|
Stockdumm fürs Volk und Marzipan für den Bürgermeister
Aus der Geschichte des erzgebirgischen Apothekenwesens
Die vom Humanismus angeregte naturwissenschaftliche Forschung in Westeuropa führte insgesamt zu einem Fortschritt im Medizinal- und Pharmaziewesen.
Ausdruck dafür sind auch die im 16.Jahrhundert überall im Erzgebirge entstehenden Apotheken, teilweise medizinisch betreuten Spitäler sowie die Einsetzungen von Stadtphysikusse, bzw. Bergärzte. Parallel
dazu werden rechtliche Dokumente ausgearbeitet, die als Apotheken-Ordnungen, Apotheken-Privilegien oder Apotheker-Taxen die bisherige Wildheit auf diesem Gebiet wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu
bringen versuchten.
Die Geschichte des
Apothekenwesens im Erzgebirge ist etwa so alt wie unsere Bergstädte. Nicht in jedem Fall ist der genaue Zeitpunkt zu ermitteln, wann der Übergang vom engagierten Heilkräuterkundigen zum
Apotheker im städtischen Dienst in den einzelnen Ortschaften erfolgt ist. Bei anderen wiederum ist die Quellenlage weitaus günstiger, um die Geschichte der verschiedensten Gründungen von Apotheken
- die brigens in der Anfangszeit meist Bestandteil der Rathäuser waren - nachzuvollziehen.
Pietro Longhi, Der Apotheker, um 1750, Venedig, Ca' Rezzonico
Annaberg - vermutlich älteste Apotheke im Gebirge
Wahrscheinlich gehört die Apotheke von Annaberg mit zu den ältesten im erzgebirgischen Raum. Sie wird erstmalig im Jahre 1508 erwähnt, während
die Dresdener Hofapotheke von der Kurfürstin Anna erst 1580 gestiftet wird. Hier wie dort handelten die Apotheken neben den Heilmitteln auch mit
Gewürzen, Sämereien und Konfekt. Unter diesem Zuckerwerk verstand man aber in jener Zeit Mischungen aller Art aus Zucker, Pflanzenpulver, Sirup, Eiern, Honig und verschieden Specereien.
|
Zum Thema:
"De Kreiterfraa" von Gotthard Schicker
Diese erzgebirgische Hausapotheke berichtet unterhaltsam und in hochdeutsch über Kräuter, Blumen, Beeren, Wurzeln, Bäume, lüftet mystische
Geheimnisse und schildert unglaubliche Ereignisse, dazu viele Rezepte, mit zahlreichen Illustrationen von Eveline Schicker-Figura.
152 Seiten, Preis: 12,70 €
LESEPROBE
Bestellung (email)
|
Jährlich einmal musste auch die Apotheke zu Annaberg dem Rat der Stadt einen großen Marzipan liefern, wie aus einem späteren
Apothekenprivileg hervorgeht: „Alß soll der Apotecker auch hinwieder nach alten brauch dem Regirenden Beurgermeister zum Neuen Jahr einen Marcepan mit Zucker zu geben
schuldig sein“. Die früheren Apotheker von St. Annaberg hatten es dazu nicht weit, denn ihre Einrichtung befand sich damals noch im Rathaus, wie aus einem Ratsbericht von 1717
hervorgeht: „Es hat vor der Zeit eine Apotheke sich hier unterm Rathause befunden, welche zu dem Kommunwesen gehöret und über 160 Jahre der hiesigen Stadt und den Einwohnern
auch benachbarter Orte zum Besten unterhalten.“ Deren erster Apotheker war Nicolaus Bernhard. Er belehnte am 17. April 1508 ein Haus, welches vermutlich in der
Großen Kirchgasse lag und in der Literatur als das Haus vom früheren Hut-Schmidt in der Mittelgasse 2 angegeben wird.
Da ich in diesem Haus aufgewachsen bin, konnten wir uns als Kinder oft auf dem zweiten Oberboden herumtreiben, welcher der früheren
Apotheke als Trockenboden für die Kräuter gedient haben soll, - wie die alten Leute ringsum damals hartnäckig behaupteten. Nicolaus Bernhard jedenfalls erhielt ein halbes
Jahr später von den Annaberger Richtern und Schöppen sein Apothekenprivileg, das ihn auch berechtigte, „dauernd einen tüchtigen Arzt anzustellen.“ Dies geschah aber erst 20 Jahre später, als er
Johannes Nevius zum Stadtphysikus bestellen lies. Bernhard vernachlässigte in den Folgejahren seine Apotheke dermaßen, dass ihm der Rat die
Konzession entziehen musste, aber nicht zum Verkauf seiner Apotheke veranlassen konnte. Ein Heinrich Mohr wurde aus dem fränkischen Kitzingen als neuer Apotheker nach Annaberg geholt, derweil der andere
seine Einrichtung guter Dinge weiter betrieb. So kam es, dass Annaberg zwei Apotheken hatte.
Apotheker-Räuchermännchen
Bis zum heutigen Tag wechselten die
Besitzer, Verwalter oder Pächter - darunter zahlreiche Witwen - der Annaberger Apotheke über dreißig Mal. Die wenigsten von ihnen waren Einheimische. Und wenn schon mal ein
Sachse unter ihnen war, so gehört er nicht zu den Glücklichsten. Einer von ihnen war der im Jahre 1757 geborene Friedrich Adolf Hertel aus Dresden, der die Tochter eines Advokaten aus
Annaberg und Stadtschreibers zu Buchholz geheiratet hatte, die eine direkte Nachfahrin von Karl dem Großen gewesen sein soll. Dem Apotheker Hertel erwuchs Konkurrenz vom Drogisten Johann Friedrich
Hoffmann, der neben Cremor tartari, Kropfpulvern mit Gebrauchszetteln, Räucherkerzchen und Heilig-Abend-Püschelchen, auch Stoughathons Cordial-Magenelexier feilhielt.
Der Vater der Pharmazie - ein Erzgebirger
Alles Klagen gegen den Drogisten half nichts. Als schließlich auch noch 1819 eine Apotheke in Buchholz, das bisher zu Hertels Interessenkreis gehört hatte,
ihre Pforten öffnete und die "bösen Medici" mit der Selbstversorgung ihrer Patienten Hertel zusätzlich zu schaffen machten, besann sich dieser auf seine
chemischen und physikalischen Kenntnisse. Am 27. Februar 1817 hielt er einen aufsehenerregenden Vortrag vor der Annaberger Museumsgesellschaft über „Die Gewinnung von Gaslicht aus Steinkohle“.
Todesnachricht zu Adolph Ferdinand Duflos, zum Vergrößern klicken
Der ihm bei der Versuchsanordnung und Demonstration half war sein Lehrling, der später als „Vater der Pharmazie“ bekanntgewordene Ritter, Professor, Doktor und Geheime Rat
Adolph Ferdinand Duflos, der 1802 im kleinen französischen Ort Artenay im Département Loiret geboren wurde und nach vielen Jahren Aufenthalt in seiner Wahlheimatstadt Annaberg am
9.Oktober 1889 starb. An der alten Trinitatiskirche stand noch vor wenigen Jahren eine eherne Platte mit seinem Portrot und der Inschrift: „Zum
Gedächtnis an den auf diesem Friedhof ruhenden Geheimen Regierungsrat Dr. Ferdinand Adolph Duflos, ordentlicher Professor der pharmacologischen
Chemie an der Universität Breslau. Gestiftet von den Deutschen Apothekern.“
Der Apotheker Hertel also brachte den Annabergern und etwas später auch den Buchholzern das Gaslicht. Damit jedoch noch nicht genug: Der beim
Drogisten Hoffmann als Magenelexier gehandelte „Cordial“ wurde in der Hertelschen Apotheke - wahrscheinlich unterm Ladentisch - als der bekannte
erzgebirgische Kräuterbitter „Stockdumm“ verkauft; - „Verbotswidrig“ - übrigens, wie dies die erzgebirgsche Drogenhandlungsrevision unter der
Mitwirkung des Annaberger Medizinalrates Harms zum Spreckel noch im Jahre 1930 verlauten lies.
Predigerkonferenz in der Apotheke zu Thum
Der Name Löwenapotheke für das Gebäude das sich heute am Annaberger Markt befindet, taucht erst recht spät in den alten Schriften auf. In einem
Tafellied zur Hochzeit des Apothekers Binder, der aus Großenhain stammte, heißt es erstmalig 1833:
„Hier auf den bewalteten Höhen Glaubt Binder sich sicher und frey, Und setzt einen goldenen Löwen Vor's Haus, daß er Wächter ihm sey.“
Aber auch in den anderen Bergstädten des Erzgebirges entstanden Apotheken, deren Chroniken oftmals leider nicht so ausführlich vorhanden
sind, wie dies bei der Annaberger durch die unermüdliche Arbeit des Königl. Medizinalrates Dr. Harms zum Spreckel der Fall ist.
Alte Apothekeneinrichtung, heute gesuchte Museumsstücke (Beispiel aus dme Apothekenmuseum Schwetzingen)
Von der Apotheke in Thum weiß man lediglich durch die Eintragung im Kirchenbuch, dass der erste examinierte Apotheker Carl Friedrich Schlegel
war, der 1725 nach Thum kam. Wahrscheinlich befand sich aber bereits seit 1677 im Herrenhaus des Thumer Rittergutes eine Apotheke. Allerdings erst
am Heiligen Abend des Jahres 1807 wurde das Apotheken-Privileg an Christian Gottfried Friedrich verliehen. Jahrelang hat die Thumer
Predigerkonferenz auf der Grundlage eines Beschlusses vom 6. Juli 1836 ihre Beratungen in den Räumen der Apotheke abgehalten. Dass es bei derartigen
Versammlungen der Geistlichen aus Thum, Drebach, Burkhardtsdorf, Weißbach und Ehrenfriedersdorf auch mal recht feucht zugegangen ist, besagt eine Quittung aus dem Jahre 1844, als die Konferenz aus noch
unbekannten Gründen im Ehrenfriedersdorfer Waldschlößchen stattfand:
„6 Flaschen Kreßwein, 1 Terrine Grog zuzüglich 14 Konverts, bezahlt und quittiert vom Apotheker Christian Gottfried Friedrich aus Thum“.
In der schönen alten Adler-Apotheke in Scheibenberg handelte man um die Jahrhundertwende neben den üblichen Arzeneien auch mit Kolonialwaren
und Branntwein. Selbst Räuerkerzchen sollen zeitweilig im Apothekengebäude produziert und verkauft worden sein. Als in den 20er Jahren der Apotheker Wägner mit seinem Schwager Goedecke eine
pharmazeutische Fabrik in Scheibenberg gründete, gab es ringsum im Land „Wägners Hustentropfen“, die tatsächlich geholfen haben sollen, wie sich alte Scheibenberger noch erinnern können.
Heute nun sind unsere
Apotheken voll von Mittelchen für die verschiedensten kleinen Wewehchen und gegen ernsthafte Leiden. Für jede Krankheit gibt es 'zig Medikamente von hunderten von Firmen. Der Laie blickt da kaum
noch durch und beim Arzt oder Apotheker nehmen die Nachschlagewerke sagenhafte Umfänge an. Doch allmählich scheint ein Umdenken beim Patienten auf der einen
Seite und beim Arzt und Apotheker auf der anderen einzusetzen.
Und siehe da: Beide treffen sich in der Erkenntnis, dass es auch noch die Natur gibt, die sowohl als Mittlerin zwischen den beiden, aber auch zwischen
jenen und dem kranken Menschen existiert. Immer größer wird die Zahl derer, die sich wieder in der Naturapotheke unserer Heimat bedienen. Und
immer grßáer wird auch die Zahl der Ärzte, die ihr Wissen über naturgemäße Heilverfahren an die Hilfesuchenden weitervermitteln, bevor sie zur Chemie
greifen. Die verstärkte Hinwendung zur Naturmedizin darf allerdings nicht einhergehen mit einer totalen Abkehr von der sogenannten Schulmedizin und auch nicht als deren Konkurrenz empfunden werden.
Es geht vielmehr darum, unserem umweltverseuchten Körper unbedacht nicht noch mehr Giftstoffe zuzuführen, als dies zur Herstellung der
Gesundheit unbedingt erforderlich ist. Der vorschnelle Griff zur Tablette anstelle eines Spazierganges an frischer Luft, die rasche Verabreichung einer
„Po-Rakete“ beim Fieber unserer Kinder, ohne vorher die altbewährten Wadenwickel angelegt zu haben, oder die Einnahme von Antibiotika bei
Husten und Heiserkeit ohne die Dienste der Nessel, der Kamille oder anderer heimischer Kräuter in Anspruch zu nehmen - dieses Verhalten ist es, welches
uns langfristiger kränker macht, als wir es ahnen. Auch deshalb, weil wir damit unser ursprüngliches Verhältnis zur Natur in fataler Weise von der
Pharmaindustrie und deren Profitgier, letztlich auf unsere und der Umwelt Kosten, zerstören lassen.
Wer schon einmal seine Schlafstörungen statt mit einer Schlaftablette mit einem Hopfenbltentee - ob heiß aus der Tasse oder kalt aus der Flasche -
behoben hat, der ahnt vielleicht die sagenhafte Wirkung unserer erzgebirgischen Hausapotheke. Und es bleibt dabei: Die Behauptung, für
jedes Leiden sei ein Kraut gewachsen ist zwar richtig aber ebenso gefährlich. Ab einer bestimmten Stufe des Fortschritts einer Krankheit kann nur noch
der Arzt mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten, mit dem hoffentlich dosierten Einsatz der von der Wissenschaft entwickelten Präparate wirklich
helfen. An ihm liegt es auch, diesen Zeitpunkt verantwortungsbewusst zu bestimmen und vorher alles zu tun, um die pflanzliche mit der menschlichen
Natur in Harmonie zu bringen. So wie es unseren Altvorderen mit „Stockdumm“ fürs Volk und Marzipan für den Bürgermeister in beeindruckender Weise gelungen ist. Ein Rezept übrigens, das noch
heutzutage seine Wirkung nicht verfehlt...
Gotthard B. Schicker Frühjahr 2010
|