Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Wenn sie nur fleißiger gebrauchet würden...

Aus der Geschichte der erzgebirgischen Kräuterheilkunde

„Es hat die gütige Natur so viele balsamische immergrünende Gewächse in diesem Gebirge nicht umsonst gepflanzt...“ - meint zurecht der Chronist des Erzgebirges, Pfarrer Christian Lehmann aus Scheibenberg. Ihm ist es mit zu verdanken, dass wir einen bescheidenen Einblick in die Volksheilkunde der Erzgebirger erhalten, wie sie im 16./17. Jahrhundert in unserer Gegend verbreitet war.

In seinem 1699 erschienen „Schauplatz...“ berichtet er über die Arzneimittel des armen Mannes und darüber, wie man sich in Wald und Flur unserer erzgebirgischen Heimat zur damaligen Zeit bediente, um sich „mit simplen und gemeinen Mitteln“, gegenseitig helfend, von Unpässlichkeiten und Krankheiten zu befreien. Die Wiesen, Wälder und Felder des Erzgebirges waren es damals wie heute, die - gleich einer großen Naturapotheke - all das bereit halten, was den Menschen wohltut, ihnen Linderungen von Schmerzen und auch Heilung von Leiden bescheren, „wenn sie nur fleißiger untersucht und gebrauchet würden“, mahnt Lehmann allerdings seine Zeitgenossen eindringlich, „denn wir könnten des teuren Tees und anderer kostbaren fremden Gewürze und Arzneimittel wohl entraten, wenn wir unsere gebirgischen aromatischen Kräuter, Wurzeln, Samen und dergleichen besser kennenlerneten“.

Bergleute und Bauern - die ersten Medizinmänner im Gebirge

Die ersten Siedler im „sächsischen oberen Gebirge“ waren es sicherlich, welche die hier vorgefundenen Pflanzen in ihre Hausapotheke aufgenommen haben, zumal sie diesbezüglich auf Erfahrungen aus ihren Herkunftsgegenden (z.B. Franken, Böhmen) zurückgreifen konnten. Aufgrund ihrer unmittelbaren Beziehung zur Natur waren es zuerst Bergleute und die Gebirgsbauern, die über umfangreiche Kenntnisse der heilsamen Wirkung unserer Flora verfügten und an sich selbst und ihren Familien erprobten. Über viele Generationen sind die dabei gesammelten Erfahrungen weitergegeben worden, - bis hinein in unsere Tage.

Neben den Bergleuten, den Bauern und Handelsleuten waren es in vorangegangener Zeit besonders die Klosterbrüder und - schwestern, die den Alchemisten, Barbieren, Ärzten und dem entstehenden Apothekerwesen oftmals ernstzunehmende Konkurrenz boten, die dann nach der Reformation noch Verstärkung durch die Dorf- und Stadtpfarrer erhielt, welche sich nun ihrerseits intensiv mit den Heilwirkungen der Pflanzenwelt im Erzgebirge befassten. In Zeiten der Drangsal und des Leides, den furchtbaren Pestzeiten, im Dreißigjährigen Krieg oder während der zahlreichen Hungerkatastrophen, wie sie auch unser Erzgebirge mehrfach verheerend heimsuchten, waren die Geistlichen der vorigen Jahrhunderte oftmals Seelsorger und Naturheilpraktiker - Ärzte für Seele und Leib - in einer Person.

Paracelsus

Pfarrer als Heilpraktiker

Wenn man einmal von der poetischen Überhöhung und der zu bezweifelnden Quellentreue absieht, so hat Gertrud Busch in ihrem Bestseller „ Der Pestpfarrer von Annaberg“ das fürchterliche Leben mit der Pest in unserem Gebirge durchaus nachvollziehbar wiedergegeben. Der in Elterlein geborene und später in Breitenbrunn und Annaberg wirkende Magister und Totschläger Pfarrer Wolfgang Uhle hat Anfang des 16.Jahrhunderts, in seiner Sühnezeit also, entsetzliches Elend und tiefes menschliches Leid erfahren müssen. Allein in Annaberg hat im Jahre 1521 von „Matthaei bis Luciae“ die Pestilenz 1178 Personen und über 800 Klöpplerinnen innerhalb kürzester Zeit hinweggerafft. „Ich habe ihrer sterben sehen tausend und mehr in diesen Wochen - man zählete über zwanzig Tote am Tage - hab manch Geständnis heimlicher Schuld empfangen, manchen letzten Wunsch noch erfüllet nach des wünschenden Tod, hab manches verzagte Herz in Gott getröstet, manches aufbegehrende mit Seinem heiligen Willen versöhnet. Bin aber nicht nur ein Prediger gewesen und Diener Gottes, sondern oft auch ein Krankenwärter und Mundschenk, ein Arzt und Kammerknecht“ - so beginnen die fiktiven Schilderungen des Pfarrer Uhlen über seine Zeit im pestverseuchten Annaberg.

Beim Seelenhirten Christian Lehmann aus Scheibenberg verblüffen noch heute die umfangreichen naturmedizinischen Kenntnisse, die für fast alle ungesunden Lebenslagen ein Mittel aus der erzgebirgischen Naturapotheke, oder wenigstens einen Rat für eine bessere Lebensweise zur Verfügung hatten. Ob es sich dabei um Schwangerschafts- oder Geburtsprobleme, das Zahnen der Säuglinge, verstopfte Näschen, gequetschte Finger, Würmer, Ohrenschmerzen u.v.a.m. handelte, - immer war ein Kraut in unserem Erzgebirgsgarten dafür oder dagegen gewachsen, von denen noch heute viele als probate Hausmittel Anwendung finden.

Selbstverständlich befinden sich darunter auch so mancherlei Empfehlungen, die doch einen gewissen Zweifel an deren Wirksamkeit und Verträglichkeit aufkommen lassen. Sagenhaft mutet es zumindest an wenn Lehmann bei Verletzungen vorschreibt, „die Wunden mit Heilpech, Wundholz, mit eingelegten Spinngewebe und Safran, eigenem Urin und dann eingestreuten Safran mit Zucker, ingleichen mit Einsteckung des schädlichen Instruments in Speck“ zu behandeln. Einleuchtender scheinen da schon folgende Ratschläge von ihm zu sein: „Die erfrorenen Glieder retten sie mit kaltem Sauerkraut; die Vergiftung der Glieder mit Milch- und Erdbestreichung; die Beinschmerzen mit Regenwürmern, Brandwein und Ameisenbad.“ Diese und viele andere Empfehlungen hat Lehmann, mit einer gewissen Distanz hinsichtlich ihrer tatsächlichen Brauchbarkeit, als die „simplen und einfältigen Mittel der erwachsenen Armen“ an uns weitergereicht. Die „erwachsenen Reichen“ konnten sich allerdings schon zu Lehmanns Zeiten einen Hausarzt leisten und ihre Medizin aus den überall im Gebirge entstandenen Apotheken besorgen, in denen zur damaligen Zeit die Kräuterheilmittel eine herausragende Stellung einnahmen. Es ist zu vermuten, dass Lehmann die Erkenntnisse der Renaissance-Wissenschaftler, wie sie auch im Erzgebirge - insbesondere in Joachimsthal - ansässig waren, verarbeitet hat.

Agricola und Paracelsus im Erzgebirge

Der Stadtphysikus Wenzel Bayer aus der böhmisch-erzgebirgischen Bergstadt hatte gerade eine Reihe Untersuchungen über Berufskrankheiten der Bergleute, über Wildbäder, Hausapotheken und Gesundheitslehren „für kranke Laien“ veröffentlicht. Ebenso hatte der Sohn eines Glauchauer Tuchmachers und Färbers - Georg Bauer, bekannt unter seinem latinisierten Namen Georgius Agricola - 1556 in seinem Werk „De re metallica libri XII“ gefordert, dass der Bergmann in vielen Künsten und Wissenschaften bewandert sein muss. Neben der Philosophie, der Astronomie, der Messtechnik und der Rechenkunst verweist er darin ausdrücklich unter „Zweitens in der Medizin, damit er Vorsorge treffen kann, daß die Häuer und anderen Bergarbeiter nicht in die Krankheiten verfallen, die ihnen vorwiegend drohen, oder daß er ihnen selbst Heilung bringen oder sie durch Ärzte kurieren lassen kann, wenn sie schon daran erkrankt sind“. Als Bergarzt und Apotheker von Joachimsthal und später von Chemnitz - wo er auch mehrfach das Bürgermeisteramt inne hatte - wird er oft auf Heilmittel aus der erzgebirgischen Naturapotheke zurückgegriffen haben. Mit Agricola befreundet war der Erfurter Arzt und Universitätsprofessor Dr. Georg Sturtz, der wahrscheinlich in Geyer geboren wurde und seine Jugend in Annaberg verlebte. Sturz behandelte Martin Luther (1537) und Philipp Melanchthon (1540) medizinisch, widmete 1542 dem Marienberger Rat ein Buch über die Pest und erwählte Agricola als unmittelbaren Nachfolger für seine Joachimsthaler Apotheke und als Stadtarzt.

Es ist zu vermuten, dass Agricola von einem anderen weltbekannten Mediziner jener Zeit in seinem böhmischen Bergstädtchen zwecks Gedankenaustausches besucht worden ist: Theophrastus Bombastus von Hohenheim hieß der Mann, der als Paracelsus der Volksmedizin auf der Basis der „wundersamen Selbsthilfe der Natur“ zum Durchbruch verhalf. Dieser besuchte aber hauptsächlich das Erzgebirge wegen des weltbekannten Brandes eines Kohleflözes, drei Meilen von Zwickau entfernt, dicht unter der Erdoberfläche des Hammerwaldes. Von 1505 an versuchte man dort fast 400 Jahre lang vergeblich diesen Schwelbrand zu löschen. Der Chemiker und Arzt aus Schneeberg Dr. E. A. Geitner - der übrigens 1823 das Neusilber/Alpakka erfunden hatte - errichtet auf dem Gelände 1837 eine sogenannte Treibegärtnerei, deren tropische Prachtentfaltung 1860 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Acht Jahre später kühlte die Erde ab, die ausströmenden heißen Dämpfe ließen nach, die Zier- und Nutzpflanzen starben rasch ab und somit war es um das botanische Wunder vom Hammerwald geschehen, welches dereinst Gelehrte von Fern und Nah in unser Gebirge lockte.

Zum Thema:

"De Kreiterfraa"
von Gotthard Schicker

Diese erzgebirgische Hausapotheke berichtet unterhaltsam und in hochdeutsch über Kräuter, Blumen, Beeren, Wurzeln, Bäume, lüftet mystische Geheimnisse und schildert unglaubliche Ereignisse, dazu viele Rezepte, mit zahlreichen Illustrationen von Eveline Schicker-Figura.

152 Seiten, Preis: 12,70 €

LESEPROBE

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Bockau wird weltbekannt

Bergleute und Bauern waren es schließlich auch, die als Handelsleute ihre Kräuter und Tinkturen über die Gebirgsgrenzen hinaus, bis hinein ins Böhmische oder hinunter zur Leipziger Messe trugen. Als Beispiel soll hier nur auf das relativ hoch entwickelte Arzneiwesen in und um Bockau - bis hinein ins späte 18. Jahrhundert - hingewiesen werden. Der Ortschronist Georg Körner verzeichnet für das Jahr 1760 über 100 Pflanzenarten, die von einheimischen Laboranten zu allerlei Pillen, Pflaster, Elixiere, Salben, Tinkturen und sogenannten Bergölen verarbeitet wurden. Zu den wichtigsten Handelsobjekten gehörte in dieser Zeit die Arnika-Pflanze, die großflächig angebaut und z.B. im Jahre 1730 in großen Mengen nach Amerika verschickt worden sein soll. Die Angelika-Wurzel, die den kleinen Erzgebirgsort so bekannt gemacht hat, gewann erst etwas später die Bedeutung von der wir heute noch zehren.

Die Arzneimittelhändler selbst tauchten im gesamten deutschen Sprachraum auf und verkauften ihre Waren auch in Polen und Ungarn. Von der Geschäftstüchtigkeit der dortigen Laboranten zeichnet der Bockauer Geschichtsschreiber Sieber ein anschauliches Bild: „Anfänglich handelten die Laboranten mit ihren Waren selbst, später überließen manche den Verkauf Hausierern, andere bezogen nur noch eigenen Märkte, vor allem die großen Messen. So hat Traugott Heinrich Friedrich seit 1776 nach Nürnberg gehandelt und 42 Jahre lang, im ganzen 125 mal, die dortige Messe besucht.“ Auch Georg Körner bestätigt mit seinen Ausführungen die Tüchtigkeit und weltläufige Art der alten Bockauer: „Damit sie mit desto besseren Erfolge in fremden Ländern fortkommen und die Waren geschickt an die Käufer bringen möchten, haben ihre etliche sich auch der fremden Sachen beflissen und den Gebrauch der Medicamente auf gewisse Zettel drucken und stechen lassen, in lateinischer, böhmischer, wendischer, französischer und wällischer Sprache.“

Nicht zu vergessen die Werbesprüche, mit denen sie erfolgreich übers Land zogen:

„Für allerhand menschliche Gebrest
helfen diese Pillen aufs allerbest!“

oder

„Geld brauchst du nicht zu haben in der Tasche,
hast du nur Wundertran in der Flasche!“

Gotthard B. Schicker
Frühjahr 2010

 

 


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