|
Spurensucher
Stefan Gerlach gibt in seinem Buch sachkundig Einblicke in die Beat-Geschichte im Erzgebirge und Vogtland aus persönlichem Erleben
Wer den dichtenden, singenden und musizierenden Erzgebirgs-Barden von seinen CDs oder in Life-Auftritten kennen gelernt hat, der wird womöglich
überrascht sein, nun einen schreibenden Stefan Gerlach in seinen Erinnerungen zu erleben. Er war schließlich an vorderster Front mit dabei, „Als der Beat ins Erzgebirge und Vogtland kam“, wie er seine
Teilbiographie bescheiden untertitelt hat.
Schließlich gehörte er mit zu den
Protagonisten, die unter teils fröhlichen, teils widerlichen Bedingungen diesen Westexport im östlichsten Osten unseres Landes zur kulturellen Lebensweise mehrerer Generationen entwickelte.
Auch wenn man sich nicht lebenslänglich mit dieser Musikrichtung identifiziert hat, weil sie innerhalb der Gesamtmusikkultur ihre eigene „Spur“ hat, auf der sich solche Enthusiasten wie Gerlach bewegen,
selbst dann ist man von den erzählten Erinnerungen dieses nimmermüden Spurensuchers sehr angetan. Gerlach geht bei seinem „Abtauchen in die Vergangenheit“ nach
dem klassischen Biografiemuster, also in chronologischer Betrachtung der hinterlassenen Spuren - ohne längere Rückblenden oder anderen Techniken - nach.
Diese Methode ist zwar informativ, für den Outsider aber auch mit Längen behaftet. „Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich mich kürzer gefasst“ - dieses
Goethe-Zitat kann auf Gerlachs Schrift nur bedingt angewandt werden, denn schließlich geht er seit 2001 mit der Idee einer Veröffentlichung seiner
Erinnerungen schwanger. Was nun hier entstanden ist, kann in weiten Teilen auch als ein Fachbuch für die Beat-Historie in Ostdeutschland mit
charmanten persönlichen Entwicklungslinien bezeichnet werden. Abgesehen von der persönlichen Hinwendung zum Beat, über die Band-Gründungen
und deren Entwicklungen bis zu den eingestreuten Anekdoten (sehr lesbar z.B. das Kapitel über die „Schwejkiaden“) und Reisebeschreibungen, sind die
133 Seiten auch das Buch eines Beat-Experten für solche, die es schon immer waren oder noch werden möchten.
Gerlach könnte ohne weiteres Vorlesungen an Hochschulen in Sachen Beat geben, falls es derartige Studiengänge gäbe. Denn sein Fachwissen, gepaart
mit seinen persönlichen Erfahrungen in diesem Massenkultursegment, sind ein ganz besonderes Kapital. Von daher können auch all jene froh sein, die
auf diesem Gebiet noch immer Defizite anmahnen. Aber auch diejenigen, die ihre musikalische Sozialisation auf anderen Spuren gesucht und gefunden
haben, können diese erzgebirgische Beat-Geschichte mit Gewinn und auch mit Genuss lesen. Darüber hinaus ist es aber auch ein Buch zu einer aktiv
erlebten DDR-Geschichte mit all ihren misslichen, dümmlichen, zynischen letztlich dem Untergang geweihten Seiten, aber auch den Möglichkeiten, in
gewissen räumlichen und intellektuellen Nischen auch mitunter attraktive Überlebens- und Entwicklungsmöglichkeiten zur Persönlichkeitsgestaltung
zu nutzen. Hätte es diese nicht gegeben, wäre eine Angela Merkel heute keine deutsche Regierungschefin und Stefan Gerlach nicht einer der bekanntesten
und intelligentesten Liedermacher und Interpreten der musikalischen Erzgebirgskultur geworden.
Zugespitzt könnte man sogar die Auffassung vertreten, dass die Gerlachsche Entwicklung ohne die DDR mit all ihren Repressalien und verordneten
Anpassungen vielleicht so nicht möglich gewesen wäre. Ohne die aktive Lösung der von ihm im Buch mehrfach beschriebenen Widersprüche – nicht
nur auf musikästhetischen Gebieten – hätten wir vermutlich heute nicht diesen Gerlach und auch nicht „Wind, Sand und Sterne“ - und schließlich
auch nicht diese aufschlussreiche Spurenverfolgung mit den zahlreichen Fotos, auf denen verfallene, aufgerichtete, angemalte Häuser und Säle sowie
fröhliche Gesichter einschließlich einer ausgelassenen Körpersprache auf den Band-Bildern zu sehen sind.
Gerlachs Sprache lebt vom erzählenden Charakter, mitunter plaudert, fabuliert er wie in seinen aufmüpfigen, anrührenden, aber immer recht
gescheiten Liedern. Manchmal trägt es ihn auch in den Gedanken weg vom allgemeinen Leser und dessen Erwartungen, weil dann der Experte zum
Fachmann spricht, oder der Insider zum Mitwisser. Das sind Momente, bei denen der oberflächliche Leser mit zu vielen Fakten – z.B. hinsichtlich der
einzelnen Bandentwicklungen – informatorisch überfordert wird. Das ist aber bei einer chronologischen Biographie kein Problem für die sich noch mit ihm
gemeinsam erinnernden Protagonisten jener Zeit oder deren Nachfahren.
Wenn Stefan Gerlachs musikalische Spurenlesung auch nur auf einem relativ kleinen geographischen Raum wie Erzgebirge-Vogtland stattfindet, so hat sie
doch exemplarischen Verweischarakter auf eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung zu einer Zeit, die sich mitunter immer noch einer einseitigen
Beurteilung unterwerfen muss. Gerlachs Buch hilft auch hier, mit an einer längst überfälligen Differenzierung in der Bewertung eines Musikerlebens in
der DDR beizutragen. Schade nur, dass die aufgeschriebenen Erinnerungen über die 60/70er Jahre kaum hinaus gehen. Nach der Lektüre ist man
durchaus gespannt, wie es dem Erz-Erzgebirger in den Jahren danach und insbesondere seit der deutschen Einheit ergangen ist.
Bleibt also zu hoffen, dass sich Gerlach bereits auf neuerliche Spurensuche begeben hat, um seine Leserschaft nicht ein weiteres Jahrzehnt auf den
überfälligen Nachtrag warten zu lassen. In der Zwischenzeit kann man sich aber schon mal musikalisch mit dem späteren, dem heutigen, dem angekommenen Gerlach beschäftigen: Schließlich gehört der einstige
Beat-Musiker und Band-Leader mit zu den besten Interpreten der Lieder von Anton Günther und damit zu einem anerkannten Botschafter des
Erzgebirges, wie man nicht nur auf seiner Doppel-CD erlauschen, sondern auch bei seinen Solo-Auftritten oder mit den großartigen Musikanten von
„Wind, Sand und Sterne“ - aber auch bei seinen Vorträgen aus seinem „Spuren-Sucher-Lesebuch“ erleben kann.
© Gotthard B. Schicker, August 2010
Stefan Gerlach: „In meiner Spur – Als der Beat ins Erzgebirge und Vogtland kam“,
BERG-Straße Verlagsgesellschaft mbH, Aue, 2010, ISBN 978-3-9811372-4-8
www.windsandundsterne.de
|