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Geschichte von der Fichte
Das Erzgebirge und sein sagenhafter Weihnachtsbaum
Was wäre ein erzgebirgisches Weihnachten ohne den Duft der echten Fichten aus unseren Wäldern? Die Eindrücke, die der Fichtenwald mit seinen Moosflächen seinen
Schwammen, Beeren, Zapfen und seinem Duft aus der Kindheit hinterlassen hat, sind noch heute "Tankstellen" für eine manchmal triste Gegenwart und ungewisse Zukunft - im weitbekannten
Weihnachtsland...
" O Tannebaam, o Tannebaam,
nu sieht mer bal dich wieder; e jedes singt von dir derham de schönnsten Weihnachtslieder. Doss deine Nodeln immer grü, dos wussten mir als Kinner schie ...
O Tannebaam, oTannebaam, wie oft werscht du besunge! Voll Adacht singe allezamm, de Alten un de Gunge. När du, du machst e dumms Gesicht, de mehstens bist du när -
e Ficht ! . . . "
So wie es der Wenzel, Max in seinen "Verschln" beschreibt, wussten wir auch als Kinder schon, dass es sich bei unserem Christbaum meistens um eine Fichte
handelte, die wir uns selbst am Heiligen Abend so gegen Mittag, wenn der Pöhlbergförster sein Schläfchen machte, mit dem Vater aus dem Wald holten.
Wie stolz waren die Eltern, als sie 1946 eine Bescheinigung vom Annaberger Bürgermeister in den Händen hielten, die sie berechtigte, einen Weihnachtsbaum
aus einem festgelegten Waldrevier zu holen. Marschall Shukow gab den Befehl aus und die sächsische Landesregierung hatte sich darum zu kümmern, dass die
Familien mit Kindern Weihnachten unter einem Christbaum feieren konnten. Ein solcher Baum kostete damals zwischen 50 Pfennigen und 3 Mark. Der
russische Militärkommandant von Annaberg erweiterte diesen Befehl und ordnete den damaligen Landrat Felisch an, auf jedem Marktplatz der
Erzgebirgsorte einen Weihnachtsbaum mit Beleuchtung aufzustellen, unter dem dann am Heiligen Abend Weihnachtslieder von den örtlichen Chören und Singegruppen gesungen werden durften.
Später dann, als die Christbäume auf verschiedenen Plätzen in den Städten und Dörfern des Erzgebirges verkauft wurden, schleppten wir immer eine
gutgewachsene Fichte nach Hause. Der Pollmer Manfred aus Geyer hat die Atmosphäre von damals in seinem Gedicht "Christbaammarkt" anschaulich wiedergegeben:
"Nu saht när, nu kommt när, nu macht när un laaft: Ben Konsum in Huf drübn wardn Christbaam verkaaft !
Noch sei mir de erschten, se fange grod a. Wuhl dan, dar in Ruh sich enn aussuchen ka !
Do haste de se stiehe, an Zaun ümering. Gung, sperr mir de Aagn auf un spann mir e wing:
Mir tunne uns heier enn ordtentlichn nür nei - e schiebböckets Fichtel kimmt net bei uns rei !
Namm dos in der Hand, wu de denkst, dos es gäng,
un guck dir'sch fei a, in der Bret', in der Läng, un los sette Krakeln, wie dan dohier, do! Von dan falln de Dangeln doch itze schu o.
Nu, dar erschte do hinten, dar derrwantge Sterl !
Dar gieht noch zer Nut fer der Küch a als Querl. Dernabn, dar kännt taagn, ja, dos aane stieht fest; dar is schie gewachsen, un voll sei de Aest.
De maanst, dar do vorne wär aah gar net schlacht ? Zeig har! Iech gelaab, Gung, do hast de mol racht; Er is net ze gruss un er is net ze klaa, aah sist is kaa Utaadel an ne ze sah.
Dan namme mir, dar is uns gut fer derham ! Wos kost' er ? Drei Mark när ? Die könne mir gabn. När gut, doss mir zeitig genung hierten warn; nu kämer ne Wag naus in Wald uns dersparn.
Wos mahrschte de? E salberscht gehulter käm nischt ? Du willst wuhl gar, doss uns der Färschter derwischt ? Naa, naa, mir bleibn ehrlich. Wos hätt mer dervu ?
Mir hobn enn un's raane Gewissen derzu . . . ! "
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Kiefern, die man auf solchen "Christbaammärkten" auch anbot, entsprachen nicht so recht unseren Vorstellungen von einem echten Weihnachtsbaum, und
die paar Tannen, die es ab und an gab, waren uns schon damals zu teuer. So sangen wir also alljährlich nach dem "Neinerlaa" und vor der Bescherung unsere
Weihnachts-Fichte mit einem kräftigen "O, Tannenbaum" an. Heute nun, wo ein vielseitiges Angebot an Christbäumen die Nachfrage bei weitem übersteigt und
so manche Renter, Vorruheständler oder Arbeitslosenhaushalte die sagenhaften Preise oftmals nicht mehr bezahlen können, heute also geht man wieder am
Heiligen Abend , oder an den Tagen davor, häufiger in den Wald, um sich dort selbst zu bedienen. Andere kaufen sich ihren Baum schon im Sommer, im
Warenhaus. Gut in einem Karton verpackt wird der pflegeleichte Plastikbaum dann alljährlich zur Weihnachtszeit - leider auch schon in einigen
erzgebirgischen Stuben - aufgeklappt und mit einem Fichtennadel-Duft-Spray behandelt. Dann breitet sich über die Nussknacker und Rauermänner Made in
Hongkong ein Aroma aus, das stark an eine Mischung von früherer Erzhammer-Toilette und dem obligatorischen Fichtenzweiglein am Rockaufschlag unseres Erzgebirgsoriginals, dem Schramm Arthur, erinnert.
Wie gut, dass dieses Erzgebirgs-untypische Verhalten nur vereinzelt anzutreffen ist und immer mehr Erzgebirger sich wieder auf die Traditionen ihrer Vorfahren
besinnen.
Dort haben die echten Christbaume aus dem Erzgebirgswald, - die Pyramiden, Engel, Bergmänner, Räuchermänneln, Schwibbögen und Lichterspinnen von
geschickten Händen aus den Hölzern unserer Heimat hergestellt - , ihren festen Platz schon von alters her. Übrigens ist die Annahme, nur keine echten
Weihnachtsbäume zu kaufen grund falsch. Genau das schadet nämlich unserem Wald. Unsere Wälder waren vor mehr als 500 Jahren grosse Mischwälder, in
denen sich die Fichte recht bescheiden ausnahm. Erst viel später setzte sich eine relative Monokultur in Form von ausgedehnten Fichtenwäldern durch. Das wird
auch die Zeit gewesen sein, in der der höchste Berg Sachsen, wegen seines üppigen Bestandes an kleinen "Fichteln", seinen Namen erhalten hat: F i c h t e l
b e r g. Mag sein, dass die Ethymologen auf eine andere Herkunft des Namens gestossen sein mögen, - es wäre irgendwie schade drum.
In unseren Wäldern, die oftmals den Charakter eines Urwaldes trugen, hat damals offenbar viel wildes Getier gehaust, wie dies der Chronist Jenisius uns den
Annaberger Ratswald für die Zeit um 1513 beschreibt: "Sehr wild und felsicht wars in diesen Wald-Sudüden / da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind." Ganz besonders der Wolf entwickelte sich zur Plage der
Erzgebirger. Auch Christian Lehmann, der Meister Isegrim sogar als Ungeziefer für unser Gebirge bezeichnete, wusste ein Lied davon zu singen:
"Es ist in diesem Waldrevier Nächst Bären kein so grimmig Tier, Zumal wann kalte Winter sind, So raubt und frist er, was er find.
Zerreisst den Wachhund auf dem Feld, Trägt Schaf und Ziegen in die Wäld, Doch fleucht er ohne Raub und Blut Vom Rasseln, Stein und Feuersglut."
Anscheinend ging vom Wolf eine tatsächliche Gefahr für die Menschen im Gebirge aus. Eine Vielzahl von Berichten aus der Zeit des Dreissigjährigen
Krieges, wo es zudem noch grüsste Hungersnöte hier oben gab, bestätigen das gestörte Verhältnis zwischen Wolf und Mensch. Der Wolfsschaden, wie der
Verlust von Wild in unseren Wäldern durch den Wolf von den Alten bezeichnet wurde, muss beträchtlich gewesen sein. Damit war der hungernden Bevölkerung
aber eine wichtige Nahrungsgrundlage entzogen. Ganze Herden von Wölfen sollen sich in den Wintermonaten in den Bergstädten aufgehalten und enormen
Schaden bei Mensch und Tier angerichtet haben. Aus Scheibenberg und Crottendorf wird berichtet, dass im Jahre 1635 mehrfach Menschen in der Stadt
von hunrigen Wölfen angefallen wurden. Eine Fichte war es aber auch, die einem Menschen vor Wölfen vielleicht das Leben rettete: "Anno 1645 wurde im januar der Spittelvogt von St. Annaberg nach Bärenstein
geschickt. Dem begegneten zehn Wölfe mit iher Wolfsbraut. Da diese bei ihm Rettung suchet, stand der gute Mann in grösster Lebensgefahr. Indem fangen die
Wölfe an, werden uneins um die Braut und beissen sich mörderlich herum. Der Mann entspringt auf eine F i c h t e und siehet der Kirmes zu, bis die Wölfin entrissen." - So fabuliert Lehmann in seinen "Schauplatz. . . " - Geschichten und
weiss noch viel Erschröckliches aus jenen Tagen zu erzählen. Denn es war auch die Gegend und die Zeit, in der unsere Sagen und Märchen handeln. Bäume,
darunter auch Fichten, spielten dabei oftmals eine sagenhafte Rolle. Einzelstehende Exemplare, noch dazu, wenn diese auf einem Friedhof standen
waren besonders gut geeignet, für mystische Phantasien. Die bekannte Sage von der "Fichte auf dem Gottesacker in Annaberg" erzählt Th. Grässe nach G. Andrä im Jahre 1837 so:
"Zu Frohnau bei Annaberg lebte einst ein ganz armer Mann, Namens Georgi, der in
den kümmerlichsten Umständen starb. Da nun sein einziger Sohn wegen seiner Armuth die Begräbniskosten für denselben nicht aufbringen konnte, man deshalb
also mit der Beerdigung Anstand nahm, steckte er seinen Vater in einen Leinwandsack, legte denselben auf einen Schubkarren und beerdigte ihn auf dem
hinteren oder neuen Gottesacker in Annaberg mit den Worten: 'komm, alter Vater, komm! lass Dich von mir begraben, dieweil die Menschen Dich nicht hier begraben
wollen.' Kurze Zeit nachher soll nun aus dessen Grab eine Fichte hervorgewachsen sein, die man heute noch sehen kann, und einen im Beinhaus aufgehängte Tafel vom
Jahre 1737 deutet noch jetzt auf diese Begebenheit hin."
Nun, - die Zeiten haben sich geandert. Der Annaberger Gottesacker ist als
solcher nicht mehr wiederzuerkennen. Man hat aus ihm eine Art Stadt-Park hergerichtet. Das Beinhaus gibt es längst nicht mehr, und die Tafel, von der
Grässe spricht, wird sich ebenso in Staub aufgelöst haben, wie dies mit dem sogenannten "Güldschen Schwibbogen" und den darin sich befundenen
Grabtafeln - u.a. denen von den Familien Eisenstuck und Lessing - geschehen ist. Vielleicht hat die alte Fichte auf dem dortigen Gottesacker die verschieden
Stürme der Zeit überdauert, - eher unwahrscheinlich? Nun gut, die alte Auferstehungslinde hatte es dann wenigstens noch geschafft.
Eine "hohe Fichte" soll es auch gewesen sein, in die ein Blitz einschlug und dem armen Bergmann Daniel Knappe aus Frohnau einen reichen Silbergang
erschloss. So jedenfalls wird die Sage vom "Himmlischen Heer bei Annaberg" in neueren Sagensammlungen erzählt. In älteren Überlieferungen war es
manchmal auch eine Tanne, die zum Reichtum der Gegend und zur Stadtgründung von Annaberg beigetragen haben soll. Immer handelt es sich um
einen "Baum der Erkenntnis", der mit der alttestamentarischen Legende vom Propheten Daniel, dem frühen Schutzheiligen der Bergleute (der später vom
Patronat des Hl. Wolfgang abgelöst wurde) in Verbindung gebracht wird.
Ulrich Rülein von Calw, der "Stadtarchitekt" von Annaberg und anderen Bergstädten, hat in seinem um 1500 erschienen "Nützlich bergbüchleyn von Daniel
dem Bergverständigen und Knappius, seinem Bergjungen" bereits eine Trennung zwischen der Legendenfigur des aus der Löwengrube erretteten Daniel und dem
"Knappius" hergestellt und mit dem legendären ersten Erzfund am 27.Oktober 1492 durch den Frohnauer Drechsler Kaspar Nietzel am Schreckenberg in
Verbindung gebracht. Hans Hesse, der geniale Schöpfer des Annaberger Bergaltares (ab etwa 1506 in Annaberg), hat zwar einige Tannen in seine
dargestellte erzgebirgische Bergbaulandschaft hineingemalt, der Baum jedoch, unter dem unser "Knappi" gräbt, ist weder als Tanne noch so recht als Fichte
auszumachen. Auch Ingo Sandner, der sich in ausführlicher Weise mit dem Maler der Spätgotik in Sachsen befasst, spricht in seiner Werkanalyse des
"Bergaltares" nie von einem konkreten Nadelbaum, sondern immer nur vom Baum, wenn vom "Wunderbaum" die Rede ist. Sollte Hesse möglicherweise
schon damals die verschiedenen Versionen der Sage gekannt haben und sich deshalb zeichnerisch nicht festlegen wollen? Oder zieht sich die Verwechslung der beiden Nadelbäume bereits durch die Jahrhunderte?
Welche emotionale Nützlichkeit unsere Vorfahren jenem sagenhaften Baum auch beimassen, das hat der Soph Hans in seinem Gedicht "De alte Ficht" anschaulich und sinnfällig beschrieben:
"An Kreizwaag stieht de alte Ficht vun lange Wuchs, Aest un Gewicht. Die stand wuhl schu ze gene Gahr, wu an uns noch net ze denken war.
Un wenn die erscht derzöhln könnt, dos nähmet hei un morgn kaa End.
De Bergleit sei verbeigelahtscht, die hobn ball dos, ball gens getrahtscht vun guten Gahrn un gruáer Nut un wos mer su derzöhl tut.
Ja, mannichsmol hobn se enn gebracht, daar hatt sei letzte Schicht gemacht.
Ne Wildschütz hot se lauern saah in finstrer Nacht su ganz allaa. De Pascher sei verbeigestiegn,
mei Ficht hot ober stilgeschwiegn, denn gedweds Waasen will doch laabn, drüm hot se geden gern vergaabn.
Se hot beschützt su mannichs Gahr, wos alles när bedürftig war,
Grenzgaager, Färschter, Holzleit aah un wos mer när derdenken ka ver Sunneschei, ver Wind un Regn, ja, su e Baam, dos is e Segn.
Un itze hot se an ihrn Stamm
zwaa Taafele racht schie besamm. Do stieht dr Waag ganz deitlich dra, dos kaaner sich verlaafen ka. Su dient de Ficht in daarer Zeit sugar noch eich, ihr Wannerschleit."
Unsere heimischen Fichtenwälder haben aber noch einen Artikel im Angebot, der in früheren Zeiten vielleicht noch mehr gebraucht wurde als heute. Kein
erzgebirgischer Weihnachtsberg kam ohne das Wald-Moos aus. Ich erinner mich an eine Begebenheit, wie sie sich so etwa in den 50er Jahren bei uns daheim in Annaberg zu Weihnachten zutrug:
Anfang Dezember wars. Noch lag zwar kein Schnee, aber die Tage waren schon empfindlich kalt. Wie in so vielen erzgebirgischen Guten Stuben, wurde auch bei
uns daheim alljährlich die "Weihnachtseck" hergerichtet. Das Brett für den traditionellen Weihnachtsberg war schon vom Oberboten des alten Annaberger
Hut-Schmidt-Hauses geholt worden. Dort, wo unsere Grippenfiguren und das andere "Weihnachtszeig" - die Pyramide, die zahlreichen Nussknacker und
Räuchermänner, Engel und Bergmann und der Christbaumschmuck - ihren järlichen Sommerschlaf hielten, sollen um 1510 die Kräuter der ersten
Annaberger Apotheke getrocknet worden sein. Der Königliche Medicinalrat, Dr.Harms von Spreckel, meint in seinen Aufzeichnungen zur Geschichte der Annaberger Löwen-Apotheke dazu 1930: "Die Lage dieses Hauses konnte bisher
nicht völlig sicher bestimmt werden. Nach der einen Deutung war es das früher Grosse Kirchgasse Nr. 12, jetzt Mittelgasse Nr. 2, gelegene Gebäude des Hutmachers Schmidt." Jedenfalls hatt dieses Haus zwei Böden, und denkbar wäre es schon
mit der einstmaligen Apotheke. Durch die Luft, die hier oben auf dem zweiten Boden standig zirkulierte, war aber auch unser so dringend benötigtes Moos vom
Vorjahr "furztrocken" , wie sich mein böhmisch-bayerische Papa auszudrücken pflegte, und zudem noch recht unansehnlich geworden.
Mein Vater zog sich als flugs seine dicke Winterjoppe an, verpasste mir Mantel, Stiefel, Schal und Handschuhe und ab ging es mit straffen Schritten hinaus aus
dem Haus mit dem Metall-Zylinder an der Wand, - dem Pöhlberg zu. Dort kannten wir von all den Jahren zuvor, die wunderbarsten Moos-Stellen in den
hohen Fichtenwäldern. Herrlich grünes Gebirgsmoos, leicht feucht und würzig duftend, mit Fichtennadeln bestreut und ab und an mit einem Fichtenzapfen
geschmückt. Der Spankorb war bald bis zum Rande gefüllt und die einbrechende Dunkelheit hätte uns sowieso am Weitersammeln gehindert. Der
Heimweg führte denn an der alten Försterei vorbei, ein Stück dem Flössgraben entlang, um schliesslich am St.Anna-Heim - in dem wir oft in diesen Tagen mit
dem Kindertheater Weihnachtsmärchen probten - in die Parkstrasse einzuschwenken. Als wir an der Annenkirche angekommen waren, sahen wir
schräg gegenüber, in Richtung Scherbank, die freundlich-lockenden Lichter der wegen seiner Böhmischen Knödel weit über Annaberg hinaus bekannten
Schenke "Zum Schwan" blinken. Der Weg, den wir zum Pöhlberg rauf und wieder runter zurückgelegt hatten, war doch recht anstrengend. Mein Vater
gönnte sich sicher die grösste Freude selbst, indem er mir die Ermattung ansah und für Linderung im "Schwan" sorgte. Das Bier kostete damals nur ein paar
Pfennige. Es wurde entweder in Holzfässern oder in den beliebten Schnappverschluss-Flaschen von der Fiedler-Brauerei geliefert.
Ich kann behaupten, dass es ein sehr schmackhaftes Bier war, wenn ich damals als kleiner Gung auch nur den Schaum vom Glas saugen durfte, so hab ich mich
doch dann in späteren Jahren intensiver mit dieser und anderen Sorten aus erzgebirgischen Brauereien befassen und den Wohlgeschmack unseres heimischen Bieres verinnerlichen können.
Doch zurück zum Moos aus dem Fichtenwald. Nach den Erklärungen an die Mutter wegen der verspäteten Heimkehr und den dafür vorgetragenen
stichhaltigen Argumenten, die alle mit dem bekannten Mutter-Stöhnen quittiert wurden, konnte das Moos zur allgemeinen Bewunderung ausgepackt und zum
Trocknen auf den lauwarmen Kachelofen geschichtet werden.
Ein Tag vor dem Heiligen Abend: Das Moos hatte die notwendige Trockenheit erreicht und die alljährliche Prozedur konnte beginnen. Mit allergrösster Sorgfalt
wurden die Moosstücke über den vorderenTeil des Brettes verteilt, das den Weihnachtsberg tragen sollte. In die Mitte kamen zunächst zusammengeknüllte
„Freie Pressen“, anderes Zeitungspapier gab es damals kaum, um es dann mit dem duftig-grünen Waldboden zu einem Berg zu formen. Um das Ganze kam
ein Gartenzaun, dessen Latten-Spitzen mit Goldbronze nachgebessert wurden. Nun war der Höhepunkt erreicht: Die ersten Massefiguren - kurz nach dem
II.Weltkrieg beim Annaberger Mannl-Lahl erstanden - entstiegen ihren Schachteln, um auf dem Berg trapiert zu werden. Mit einem unnachahmlichen
Gefühl setzten die kräftigen Schuhmacherhände meines Vaters die zierlichen Hirten, die Schafe und Kamele sowie den zarten Engel der Verkündigung an ihre
angestammten Plätze um die Geburt des winzig-kleinen Kindes in der Krippe herum. Und da stand er dann selbst, der Namenspatron meines Vaters - Josef der
Arbeiter. Neben ihm sein blaugewandetes und seltsam verzückt dreinblickendes Weib - Maria. Die Frau meines Vaters, meine Mutter Magdalena, stand derweil
gerührt mit dem jüngeren Bruder Reinhard auf der Zimmerschwelle, um von dort aus das feierliche Geschehen in der Guten Stube andächtig zu verfolgen.
Selbstverstandlich nabelte dabei auch das Raachermannl Schwaden gut abgelagerter, warzer Räucherkerzchen aus Crottendorf in die weihnachtliche
Atmosphare. Erzgebirgische Weihnachtslieder erklangen aus einem kleinen Kriegsradio, und zum Schnappverschluss-Bier aus Harnischs-Brauerei wurde ab
und an von den Eltern ein selbstgemachter, recht scharfer Kräuterschnaps genippt. Nun also noch schnell das Kirchlein oben auf den Berg gestellt.
Niemand störte sich daran, dass es ein evangelisches im ansonst katholischen Hausstand war. Die Wege durch die Landschaft hin zum Gotteshaus wurden mit
dem bewährten Scheuersand ATA markiert. Fertig war nunmehr das Prachtstück für die festliche Eröffnung am Heiligen Abend.
Am Heiligen Morgen aber kam - wie in jedem Jahr so um die elfte Stunde - unser Onkel Bruno zum Weihnachtsbesuch, bzw. zur traditionellen
Kräuterschnapsverkostung. Er war ein weitgereister Kaufmann und Drogist aus Annaberg, der mit seinen Olitaten etwas über das Erzgebirge hinaus einen
bescheidenen Handel trieb. Es muss nach dem dritten oder vierten Glas dieser sagenhaften Kräutermedizin gewesen sein, als meinem Vater einfiel - entgegen
aller weihnachtlichen Massregeln und familiären Traditionen - dem gutgelaunten Onkel Bruno unseren Weihnachtsberg vorzustellen. Mit einer von ihm ungwohnt
grossen und stolzen Geste öffnete mein Vater fast feierlich die Tür zum Zimmer, in dem der Weihnachtsberg stand. Der Onkel ging, - nein, er schritt auf auf
unser zeitweiliges Familienheiligtum gemessen zu, um alles begutachtend in Augenschein zu nehmen. Doch plötzlich ein Aufschrei im höchsten Männer-Diskant. Ein Ton, den bisher vermutlich noch niemand vom
Kirchenchor-Sänger Bruno in dieser Höhe und Lautstarke vernommen hatte. Mit thatralischem Entsetzen sprang er aus dem Zimmer zurück, liess sich schwer in
seinen Krauter-Schnaps-Sessel fallen und beklagte sich von dort aus mit hochdramatischen Ton und mit dunkelror angelaufenem Kopf bei uns über die
schamlose Entweihung der heiligen Stätte. - Unsere Katze namens Muschi war es, die solcherart Entsetzen ausgelöst hatte. Sie war, von allen unbemerkt, in das
besagte Zimmer geschlichen, ist auf den Weihnachtsberg gesprungen, hat einem Hirten und dem Heiligen Josef Ohrfeigen verpasst, um sich schliesslich
genüsslich in der Nähe von Ochs und Esel auf dem duftenden Moos niederzulassen und dem Weihnachtstag entgegenzuschnurren. Das Entsetzen
über den derart zugerichteten Weihnachtsberg war bei allen Beteiligten gross.
Nach einem kräftigen Schluck vom Knoblich-Schnabs fand auch Onkel Bruno die weihnachtliche Fassung wieder und mein Vater zederte nur noch im tiefsten
Bass: "Alles fer de Katz ! Alles fer de Katz! "
Nun, es war nicht alles für die Katz, wie wir heute wissen. In der Erinnerung wird zwar vieles verklärt und die schweren Tage und hässlichen Stunden werden klein
und winzig, bis sie eines Tages vollends in Vergessenheit geraten. Die Eindrücke aber, die der Fichtenwald mit seinen Moosflächen seinen Schwammen, Beeren,
Zapfen und seinem Duft aus der Kindheit hinterlassen hat sind noch heute schön und "Tankstellen" für eine manchmal triste Gegenwart und ungewisse Zukunft...
Was aber wäre ein erzgebirgisches Weihnachten ohne den Duft der echten Fichten aus unseren Wäldern ? Ersparen wir unseren Kindeskindern den
massenhaften Anblick des künstlichen Weihnachtsbaumes aus dem Super-Markt, mit dem Fichten-Duft aus der Spraydose. Ersparen wir uns und
ihnen künstliche Weihnachten, wenigstens hier oben bei uns - im weitbekannten Weihnachtsland.
Wie "Arzgebirgische Weihnachten" sein können - und selbstverständlich vielfach auch noch sind oder wieder werden - hat uns das „Klaane Getu“, der Schramm
Arthur (siehe dazu Text auf dieser HP), 1941 in einem seiner arglosen Gedichte
wissen lassen:
"Wenn de Nacht zun Tog gemacht, Wird gebastelt un gewercht, Wenn de selbstgeschnitzte Pracht In Versteck werd neigepfercht, Wenn' s su haamlich weit un breit,
Nochert kimmt de Weihnachtszeit. -
Wenn' s bei uns eischneie tut Un de Ard do drubnd werd weiss, Dann liegt' s gung un alt en Blut: Blüht bal' wieder gunges Reis.
Wenn de Christbaam erscht sei da, Nochert kimmt Weihnachten raa. - -
Wenn dr Christ in en erwacht, Dass mer sich werd racht bewusst, Wos geschah in heil'ger Nacht,
Regt sich Fried' tief in dr Brust. Wenn dr Mensch sein Gott kimmt nah -, Nochert is es Christfast da. - - -
Dann schenkt Lieb', herrscht Lust un Freed: Licht strahlt in de Harzn nei.
E Stück vun dr Seligkeet Zieht als "Frieden" in en ei. Wu dr Mensch zun Mensch sich find' , Dort is aah es Christuskind !!! - "
Gotthard B. Schicker
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