|
Schöne Stimmen für den guten Zweck
Annaberger Theater begeisterte mit italienischem Stiftungs-Konzert
Unter dem doppeldeutigen Titel „Lache, Bajazzo!“ - der auch als ein kräftiges „Trotzdem!“ interpretiert werden kann - fand am vergangenen Samstag
wiederholt ein sehr hörenswertes Konzert zum Erhalt und zum Aufbau der Erzgebirgischen Theater und Orchester-Stiftung (ETHOS) statt.
Rolf Jürgen Schubert,
der Vorsitzende des Stiftungsrates, konnte gemeinsam mit dem Intendanten, Dr. Ingolf Huhn, vor einem vollbesetzten Haus seinen Dank an die Zustifter
richten, die mit dazu beigetragen haben, dass derzeit ein Stiftungskapital von über 100.000 Euro zur Verfügung steht. Von den Zinsen werden Projekte, Inszenierungen oder Anschaffungen wie z.B.
Instrumente der Erzgebirgischen Theater- und Orchester GmbH gefördert. Alle Künstler des Abends verzichteten zugunsten dieses Anliegens auf ihre Gagen und boten ein großes Fest der italienischen
Gesangskunst.
Unter der Leitung ihres GMD Naoshi Takahashi leistete das Orchester
Schwerstarbeit sowohl bei der diesmal sehr differenzierten Begleitung der Solisten als auch bei der Interpretation von Rossinis Willhelm-Tell-Ouvertüre zu Beginn des
zweiten Teil des Abends. Hierbei konnte der Klangkörper – trotz einiger kleiner Intonationsprobleme z.B. in den Hörnern - seine erstaunliche künstlerische Qualität unter Beweis stellen.
Den ersten Teil begann man programmatisch mit dem bekannten „Schaut her, ich bin´s!“, dem Begrüßungsprolog des Tonio aus dem Bajazzo von Leoncavallo. Obwohl
der neu engagierte Bariton Michael Junge über ein kräftiges Stimmmaterial verfügt und die Höhen recht mühelos meistert, bleibt seine Interpretation wenig anrührend.
Noch deutlicher wurde dieser Mangel von berührender Wärme in der Stimme in der Verzweiflungs-Arie des Rigoletto „Feile Sklaven, ihr hat sie verhandelt“. Neben
zu verhauchten Piano-Stellen fehlte es ihm in der Arie auch an sonorer Tiefe.
Dagegen strahlte der Tenor des Frank Unger beim „Jetzt spielen...“ aus der selben Oper zur Freude des Publikums unbeschwert in den höchsten Tönen und
überzeugte auch im Liebes-Duett aus Verdis Maskenball gemeinsam mit Bettina Grothkopf mit seinem Belcanto. Sie überrascht zuvor bereits mit einer Aida-Arie,
die auch auf jeder größeren Bühne Ehre eingelegt hätte. Hier, wie auch in der Mimi-Arie aus der bevorstehenden Premier an diesem Theater „La Bohéme“,
überzeugte sie mit einer sehr kultivierten Stimme und einer wundervoll differenzierten Tongebung in allen Registern.
Eine weitere Überraschung bot die Mezzosopranistin Tatjana Conrad mit der schwierigen Arie der Eboli aus Verdis „Don Carlos“ sowie der nicht weniger
komplizierten Favoriten-Arie aus Donizettis gleichnamiger Oper. Mit viel Dramatik, wohlklingendem sonoren Stimmmaterial und einer gekonnten Abdunklung in den
Höhen ersang sie sich souverän berechtigte Bravo-Rufe und viel Applaus vom begeisterten Publikum. Bedauerlich nur, dass sie demnächst unser Haus verlassen will.
Als dritte Dame hörten wir die Sopranistin Madelaine Vogt mit der berühmten Arie
„Väterchen, teures höre“ aus Puccinis „Gianni Schicchi“, mit der sie möglicherweise nicht ganz die richtige Wahl getroffen hatte. Ganz anders dann als Musette im
Bohéme-Ensemble aus dem II. Akt. Hier kam ihr leichter Sopran sehr gefällig zur Geltung. Auch Jason-Nandor Tomory überzeugte – wenn auch etwas überzogen –
erst im besagten Ensemble, während er in der Arie des Malatesta „Rein wie ein holder Engel“ aus Donizettis „Don Pasquale“ seine Stimme zu weit hinten ansetzte,
in den Registern Brüche aufwies sowie in der Piano-Höhe zu verhaucht klang.
Gut dagegen kam der kraftvolle, aber dennoch mit einem angenehmen Timbre ausgestattete Bass des László Varga
gleich dreimal über die Rampe. Mit einer Arie aus Verdis „Simone Boccanegra“ konnte er seine modulationsfähige Stimme voll
entfalten, in der Bartolo-Arie aus Rossinis „Barbier von Sevilla“ durfte er ein kräftiges Stück seiner buffonesken Möglichkeiten ausspielen, um schließlich mit der
Mantel-Arie aus „La Bohéme“ einen weiteren stimmlichen Höhepunkt (mit viel Applaus und Bravorufen!) in diesem italienischen Abends zu platzieren. Mit dem
Finale aus dem II. Akt – zu dem sich dann noch der singende Schauspieler Matthias Stephan Hildebrand gesellte - bekam man dann einen sehr angenehmen
Vorgeschmack auf die Premiere am 22. Januar nächsten Jahres.
Als Abschied-Zugabe vereinten sich noch einmal alle Stimmen, um mit dem Traviata-Ensemble „Ihr Freunde, auf schlürfet...“ das enthusiasmierte Publikum
nicht nur für diesen Abend zu verabschieden, sondern es zu weiteren Vorstellungen in dieses für die Region so notwendige Theater einzuladen, wie sich das Intendant
Huhn auch mehrfach in seiner kurzweiligen und launigen Moderation wünschte. Allerdings sollte man bei zukünftigen Veranstaltungen dieser Art auch einmal
darüber nachdenken, wie man das Schauspiel-Ensemble mit einbeziehen könnte, schließlich handelt es sich um ein ZWEI-Sparten-Theater.
Die Umstände, in denen das Theater agiert und derartige anerkennenswerte Leistungen vollbringt, sind in keiner Weise günstig. Und trotzdem geht jeden Abend
der Vorhang auf, und es wird für das erwartungsfrohe Publikum gelacht, geweint, gesungen und getanzt – egal, wie es da drinnen ausschaut. Also: „Trotzdem!“ - oder
„Lache, Bajazzo!“ Immer wieder und unter allen Umständen – wenn wir es nur wollen und wenn wir etwas dafür tun. Die Vorstellungen besuchen ist das eine, der
Stiftung beitreten oder durch kleine oder größere finanzielle Beiträge diese wichtige kulturell-künstlerische Einrichtung, unser Theater, zu erhalten, ist eine andere
Möglichkeit. Glücklich also die Stadt, die noch ein Theater hat!
Gotthard B. Schicker
7.10.2011
|