fand.
Einzelne Linden wurden auch als Andachtsbäume genutzt, wie etwa die
Auferstehungslinden. Die in Steinbach, auf dem Friedhof vor der Kirche, soll schon 1684 gepflanzt worden sein. Auch auf dem alten Friedhof zu Annaberg
steht ein solches, mehrere hundert Jahre altes Exemplar, von der die Sage erzählt:
“Auf dem Gottesacker zu Annaberg steht eine ungeheuere Linde, die 9 1/4
Ellen im Umfange und 3 Ellen im Durchmesser hat und 16 Ellen lange, unten am Stamm herausgewachsene und auf 24 Säulen ruhenden Wurzeln oder Aeste
hat. Die Höhe des Stammes beträgt 3 Ellen. Nach der Volkssage verdankt sie ihr Entstehen folgendem Wunder: Auf der nach ihm so genannten Riesenburg,
einer Besitzung in der Nähe der Stadt, lebte zu Anfang des 16.Jahrhunderts der Bergschreiber Adam Ries, dessen Name durch sein Rechenbuch eine gewisse Unsterblichkeit erlangt hat.
Die “Auferstehungslinde” auf dem Annaberger Friedhof, Postkarte um 1910
Er brachte alle seine freie Zeit mit Nachdenken über religiöse Gegenstände zu
und besonders machte ihm die Lehre von der Auferstehung viele Scrupel. Er liebte es daher, auf den Gottesacker zu gehen und hier über diesen
Gegenstand weiter zu meditiren. Dies that er auch am 16. Oct. 1519, und zwar in Gesellschaft seines Beichtvaters. Derselbe bemühte sich, ihm aus der
heiligen Schrift die Wahrheit dieses Dogma's zu erweisen, allein vergebens; endlich zog derselbe ein in der Nähe stehendes junges Lindenbäumchen aus
der Erde und steckte es mit den Worten: 'So war es ist, lieber Ries, daß ich dieses junge Bäumchen verkehrt in die Erde stecke und es zu einem großen
Baume heranwachsen wird, eben so gewiß giebt es einst eine Auferstehung!' Zwar machten diese Worte auf den Ungläubigen keinen Eindruck, als er aber
kurze Zeit nachher wieder auf den Kirchhof kam, sah er, daß das Bäumchen vollständig in die Erde eingewachsen war. Seit dieser Zeit ward er aber gläubig
und blieb es bis an seinen Tod, der im Jahre 1559 erfolgte."
So jedenfalls weiß es Gräße in seinem „Sagenschatz des Königreiches Sachsen“
aus dem Jahre 1874 zu berichten, indem er sich auf André bezieht. Köhler, der das „Sagenbuch des Erzgebirges“ 1886 herausgab, beruft sich in seiner
Wiedergabe der Ereignisse um die Annaberger Friedhofslinde auf die „Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg“, 1746, S. 284 von Richter. Weil wir in seiner
Erzählung noch mehr über den Umgang mit der alten Linde erfahren und nicht Adam Ries, der Auferstehungs-Zweifler bei ihm ist, soll auch diese Sagen-Variante hier wiedergegeben werden:
"Auf dem Gottesacker zu Annaberg steht eine große, schöne und mit Ästen
stattlich ausgebreitete Linde, unter welcher der Rat und die Vornehmsten der Stadt auf Stühlen zu sitzen pflegen, wenn die Trinitatispredigt unter freiem
Himmel jährlich zu Mittage gehalten wird. Man hat die Tradition, daß diese Linde bei folgender Gelegenheit umgekehrt hierher gesetzt worden sei. Ein
Marstaller allhier auf St. Annaberg habe einen ruchlosen Sohn gehabt, welcher sonderlich an keine Auferstehung habe glauben wollen, daher ein
Priester sich alle Mühe gegeben, diesen bösen Menschen auf bessere Gedanken zu bringen. Derselbe sei mit dem ruchlosen jungen Burschen auf den
Gottesacker gegangen und habe ihm daselbst vorgestellt, daß dieses das Feld des Herrn sei; wie der ausgestreute Same auf dem Felde aufginge und herfür
wachse, so würden auch diese Begrabenen, so zu sagen, als sein Samen, wieder am jüngsten Tage herfür kommen. Darauf habe dieser junge Mensch
eine noch kleine Linde auf dem Kirchhof erblicket, solche angesehen und zu dem Priester gesagt, so wenig als diese Linde, wenn man sie ausreißen und
umgekehrt mit den Ästen in die Erde setzen wollte , ausschlagen würde, so wenig würden diejenigen, welche einmal tot wären, wiederum lebendig
werden und auferstehen. Hierauf habe der Priester, in göttlichem Eifer entbrannt geantwortet, er wüßte gewiß, Gott würde so gnädig sein, und um
solche Ruchlosigkeit zu strafen, ein Zeichen seiner Allmacht sehen lassen, er wolle diese Linde umgekehrt lassen in die Erde setzen, und würde sie
ausschlagen, so solle er hiervon seinen bösen Unglauben kennen lernen, welches auch hernach also geschehen."
Heutig Naturwissenschaftler meinen allerdings, die Linde habe die generelle
Eigenschaft, daß ihre Äste mit zunehmendem Alter "verknorren" und dann wie Wurzeln aussehen. Schade, wenn es tatsächlich so wäre!
Die “Auferstehungslinde” auf dem Annaberger Friedhof, Stahlstich um 1900
Linde als Stätte der Lustbarkeit
Die Linde diente unseren Altvorderen sowohl als Thingplatz, als Platz der
Gerichtsbarkeit, wie auch als Stätte der Lustbarkeit, und oftmals auch als gesellschaftlicher Mittelpunkt des Ortes. Von der Annaberger Friedhoflinde ist uns überliefert: „Die Mitglieder des Annaberger Rats setzten sich zum Zeichen
ihrer Würde und Gewalt auch während der Predigt im Freien unter den Lindenbaum.“ Schon deshalb war es notwendig, der dortigen Trinitatiskirche
eine zweite Kanzel an der Außenmauer, zum Friedhof zu hin, anzubringen.
Im Gasthaus „Zur Linde“ in Großolbersdorf hat sich des öfteren der „Grüne
Rebell des Erzgebirges“, unser Carl Stülpner, aufgehalten.
Zur Sommerkirmes im damaligen „Katharinenberg im Buchenholze“, dem
heutigen Buchholz, der Schwesterstadt von Annaberg, feierte man in grauer Vorzeit das „Fest der Katharinenkirche zu Ehren der berühmten Linde auf dem Kirchhof“.
Im Annaberger „Lindengarten“, der jetzigen Neuapostolischen Kirche, wurde im
September des Jahres 1893 - zum dortigen Jahrmarkt am Wolkensteiner Tor – „ununterbrochen Concert geboten. Von Vormittag 11 Uhr an wird ein 5 Ctr.
schwerer Ochse vor den Augen des Publikums im Garten am Spieß gebraten. Vormittag von 11 Uhr an Teller- und Kronenfleisch, von Nachmittag 3 Uhr an beginnt das Verspeisen des Ochsen." - heißt es dazu in einer alten
Zeitungsannonce.
Die Hammer-Linde in Frohnau
Erinnert sei auch an die Frohnauer Hammerlinde. Der Fama nach soll unter der
alten Gerichtslinde, wie sie vor einem halben Jahrtausend genannt wurde, am 21. September anno 1496 die Gründung der CIVITAS NOVA IN MONTE TERRIBILI,
"der Neustadt am Schreckenberge" beschlossen worden sein, und von hier aus schritt man auch zur Grundsteinlegung der Stadt - dem späteren St. Annaberg
(1501). In den zurückliegenden Jahren ist der alte Baum zu den Hammerfesten -
die alle fünf Jahre in Frohnau stattfanden - und zu sonstigen Belustigungen von der Jugend der Umgebung auch als Tanzlinde benutzt worden.
Noch in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts konnte man auf einer
Tanzfläche in ihren mächtigen Ästen schwofen. Ich erinnere mich noch daran, wie meine Eltern noch 1959 hier oben das Tanzbein schwangen. Und das
erzgebirgische Tanzlied, das Christian Friedrich Röder um 1830 aufschrieb, war damals dort öfter zu hören:
"Mariannel, Mariannel, dei Röckel gieht vür !
Zieh's na, zieh's na,
dernooch tanz ich mit dir!
Tralala...
Mer tanzen enn Dreher, en Walzer derzu,
e fei wing gelamber, dos macht enn su fruh.
Tralala ...
Dos Tanzen, dos Tanzen, dos is mei ganz Laabn,
es ka, es ka wos Schennersch net gaabn.
Tralala ...
E settes Bargmaadel, dos is fei e Saat,
dos macht enn's Herz munner, dos wackelt ver Frahd !
Tralala ...
Mariannel, Mariannel, du waßt fei, wu's brennt -
un sei mer graakäppert, hot alles sei End.
Tralala ...! "
Später dann, als man Sorge um den Bestand des viele Hundert Jahre alten
Baumes bekam, durften nur noch die Musikanten von dort oben unter dem Wipfel aufspielen, während nunmehr unter der Linde das Tanzbein geschwungen
wurde oder das alte „Frohnauer Hammerlied“ vom Kaden Alfred aus Annaberg - mit dem obligatorischen Löffelklappern (aneinander, am Glas oder auf dem Tisch
– für uns Kinder auch deswegen das schönste Lied) - erklang:
Dr Stolz vun unnern Arzgebirg, e wahrer Edelstaa
dos is alte Hammerwark do unten in Fruhnaa.
Gieh ich do bei dan Haus verbei, bleib ich ver Ehrfurcht stieh
un denk, 's muß noch wie früher sei un här ne Hammer gieh.
Dr alte Hammer, Hammer, Hammer, Hammer in Fruhnaa,
an dan hammr, hammr, ham mr unnre Freid halt dra.
Wie muß doch schie gewaasen sei ze anne dozemol,
Wie noch de Bergleit früh bezeit gezugn nooch'n Sehmatol !
Mer häret rings aus geden Mund e freidiges Glückauf,
Bis nooch dr Neistadt schallet laut dr alte Hammer rauf.
Dr alte Hammer...
Verschwunden und vergange is de gute, alte Zeit,
doch stieht dr alte Hammer noch wie gemol aah noch heit .
Wu' s Herrnhaus mol gewaasen is, is eitel e Gewürg,
E Gasthaus is do eigericht, es schännste im Gebirg !
Dr alte Hammer...
E echte arzgebirgsche Art, wie' s sinstern mode war,
Werd do gehalten un bewahrt, bis in de fernsten Gahr:
Dr Dokter sitzt an Ufen dra, wärmt sich ne Buckl aus,
Raacht' s Pfeifl naabn ne Hannlsma, 's is geder Herr im Haus.
Dr alte Hammer...
Drüm wolln mer aah, su lang mer laabn, när stets in Hammer gieh.
Ach, lieber Herrgott, loß ne när noch tausend Gahrle stieh,
Doß unner treigebirgsches Herz noch lang sich dra derfreit!
Mer wolln ne haltn huch in Ehrn un singe allezeit:
Dr alte Hammer...
Wunderlind von Augustusburg
Mit seinen weitausladenden Ästen steht der prachtvolle, uralte Lindenbaum im
Hof der „Wächterin des Erzgebirges“ - der Augustusburg. Stattliche acht Meter Umfang hat sein weitverzweigter Stamm aufzuweisen. Als „Wunderlinde von
Augustusburg“ ist sie in den Sagenschatz des Erzgebirges eingegangen. Es wird über sie folgende Legende erzählt:
Der Richter hatte schon seinen Schuldspruch Über den Mordverdächtigen
gesprochen, obwohl dieser selbst unter der Folter seine Unschuld beteuerte.
Er riß in seiner Verzweiflung eine junge Linde aus und pflanzte sie verkehrt in
die Erde. „So wahr aus den Ästen Wurzeln kommen und aus den Wurzeln Blätter blühen, so wahr bin ich unschuldig ..." rief der Todgeweihte aus. Als
ihm nun am Tag der Hinrichtung die Schlinge um den Hals gelegt wurde, kam im langgestreckten Galopp ein Reiter herangesprengt und rief mit lauter
Stimme: „Sie grünt, sie grünt!“ Die Blätter, die sich an den Wurzeln der Linde gebildet hatten, brachten dem Angeklagten die Freiheit und das Leben.
Wie in alten Zeiten, so verwenden auch heute noch die Schnitzer aus dem
Erzgebirge das Lindenholz zur Herstellung ihrer kleinen und großen Kunstwerke.
Sie verleihen diesem „sagenhaften Holz“ durch ihrer Hände Arbeit eine „Seele“,
die das Besondere der Landschaft, ihrer Menschen und deren Empfindungen in meisterlicher Weise zum Ausdruck bringt. Das scheinbar stumme Holz beginnt
unter den Händen der Schnitzer lebendig zu werden, sprechen zu wollen. Und so erzählen uns all die Bergmänner, Lichterengel, Nußknacker oder
Pyramidenfiguren aus Lindenholz geschnitzt, ihre Geschichten, die doch so eng mit unserer heimatlichen Geschichte verbunden sind.
Linden-Madonnen
Vielleicht waren die „Baumgesichter“, wie man sie häufig am Lindenstamm
antrifft, einstmals Vorbilder für die Holzbildhauerei. Denn aus dem Lignum sacrum, dem sogenannten Marienholz, werden noch heute die Marienfiguren z.B.
auch im Bayerischen Wald geschnitzt. Solche Marienfiguren sind auch im Böhmischen Erzgebirge anzutreffen. Im 3.Jahrgang (1928), Nr. 4 der Erzgebirgszeitschrift „Glückauf“ gibt es dazu folgende Mitteilung:
“Bei Klösterle steht an der Schlackenwerther Straße ein Marienbild in einer
Hohlen Linde. Das stand erst auf der anderen Seite, auch in einem Baume. Da schlug das Wetter ein. Der Baum flog in tausend Granatstücke und das Bild
schwebte unversehrt, so daß ihm kein Unthätchen geschehen, über die Straße zu der anderen Linde, und dort hat man es dann auch aufgestellt."
Aber auch aus Maria-Sorg in Joachimsthal, oder aus Mariaschein gibt es ähnliche
sagenhafte Berichte über Linden-Madonnen und deren wundersame Wirkungen auf den gläubigen Menschen. Ebenso gehören die Erzählungen der Alten aus
Rosenthal und Rastenburg hierher. Von letzterem Ort weiß man zu berichten, daß die Bewohner das Marienbild aus der Linde, die das ganze Jahr über grün
blieb, in die Kirche holten. Am anderen Morgen stand die Madonnenfigur aber wider in der alten Linde. Daraufhin baute man unter derselben eine Kapelle. Von
stund an hieß der Wallfahrtsort "Heiligenlinde".
Sowohl bei Grohmann aus Annaberg, als auch bei Sieber kommt eine Sage vor,
die von der alten Kloster-Linde in Grünhain erzählt:
“Das Oberdorf von Mildenau hat wegen guter Ausbeute aus den vielen daselbst
befindlichen Bergwerken Reichenau geheißen. Daher ist auch noch bekannt, daß die Marktstraße des Oberdorfes nach Annaberg die Reichenauer Straße
genannt wurde. Es wird berichtet, daß man in Mildenau vor Zeiten mit soviel Ausbeute begnadigt worden sei, daß die 12 Apostel in Lebensgröße aus Silber
hergestellt worden seien. Dieselben sollen sodann in das Kloster von Grünhain gekommen, daselbst jedoch verschwunden sein. Schatzgräber sollen nun oft
nach den Aposteln aus Mildenauer Silber gegraben haben. Doch keiner hat sie jemals finden können. Aber als der Friedelwächter Anwaltswächter war, das
war zu der Zeit, als das Kloster als Weibergfängnis diente, hat er auf seinem nächtlichen Rundgang die Apostel gesehen. Sie kamen aus dem Wurzelgerank
der großen, alten Klosterlinde, feierlich im langen Zuge, einer hinter dem anderen. Dann faßten sie sich an den Händen und tanzten einen Reigen, bis
sie Glock ein Uhr wieder im Wurzelgenist der alten Linde verschwanden."
Todenvögel nisten in der Linde
Die Nützlichkeit für Mensch und Tier bezog sich zu allen Zeiten auf den gesamten
Baum. Selbst dem Wasser in seiner unmittelbarer Nähe wurden heilende Kräfte nachgesagt. Deshalb befinden sich auch häufig Brunnen in seiner Umgebung, die
in alter Zeit einem besonderen Schutz genossen. Die Rinde von ausgetriebenen Ästen, den Bast, nimmt der Obstbauer noch heute gern beim Veredeln, Verbinden (linda, germanisch = Binde) junger Obstbäume.
Die Stare bringen ihre Jungen in ihren Stammhöhlen zur Welt, und für vielerlei
Insekten ist die Linde ein willkommenes "Gasthaus".
Nur die „Totenvögel“ sind auf den „Eulenbäumen“ nicht mehr so häufig
anzutreffen. Durch aufwendige baumchirurgische Behandlungen der alten Friedhofs- und Burglinden konnten die Lebensräume der Vögel teilweise erhalten werden.
Auch in den Lindenalleen oder Lindenstraßen, mit denen nicht selten eine
einstmalige Machtdemonstration von Männer mit dem „Baum der Frauen“ symbolisiert wird, kann man ab und an noch die Vögel der Nacht entdecken.
Linde und Brauchtum
Wie anderwärts, so war es auch im Erzgebirge Brauch, daß nach überstandener
Pest Lindenbäume, mitunter ganze Lindenstraßen aus Dankbarkeit angepflanzt worden sind. Bei den alten Lindenbäumen der Via sacra, der Straße zum alten
Annaberger Friedhof, könnte es sich um eine solche - vielleicht noch einmal später nachgepflanzte - Allee des Dankes für das überstandene Pestleid im Erzgebirge handeln.
Ein anderer, vielleicht längst vergessener Brauch wurde am Andreastag gepflegt:
Die Dorfjugend versammelte sich unter einer großen Linde und die heiratslustigen Erzgebirgs-Mädchen warfen ihre selbstgeflochtenen Kränzchen aus
Stroh nach den Zweigen des alten Baumes. Blieb der Kranz beim ersten Wurf hängen, gab's noch im selben Jahr eine Hochzeit. Jeder Wurf daneben bedeutete
ein Jahr Wartezeit. Ähnlich verhielt es sich mit dem Pantoffelwerfen (ein Brauch, der auch in der Silvesternacht üblich war). Hier warf man allerdings im
Zimmer oder in der Scheune den Pantoffel mit der rechten Hand über die linke Schulter und rief dabei laut: „Schiekel aus, Schiekel ei, wo war iech übersch Gahr wuhl sei?“
Zeigte die Spitze des Hausschuhs zur Tür, wurde noch in diesem Jahr geheiratet.
Deutete sie in die andere Richtung, mußte die Jungfer ein weiteres Jahr warten.
Linde und Gesundheit
In der Naturheilkunde wird der Tee aus Lindenblüten von altersher als
krampfstillendes und schweißtreibendes Mittel angewendet. Besonders bei Husten und Verschleimungen der Luftröhre, aber auch bei Nierenleidenden und
Bleichsüchtigen wirkt die Lindenblüte günstig auf das Leiden ein.
Auch die Blätter der Linde können in Wasser, noch besser in Wein, aufgekocht
dem Bleichsüchtigen wieder zu frischer Farbe verhelfen.
Die feinen Frauen haben sich in der Vergangenheit täglich Gesicht und Hände mit
einem Absud aus Lindenblüten gewaschen und damit eine reine Haut bewahrt. Auch in vielen Kosmetika der neueren Zeit befinden sich aus diesem Grunde Stoffe aus der sagenhaften Linde.
In Steinbach und Satzung ist noch in den 60er Jahren beobachtet worden, daß
einige Bauern aus Lindenholzkohle, zu Pulver zerrieben, ein wirksames Zahnputzmittel herstellen konnten. Dort wurde auch behauptet, daß täglich eine
Messerspitze davon eingenommen, übelriechenden Atem beseitigen hilft. In einem alten sächsischen Kräuterbuch wird empfohlen, etwas vom Holzkohlenpulver in Wasser oder Milch zu verrühren, „...um damit die Gase im
Darm zu binden“.
Wer an Schweißfüßen leidet, der sollte in seine Strümpfe oder Socken
Lindenkohlenpulver, eventuell vermischt mit etwas Weizenklee, einstreuen.
Bei einem Bauern in Tannenberg wurde den Schafen und Ziegen regelmäßig
Blätter der Linde mit in das Futter gemischt, was den Tieren sichtbar gut bekam.
Geschätzt wird auch der Lindenblütenhonig, der in heißer Milch verrührt bei
Erkältungskrankheiten oftmals rasche Linde(rung) des Leidens bringen kann. Von Kindern wird der Tee aus Lindenblüten oder die Honig-Milch auch bei Fieber sehr gut vertragen.
Vermutlich hat der Pollmer Manfred als „E kranker Ma“ auch gute Erfahrungen
mit einem heißen Lindenblütentee gesammelt und diese uns in seinen Versch'ln zur Nachahmung mitteilen wollen:
Fraa, mir krabbelt's in der Nos, aah in Hals kratzt mir ewos! Du, iech spür'sch seit gestern lang: Iech gelaab, iech bie wing krank!
Komm, mach mir enn guten Tee, oder denkst de, doß iech bä 1) ? Ka mer'sch wissen: 'mende tut
mir e haaßes Fußbod gut ?
Hob iech Fieber? 's kännt doch sei ! Namm iech e Tablettel ei ? Ümschläg halfen do wuhl net ?
Schwitz iech, leg iech miech ze Bett ?
Fraa, mir sürmt's un summts in Kopp ! Maanst, iech krieget när de Schnupp ?
Du, ne Schnupp, kast mir'sch gelaabn, die is fei aah ubequam . . . !
Für Nicht-Erzgebirger: bä = inhalieren
Auch in den Erinnerungen unserer feinfühligen Heimatdichterin Martha Weber,
die 1904 in Wiesa geboren wurde, spielt die Linde eine nachhaltige Rolle:
“Die Linde beim Haus am Bach, früher Nr.45, Dorfstraße, sie stand schon,
höchstens 10 Jahre alt, als ich 1912 nach Schönfeld kam, die hab ich zigmal angedichtet, es war so schön, jedes Jahr am 1. Juli blühte sie, bin jedes mal
auf den Dachboden gestiegen, der Kopf wurde zum schiefen Dachfenster ein wenig rausgebogen, die Linde stand im vollen Schmuck...“ - schreibt sie in einem ihrer poesievollen Briefe.
Und wie sollte es anders sein? Ihre Erlebnisse von damals gießt sie in jene sensible Lyrik von der „Lindenwiege“:
Wenn ich mnächtens schlaflos liege,
sinne alten Zeiten nach,
weicht des Hauses altes Dach
und ich schaukle in der Wiege.
Schaukle in der Lindenwiege
wie ein Knabe unterm Baum,
spinne einen fremden Traum,
wenn ich mich ans Kissen schmiege.
Wiegt der Wind mich auf und nieder,
und ich schaukle hin und her,
Linde, werden meine Glieder
mit der Zeit dir nicht zu schwer ?
Linde, singe Wiegenlieder !
Nimmersatt will immer mehr... "
Eine Linde sollst du pflanzen...
Die Lindenbäume in unserem Erzgebirge - aber nicht nur sie - sind in
Gefahr, den langsamen Tod zu sterben. Weil Ökologie und Heimatliebe noch nicht Überall eine bewußte Einheit bilden, wird die Freude über die
noch bestehenden Lindenalleen oder die wundervollen Einzelexemplaren nicht mehr von langer Dauer sein. Nur wenn jeder einen wirksamen
Beitrag zum Erhalt unserer sensiblen Umwelt beitragen wird, könnte noch eine Chance für das Überleben dieses sagenhaften Baumes gegeben sein.
In manchen Gegenden ist es üblich, bei der Geburt eines neuen
Erdenbürgers einen Baum zu pflanzen. Bringen wir also Lindenbäumchen in die Erde; immer dann, wenn ein kleiner Mensch in unserem Erzgebirge das Licht der Welt erblickt.
Nicht nur Frigga hätte ihre Freude an diesem dereinstigen sagenhaften
Lindenwald, auch dem Günther Anton würden wir damit eine nachträgliche Freude bereiten, wenn wir seine einstmalige - vermutlich auf Nadelbäume
bezogene Aufforderung - auch für die Linde recht beherzigen:
E Baamel muß mer pflanzen
on noch e paar Baaml hi,
nort wird in spötern Zeiten
e grußer Wald so stieht
Do känne de Vögele baue
Ihre Nastle of de Baam,
Do werd´s nort singe on klinge,
Es werd e montersch Labbn.
On haamlich wird´s dort rauschen
In rischer Waldesluft,
´s wird sich alles erquicken,
wenn laut der Kuckuck ruft.
Gott gaab senn Bergsgn immer,
deß fest stieh tut der Wald,
es söll sich dra erfreie
jed´s Waasen, gon on alt!
Gotthard B. Schicker
Budapest/Annaberg Mai 2006
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