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Das Erzgebirge im 16. Jahrhundert
Von einer wissenschaftlichen Tagung, die kaum eine war
Der eingetragene Verein „Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde“ aus Dresden veranstaltete am 14./15. Oktober 2011 in Annaberg-Buchholz eine
Tagung zum „Gestaltwandel einer Kulturlandschaft im Reformationszeitalter“, die wissenschaftlichen Anspruch erhob, wie die Tagungsleiterin und Referentin Frau Prof. Dr. Martina Schattkowsky diesen
formulierte, ihn aber kaum einlöste.
Frau Schattkowsky begrüßte die Gäste: Steffen Flath, der CDU-Chef im Sächsischen Landtag, hielt eine allgemeine Begrüßungsrede, Landrat Frank Vogel schloss
sich dem an, Bürgermeister Procksch vertrat die Oberbürgermeisterin mit ein paar gescheiten Worten zur Tagungs-Stadt, bevor auch noch der Direktor des Institutes, Prof. Dr. Winfried Müller, seine
Einrichtung vorstellte und begrüßende Worte an die ca. 100 spannungsgeladenen Teilnehmer richtete.
Geschichte zum Anfassen: 2006 präsentierte Rainer Gebhardt,Vorsitzender des
Adam-Ries-Bundes, in Annaberg-Buchholz das älteste erhaltene Rechenbuch Deutschlands. Das Buch ist heute im Adam-Ries-Museum in Annaberg-Buchholz ausgestellt. Ganz so
spektakuläre Artefakte hat die Forschung nicht immer zu bieten, aber so trocken wie zuletzt muss es wohl auch nicht zugehen...
Er gehörte dann auch zu den wenigen Rednern, die durch neuere Forschungsergebnisse bezüglich der protestantischen Erinnerungskultur anhand der
Stadtjubiläen in Annaberg von 1496 bis 1696 beitrugen. Vor ihm überzeugte bereits Prof. Dr. Helmuth Albrecht aus Freiberg mit seinem Vortrag zum
Weltkulturerbe-Projekt an Hand von Objekten aus dem 16. Jahrhundert. Obwohl er bereits als Leiter der Welterbe-Projektgruppe eine sehr informative Begleitbroschüre
zum UNESCO-Antrag heraus gegeben hat, waren seine Erläuterungen zum Stand der Entwicklung sehr aufschlussreich und weiterführend. Nur andeutungsweise
ging er auf das zögerliche Verhalten der Landesregierung bezüglich der Einbeziehung des böhmischen Teils des Erzgebirges in die Antragstellung ein.
Steffen Flath, der vielleicht zu diesem Thema nähere Auskunft hätte geben können, hatte mit all den andere beiden Repräsentanten des Landes und der Stadt den
Tagungsort bereits verlassen. Schließlich war es Freitag um Eins...!
Das Referat von Dr. Michael Wetzel zum Ausgestaltungsprozess des frühmodernen
albertinischen Territorialstaat wurde zwar engagiert vorgetragen, brachte aber kaum neuere Erkenntnisse. Auf drei Fragen aus dem Auditorium konnte er keine oder nur
unbefriedigende Antworten geben. Informativ dagegen die junge Absolventin der Dresdner Hochschule, Franziska Neumann, die ihr Thema kurzfristig wechselte und
sich mit der Konfliktformulierung und -regulierung in Schneeberg zur Reformationszeit beschäftigte. Wenn ihr auch noch einige rhetorische Fähigkeiten
fehlen, um ihren Vortrag mit der notwendigen Spannung zu vermitteln, waren doch sehr gute Ansätze einer wissenschaftlichen Arbeitsweise zu erkennen.
Ebenso im Beitrag von Dr. Stefan Bürger, der sehr anschaulich und mit einigen
neuen Sichtweisen auf Besonderheiten der Architektur als Zeichen des kulturellen Wandels an der Annaberger Annen-Kirche aufwartete. Von solcher Güte hätte man
sich auch gerne all die anderen Vorträge gewünscht, insbesondere den von Prof. Dr. Schattkowsky, der durch die Aneinanderreihung von längst bekannten Akteuren,
Strukturen und Prozessen im Erzgebirge des 16. Jahrhunderts dem von ihr selbst formulierten Anspruch an eine wissenschaftliche Tagung kaum entsprach.
Am Ende des ersten Tages konnte die Oberbürgermeisterin Barbara Klepsch, die davor wegen eines Auswärtstermins verhindert war, dann doch noch die Teilnehmer
begrüßen und zu einem kleinen Imbiss auf Einladung der Stadt bitten.
Neben dem bescheidenen Niveau der Veranstaltung bleibt zu bemängeln, dass zu den Annaberger Themen nicht ein Referent aus der Hauptstadt des Erzgebirges
sprach. Ob es sich dabei nur um ein Organisationsproblem der Veranstalter handelt, oder ob die Stadt in deren Augen über kein ausreichendes wissenschaftliches
Potential verfügt, sollte im Nachklang noch ausgewertet werden. Schließlich treffen sich hier im Erzhammer, dem diesmaligen Tagungsort, regelmäßig die Historiker der
Stadt unter denen sich etliche befinden, die zum Thema der Tagung sicherlich einige Neuigkeiten im Sinne eines wissenschaftlichen Anspruchs hätten beitragen können,
wie man ihren zahlreichen Veröffentlichungen – gedruckt und digital – bei einer wohlwollenden Recherche hätte entnehmen können.
Gotthard B. Schicker
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