Erzgebirgstreff
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von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Verdiente Bravos

„Don Giovanni“ setzt am Annaberger Theater künstlerische Maßstäbe

Mit diesem „verspielten Drama“ (Dramma giocoso) über die Bestrafung des Wüstlings Don Giovanni hat Mozart „die Oper aller Opern“ geschaffen, wie dies oft in Musikkritiken behauptet wird, und das Annaberger Theater hat mit dieser Inszenierung eine sängerische und darstellerische Ensemble-Meisterleistung auf die Bühne gestellt und damit Maßstäbe gesetzt.

Bei allem noch folgendem Lob für die einzelnen Protagonisten, muss doch zunächst die musikalische Leistung der Erzgebirgischen Philharmonie Aue und insbesondere die seines Dirigenten GMD Naoshi Takahashi etwas näher betrachtet werden: Mozarts Musikrhetorik lebt von der Differenzierung. Sowohl was die gespenstischen Modulationen in d-moll (großartig gespielt in der Ouvertüre) als auch die heiter-tänzerischen Szenen in ihrem Kontrast angeht. Aber auch innerhalb der einzelnen Arie gibt der Komponist zahlreiche Kontraste vor, die unter dem Dirigat Takahashis mitunter verschwommen aus dem Orchestergraben kamen.

Auch von einer ausgewogenen Tempo-Dramaturgie war nicht all zu viel zu vernehmen, wenn auch das vorherrschende Grundtempo das Andante alla breve (gemäßigt schreitend) sein dürfte, so hat diese Oper schließlich insgesamt um die vierzig Tempi im Angebot. Das Hauptproblem aber bleibt weiterhin die undifferenzierte Begleitung der Sängerinnen und Sänger auf der Bühne. Am Beispiel der „Champagner-Arie“ des Giovanni wurde das besonders deutlich: Dort sind zwar ein rasches Tempo, viel Luft und einige hohe Töne (mehrfach „Es“) vom Sänger gefordert. Dennoch muss vom Orchestergraben aus auf die Konstitution des Sängers eingegangen werden, die Begleitung darf ihn nicht durch ein zu rasches Tempo atemlos werden lassen, wie es bei Jason-Nandor Tomory in der Titelrolle etwas zu hören, aber nicht von ihm verschuldet war. Seine angenehme, gut sitzende Bariton-Stimme sowie seine jugendlich-freche Ausstrahlung sind für diese große Partie durchaus geeignet.

 

Die stimmliche und darstellerische Bewältigung dieser Figur durch Tomory berechtigen zu großen Hoffnungen. Dennoch könnte er z.B. das Duett „Reich mir die Hand...“ sowie die Kanzonetta „Horch auf den Klang der Zitter“ noch etwas lyrischer und trotzdem kraftvoll gestalten. Das kann man möglicherweise erreichen, indem die Secco-Rezitative vor den Duetten und Arien langsamer zum Ausklang gebracht werden (wie von Mozart vorgesehen), um dann derart vorbereitet, die Legatobögen besser präsentieren zu können. Wie überhaupt die Rezitative behutsam im Tempo zu behandeln sind, sonst können für den Handlungsfortgang wichtige Passagen durch unnötige sprachliche Überhastung unverständlich bleiben.

Das trifft insbesondere auf die Stimmen der Sängerinnen zu, die allerdings wieder mitunter zu viel Arioso im Parlando mit sich führen. Bettina Grothkopf gab sowohl stimmlich (sehr schön geführte, eindringliche Pianos) als auch im Spiel eine souveräne Donna Anna und war somit ihrem Verlobten, dem Don Ottavio eines Frank Unger, eine ebenbürtige Partnerin. Sein Tenor strahlte nahezu mühelos in der Höhe, während in der Mittellage die Stimme mitunter schwerer anspricht, manchmal sogar verhaucht klingt. Ob es nur an einer etwas vernachlässigten Technik (zu schwache Stütze), oder an einer stimmphysiologischen Unpässlichkeit liegt, sollte geprüft werden.

Überhaupt keine Stimm-Probleme hatte der kräftige und sehr modulationsfähige Bass von László Varga in der Partie des Giovanni-Dieners Leporello. Neben sehr verständlichen Rezitativen (gute Konsonanten-Artikulation), angenehmen Tönen in den Ensembles, gekonnter und witziger Spilastik, meisterte er seine beiden Arien „Keine Ruh bei Tag und Nacht“ sowie „Madamina (Registerarie)“ bravorös, was ihm auch berechtigte Bravos vom begeisterten Publikum bescherte.

Mit Tatjana Conrad hörten wir eine große warme Stimme, die sowohl die Wut als auch die Überlegenheit der verlassenen Geliebten Donna Elvira in dramatischer Spielweise über die Rampe brachte. Da fällt es nicht so sehr ins Gewicht, wenn einige Töne in der Höhe etwas rauh klangen weil sie angestrengt produziert wurden. Im Vergleich zu ihrer Annaberger „Carmen“ hat sie als Elvira stimmlich eine beachtliche Steigerung gezeigt.

Das Liebespaar Masetto-Zerlina wurde sowohl stimmlich als auch in der tragisch-komischen Darstellung von Leander de Marel dominiert. Seine Artikulation in den Rezitativen war vorbildlich, stimmlich im Duett durchaus akzeptapel und darstellerisch in gewohnter Souveränität. Madelaine Vogt gab sich alle Mühe, der niedlichen Braut vom Lande stimmlich gerecht zu werden, was ihr auch durch den Regie-Gag – Einbeziehung ihrer andern Umstände -recht gut gelang.

Und wenn es für das kleine Ensemble kompliziert ist, eine Stentor-Bass-Stimme für die Rolle des Komtur zu finden, dann sollte doch zumindest das stimmliche Angebot vom Max Lembeck durchgängig elektronisch verstärkt werden, wie es bereits in der Friedhofsszene der Fall war und bei zahlreichen Giovanni-Inszenierungen selbstverständliche Praxis ist. Dann wäre diese Schlüsselfigur der Oper im praktischen und ansprechenden Kutschen-Bühnenbild von Sandra Linde der eher konservativen, aber dennoch ansprechenden Regie von Ingolf Huhn sicher noch markanter in Erscheinung getreten.

Das Ensemble – einschließlich Chor und Extrachor (Leitung Uwe Hanke) - hat mit diesem maßstabsetzenden Don Giovanni gezeigt, dass noch einige künstlerische Reserven in ihm stecken, die durch eine differenziertere musikalische Zuwendung sowie einer zeitgemäßeren Regieführung durchaus noch erschlossen werden könnten.

Weitere Termine, Infos und Tickets: http://www.winterstein-theater.de

Gotthard B. Schicker

 

 


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