Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Beerenzeit im Erzgebirge

Erinnerungen an die sagenhaften Waldäugelein

Der Wald ist voll von ihnen. Auch wenn wir sie auf unseren Spaziergängen nicht gleich entdecken sollten. Sie sehen uns überall aus ihren Verstecken an. Und wenn wir sie finden wollen, so müssen unsere Schritte langsamer werden und unsere Augen aufmerksamer. Nun sehen wir ihre Blicke auf uns gerichtet - diese hellroten, dunkelroten, blauen und auch schwarzen "Äugelein", die uns aus den Hecken, hinter den Bäumen, vom feuchten Moos her oder am Waldessaume tausendfach einladend anblicken.

Manch' Tieren des Waldes sind sie Zubrot zum Eichel-, Laub- oder Rindenschmaus. Uns Kindern waren sie häufig eine willkommene Abwechslung auf den lang gedehnten Waldspaziergängen mit unseren Eltern. Meist wurden sie ungewaschen von der Hand in den Mund gestopft, ohne von so furchtbaren Dingen wie dem Fuchsbandwurm oder etwaigen Tollwutansteckungen etwas zu ahnen.

Manchmal zogen wir aber auch mit einem Krug in den Pöhlberg-Wald, um die Beeren für eine Weiterverarbeitung zu sammeln und nach Haus zu bringen. War der Krug am Waldessaum noch randvoll, so hatten wir ihn spätestens bis zur Haustür schon fast halbleer gefuttert. Ein alter Spruch fällt mir dazu wieder ein, den wir als Gunge oft im Wald beim Beerenklauben auf den Beerhübeln gerufen hatten:

" Komm' mr aus de Beer,
  hom de Tepp noch leer,
hom se alle ausgefrassen
un Vater un Mutter vergassen:"

Die Ausrede, dass dieses Jahr wenige Beeren wachsen würden, glaubte uns die Mutter angesichts unserer saftverschmierten Guschln (Münder) sowieso nicht. Nun, da fiel eben der Schwarzbeerkuchen etwas kleiner als sonst aus oder die Bowle aus frischen Walderdbeeren, wie sie unser Onkel Bruno immer im Sommer genießerisch in sich hinein schlürfte, musste eben mit ein paar vorjährigen Gartenerdbeeren aus dem Einweckglas gestreckt werden. Wir hatten auf alle Fälle unser Vitamine bereits verinnerlicht, ohne damals zu wissen, welch andere sagenhafte Wirkungen die Beeren des Erzgebirgswaldes noch auf unseren Körper ausübten. Aber es gab auch Tage, an denen wir unsere gut gefüllten Beerenkrügeln zu Hause mit einem anderen alten Erzgebirgs-Spruch abliefern konnten:
 
" Rolle, rolle, roll
mei Topp is voll.
Dr Wald is leer
vu de Beer, Beer, Beer,
hob kenne mehr,
mei Strauch is leer. "

Obwohl es für uns damals selbstverständlich war, dass wir Tee aus Bromberblättern von Zeit zu Zeit von unserer Mutter verabreicht bekamen, oder die Großmutter uns ab und an getrocknete Schwarzbeeren kauen lies, bzw. besagter Onkel von seinem Himbeerschnaps schwärmte und schimpfte, wenn zum Hirschbraten an einem bestimmten Oktobersonntag die Preiselbeeren fehlten, hatte dies für uns Kinder schon damals eine gewisse mystische Bedeutung. Es musste also mit unseren Waldäugelein, wie meine Oma Lydia die Beeren liebevoll nannte, noch eine andere Bewandtnis haben, weshalb sich die Erwachsenen zu ihnen oft so achtungsvoll verhalten haben. Und tatsächlich, auch mit den Beeren unseres Erzgebirgswaldes ist oftmal Sagenhaftes verbunden, wie z. B. mit den -

Brombeeren

„Zwei junge Eheleute in Pöhl waren von einer rachgierigen Dorfhexe so verzaubert, dass sie einander spinnefeind wurden und eines das andere ein ganzes Jahr lang nicht ansehen konnte.  Endlich krochen sie beide durch sogenannte Schleifbrämen, das sind Brombeer- oder Kratzbeerzweige, welche einen Bogen geworfen und wieder in die Erde gewurzelt. Damit ist ihnen geholfen worden...“ - weiß der Erzgebirgschronist Christian Lehmann aus Königswalde - später Pfarrer in Scheibenberg - im Jahre 1699 in seinem „Historischen Schauplatz“ zu berichten.

Ein sagenhafter Strauch, dieser Brombeerstrauch also. Tatsächlich, - seine Schößlinge wachsen im Bogen wieder der Erde zu und bilden dort Wurzeln aus zum neuen Trieb im nächsten Jahr. Alle seine Teile sind verwendbar - die Wurzeln, Stengel, Blätter und Früchte - als Heilmittel für die verschiedensten Krankheiten. Unsere Altvorderen knüpften eine Vielzahl Sagen und Geheimnisse um diesen Strauch.

Zu Beginn unseres Jahrhunderts war es noch im böhmischen Erzgebirge Brauch, dass von den Kindern beim Brombeersammeln die erste Handvoll auf einen Baumstumpf als Opfergabe für die Melusine, die dortige Waldheilige, gelegt werden musste. Man glaubte, dass die heilige Frau die Spende hundertfach zurückgeben würde. Außerdem half in dieser Gegend des Erzgebirges der Brombeerstrauch geheimnisvoll Verborgenes sehen. So z.B. den künftigen Gatten, aber auch Gefahren, die von Hexen und bösartigen Menschen drohen. In Satzung meinte man noch vor ein paar Jahren, dass ein Kind, welches nicht gehen lernen wolle, durch einen Bogen aus Brombeerzweigen hindurch kriechen müsse, um wenig später laufen zu können. Auch Furunkel, Hühneraugen und Ausschlag sollen im Strauch haften bleiben, wenn man mehrfach durch seine Bogen gegangen ist. Die höchste Wirkung soll dabei erzielt werden - so jedenfalls lautet ein Bericht aus Pockau-Lengefeld - wenn dies am Karfreitag geschieht.

Die Brombeeren gehören mit zu den ältesten Heil- und auch Nahrungsmitteln in unsern Bergen.

In einem sächsischen Buch aus dem 16. Jahrhundert über frühe Formen der Naturheilmittel werden folgende Vorschläge unterbreitet:

„Allen, welche die Speise nicht bei sich behalten können und erbrechen müssen, sind Brombeeren nützlich: die Frucht gegessen, das grüne Laub zerstoßen und als Pflaster auf den Magen gelegt. Blüten und Früchte, in Wein gesotten, sind wertvolle Arznei denen, die von giftigen Würmern, Schlangen und Skorpionen gestochen worden sind. Brombeerlaub, in Lauge gekocht, färbt das Haar schwarz.“

Der Brombeerstrauch wächst an unseren Waldrändern bis hinauf in die Berge, und die Ernte der einzelnen Teile des sagenhaften Gewächses erstreckt sich fast über das ganze Jahr. Im Lenz werden die kleinen Sprößlinge und die zarten, hellgrünen Blätter geerntet. Wenn sie mit heißem Wasser übergossen werden, schmecken sie fast etwas wie Schwarzer Tee. Diesen Geschmack hatte man sich auch in früheren Zeiten, als der echte Schwarze Tee für viele unerschwinglich war, zu nutze gemacht und die fermentierten Brombeerblätter als „echten Schwarzen“ genüsslich getrunken.

Wie zerkratzt kamen wir als Kinder immer vom Pöhlbergrundgang zurück, wenn wir den Auftrag unserer Eltern zu erfüllen hatten, Brombeerlaub aus dem Wald zu holen, um es frisch oder auch getrocknet für den Frühstückstee, nicht nur an kalten Wintertagen, zu verwenden. Aber der Brombeertee wurde auch gegen Hautausschlag und Flechten angewendet. Bei Halsentzündungen bekamen wir regelmäßig einen kräftigen Brombeeblätter-Sud zum Gurgeln verabreicht. Und damit gar nichts schief gehen konnte, band uns unsere fürsorgliche Mutter noch eine kräftige Knoblauchzehe um den Hals. Wenn die dann nach mehreren Tagen (selbstverständlich) braun geworden war meinte sie:

" Siehste, Gung, nu is de Krankheed in derer Knoblichzeh' drinne ! "

Doch nicht von der ebenfalls sagenhaften Wirkung des Knoblauchs soll hier die Rede sein, sondern vielmehr vom Brombeerstrauch.

Seine fast schwarzen Beeren werden dann im Spätsommer und Herbst gepflückt. Früher haben wir sie ja noch bedenkenlos vom Strauch gegessen, heute jedoch ist auch hier Vorsicht geboten. Die Besprühungen des Waldes mit allen möglichen und unmöglichen Chemikalien treffen auch auf die saftigen Beeren, - soweit ihr Wachstum überhaupt noch unter all den Giften möglich ist.

In den vergangenen Jahren sind nicht nur die Bäume unseres Erzgebirgswaldes über weite Gebiete erkrankt oder gestorben. Auch die früher so zahlreichen Beerenfunde, - die Himbeeren, Schwarzbeeren, Preiselbeeren, Brombeeren - und ebenso die Schwamme, sind längst nicht mehr in damaliger Fülle anzutreffen. Allmählich wird die Luft wieder sauberer in der Erzgebirgsregion und damit steigt die Hoffnung neuerdings auch für diese wundertätigen Pflanzen und für die Tiere und die Menschen, die sie dringend benötigen.
In den Erzählungen der alten Männer, die in einen oder gar zwei schreckliche Kriege gezwungen wurden, spielte die Brombeerpflanze oftmals eine lebenswichtige Rolle.

Durch den hohen Anteil an Gerbsäure und sogenannten Pektinen wirkt sie zusammenziehend und kann so auch hartnäckige Durchfälle "bremsen".

Nach starkem Biergenuß oder bei Sodbrennen, welches vom überfüllten Magen herrührt, empfehlen jene Soldaten von damals noch heute das regelmäßige Kauen von getrockneten Brombeerblättern.

Aber auch noch viele andere Kräfte wohnen dem sagenhaften Brombeestrauch inne, denen man im alten Sachsen, bis hinauf ins Erzgebirge, seine Leiden anvertraute:
" Die Wurzel in Wein gekocht oder gepulvert zermalet den Lendenstein.
  Gebranntes Brombeerwasser, abends und morgens getrunken, hilft gegen   Blasenstein und - grieß. Brombeerblätter oder Sprößlinge, in Wein gesotten   und damit den Mund warm ausgewaschen, heilt die Mundfäule und befestigt  die Zähne, damit gegurgelt, hilft es bei Halsentzündungen.

Es dient den Badern gegen Hautunreinigkeiten, wenn man häufig die Stellen  damit wäscht. Brombeesaft vor dem Bad auf die Haut gebracht, macht dieselbe schön. "

Eine der ersten in Sachsen zugelassen Ärztinnen, Frau Dr. med. Jenny Springer, rät 1920 in ihrem Aufklärungsbuch  " . . . Für Zuckerkranke sind die säuerlichen Brombeeren ein wahres Labsal . . . " allerdings schlägt sie auch vor , die Syphilis mit einem Tee aus 3 El. Eichenlaub, 3 El. Walnußblätter, 3 El. Salbei, 11/2 El. Kamille, 11/2 El. Klettenwurzel  und 2 El. Brombeerblätter zu bekämpfen.

Bei einer anderen Tee-Variante, die sogar den " harten Schanker " vertreiben soll, müßten es  dann allerdings schon 4 El. vom Brombeerlaub sein.

Nun gut, wer es ausprobieren mag,  - bitte schön. Der Weg zum Arzt , um sich dort ev. die entsprechenden Spritzen verpassen zu lassen, wird demjenigen aber heutzutage doch nicht erspart bleiben.

Recht hat sie auf alle Fälle damit gehabt, gegen Heiserkeit einen starken Brombeer-Tee als Linderungsmittel zu empfehlen. Vielleicht wußte der Bauersachs, Edwin aus Schneeberg davon, und hat seinem "Kranken Gungel" 1938 auch einen solchen Tee verabreicht :

"  Kumm haar, mei gutes Gungel,
   setz dich schie of de Bank.
   Zeig raus mol dei Zungel,
   bist du mer ebber krank ?
   Na siste de ! - Sat ich's net ?
   Söllst kaa kalt Wasser trinken !
   Du härscht mer oder net,
   drüm kast de nu schlacht schlinken.
 

   Mer kochen dir enn Tee,
   dan trinkst de racht schie nei,
   legst dich of's Kanepee
   un schwitzt e wing derbei.
   Nu muß ich fort zer Schicht.  -
   Fraa, loß ne net allaa,
   doß ich heit obnd mei Gungel
   ka wider lachen saah. "


Doch nicht nur in der Naturheilkunde spielt der Brombeerstrauch eine sagenhafte Rolle, auch in der Küche sind besonders die Beeren eine beliebte Zutat zu so manchem  Gericht. Wer es noch nicht ausprobiert hat, sollte es beim nächsten Wildbraten unbedingt versuchen:

1/4  Pfd. reife Brombeeren mit 1 Eßlöffel Zucker erhitzen, nicht zu lange rühren, und zum Schluß etwas mit Kartoffelstärke bestäuben, unterrühren und alles häufchenweise auf den Hirsch-, Reh,- oder Wildschweinbraten geben .

Natürlich eignen sich die Beeren auch für Brombeermilch, Quark mit Brombeeren, Brombeergelee, Brombeermarmelade und für den ganz besonders feinen, aber etwas aufwendigen Brombeerschnee, wie er in Geyer gegessen wird:

Dazu nimmt man 8 Eiweiß und schlägt die mit einer Prise Salz zu einem steifen Schnee. Nach und nach wird etwas mehr als 1/2 Pfund Zucker untergerührt ( Süßgusch'n nehmen etwas mehr ). Die eine Hälfte des Eierschnees wird mit 2 Eßlöffel Kakaopulver verrührt und in eine feuerfeste Glasschüssel gegeben,  selbstverständlich vorher mit guter Butter ausgestrichen wurde. Nun werden darauf etwa 11/2 Pfund gewaschene und abgetrocknete Brombeeren gegeben und mit dem restlichen Schnee bedeckt. Schön glatt streichen und in der Röhre goldgelb ausbacken.

Ein wahrlich sagenhaftes Fest für  G u t g u s c h ' n !

Mehr über Beeren, Kräuter und andere Gewächse aus dem Erzgebirge sowie den mitunter mystischen Umgang mit ihnen erfahren Sie in meinem Buch:
„De Kreiterfraa – Eine sagenhafte erzgebirgische Hausapotheke“, Verlag Erzgebirgs Rundschau Annaberg-Buchholz, Scheibner Straße 1.

G.S., 2009

 

 


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