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Keine Zukunft ohne Erinnerung
Eine Zeitreise durch Alt-Annaberg
Es war kein reiner Nostalgie-Abend, den wir am 25. Februar 2011 im ehemaligen Hotel Museum (später Kreiskulturhaus Erzhammer und heute Haus des Gastes)
in Annaberg-Buchholz erleben durften. Obwohl die so genannte Gründerzeit von Alt-Annaberg – hier zwischen 1871 bis etwa 1910 – im Mittelpunkt des gehaltvollen Abends stand, konnten Vergleiche mit der
Gegenwart nicht ausbleiben.
Nicht nur die Ausstellungstücke, Fotos und Dokument, die teilweise von Heimatforschern, Sammlern und stadtverbundenen Einwohnern sowie Archiven zur
Verfügung gestellt wurden, provozierten den Vergleich mit dem Heute, auch die vier Sketsche von Matthias Förster ließen - schamhaft zwar – gewisse aktuelle Bezüge
aufscheinen (prima gespielt von Anne Wolff, Jens Uhlig und dem rührigen Mitorganisator des Abends Uwe Moule sowie Musiklehrer Langer am Flügel).
So könnte man Teile der einstigen
Betreiber-Konzeption der „Festhalle“ durchaus den engagierten jetzigen Investoren mit auf dem Weg geben. Auch die Initiativen, die damals zur Errichtung des Theaters oder des
herrlichen Jugendstilbades ergriffen worden, könnten für so manches andere notwendige Projektengagement wie z.B. den Unteren Bahnhof, die Aufstellung des Standbildes des Stadtgründers
Georg des Bärtigen oder die Rekonstruktion des „Güldenen Schwibbogens“ auf dem alten Friedhof nebst Grabdenkmal für Barbara Uthmann durchaus als beispielhaft gelten.
Einstmals wurden solche Bürgerinitiativen auch noch von wirklichen Bürgern getragen, vorangetrieben und mitgestaltet. Sicherlich gab es auch damals schon
anonyme Kritiker und Dauermeckerer, die Mehrzahl der Annaberger Bewohner war aber offenbar mit einem engagierten Bürgersinn und Pflichtbewusstsein gegenüber
ihrer Stadt angetan, ohne das solche Ergebnisse nicht hätten erzielt werden können. Frau Gabriele Lorenz, die Hausherrin und Gastgeberin der Veranstaltung, war nicht
nur über die enorme Besucherresonanz – einschließlich der Anwesenheit von Frau Oberbürgermeisterin Barbara Klepsch - freudig erstaunt.
Sie schaffte es auch mit ihrer
vorgetragenen historischen – manchmal etwas zu ausführlichen - Zeitschiene sowie den passenden Zitaten aus dem Tageblatt Annaberger Wochenblatt (TAW), immer wieder den Bezug zur
Gegenwart herzustellen. Nach ihren Worten seien die Bilder des Annaberger Historien-Malers Carlo Rudolph der eigentliche Anlass für diesen Abend gewesen.
Betrachter seiner teilweise von Fotos abgemalten Alt-Annaberger Szenen in kitschigem Goldrahmen sollen bei einigen Betrachtern eine Verwechslung mit dem Annaberger
Künstler Rudolph Köselitz (Bruder von Peter Gast) ausgelöst haben. Das kann allerdings nur bei solchen Leuten der Fall gewesen sein, die noch nie ein Bild von
Köselitz zu Gesicht bekamen. Wer nur mal dessen „Hammerwerk“ betrachtet (das zur Jahrhundertwende gleichwertig neben dem „Eisenwalzwerk“ von Adolph Menzel in
der Berliner Nationalgalerie hing), wird unschwer erkennen, dass zwischen beiden Malern künstlerische Lichtjahre liegen...
Neben all den Dokumenten, Fotos und vielen Worten sind die Tische und Stühle im großen Saal etwas untergegangen. Es soll sich dabei um einen Teil des
Original-Mobiliars aus dem ehemaligen „Kaffee Zentral“ (so schrieb man das damals) handeln. Mit der Einrichtung der „Manufaktur der Träume“ und der Umgestaltung
des ehemaligen äußerst beliebten Kaffeehauses in ein nüchternes Allerweltskaffee namens „Schockoguschl“ fand das historische Mobiliar offensichtlich keine Gnade vor den geschichtsfremden Innenarchitekten.
Mit wenig Geld und ein paar
geschickten Handgriffen wären diese alten bequemen Stühle und die ovalen Tischlein durchaus zu restaurieren gewesen, um das entsprechende Flair am historischen Ort zu vermitteln.
Den Abend haben sie jedenfalls zufrieden und vorwitzig überstanden. Wir sind noch immer da! Haben sie aus Alt-Annaberger-Zeit durch den Saal geraunt. Man darf nun
hoffen, dass die Betreiber dieser unterkühlten Kaffeestube eines Tages doch noch zur Besinnung auf diese Erinnerungsstücke kommen. Ansonsten sollte man sie gut
aufbewahren für günstigere Zeiten und Gastgeber, die solche Stücke nutzbringend zu schätzen und ihr Raunen richtig zu deuten wissen.
Es war ein Abend des aktiven Erinnerns an eine
Zeit der Besinnung, des Aufbruchs und der Tat. Es waren aber auch ein paar Stunden, die durchaus anregen sollten, Schlussfolgerungen für die kommunale Arbeit in der Gegenwart daraus
zu ziehen. Mit solchen Erinnerungens-Zeitreisen lässt sich Zukunft auch in Annaberg möglicherweise besser, inhaltsreicher und noch bürgernäher gestalten. Diese überaus gut
besuchte Veranstaltung hat auch neugierig gemacht auf weitere Zeitabschnitte der Annaberger aber auch Buchholzer und Frohnauer Geschichte. Für die Buchholzer
brachen schon mal in der letzter Minute des Abends die beiden Nachtwächter eine humorvolle Lanze. Auch sie entließen das Publikum in das Paradies der Erinnerung,
aus das uns laut Jean Paul schließlich niemand zu vertreiben vermag...
Gotthard B. Schicker, März 2011
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