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Euch rettet nur der eigne Fleiß Über Deutschlands Weihnachtsland – das Erzgebirge
Die armen Bergleute, aus allen Nachbarländern zuströmend, hatten indes die unsäglich schwere, gefährliche Arbeit, von der man heute weiß, dass nicht nur mehr als 16 Stunden am Tag geschuftet werden mußten, sondern, dass viele Knappen die ganze Woche tief Untertage blieben. Sonst hätte sich der mühselige Abstieg zu den Stollen und der Aufstieg von den Flözen nicht gelohnt. Übrigens daher kommt auch der Name des heute in alle Welt verschickten Weihnachtsgebäcks, des Christ- oder Weihnachts-Stollens, wo man das ganze Jahr teure Zutaten aufsparte, um ihn besonders schwer und saftig zu bekommen.
Glück auf! – der Gruß im Erzgebirge
Der Mangel blieb Tischgast, wovon auch der später berühmt gewordene Erzgebirger Karl May aus Hohenstein-Ernstthal berichtet, der sich durch seine Phantasie aus dem Elend erheben konnte. Die oft hungernden, in extremer Knochenarbeit schindenden “Kumpel“, -ein Ausdruck aus der Zeit des späteren Uranbergbaus unter sowjetischer “Regie“ hatten oft mit den sich ändernden Wirtschaftsverhältnissen zu kämpfen, modern Strukturwandel genannt. Plötzlich endeten die Silbervorkommen.
Männeln, wohin man schaut Die Menschen griffen zum Nächstliegenden: den dichten Wald vor der Tür. Kreativ gestalteten die Bergmänner Bildwerke von sich selbst. Sie schnitzten oder drehten (drechselten) die Figuren zu Bergmann und Engel, die keine verklärten Barockfiguren mehr waren, sondern aussahen wie die Hausfrau, Lichter tragend, - ihr Hoffnungssymbol in den Händen. Andere Figuren kamen hinzu, denn Phantasie hat keine Grenzen: der Nußknacker, dem schon Hans Christian Andersen mit dem Märchen “Nußknacker und Mausekönig“ ein Denkmal setzte. Der Nußknacker mit Holzkopf und großer “Gusche“ wurde gleich als Karikatur auf den preußischen Korporal in blauer Uniform gestaltet. Eine kleine Rache des Volkes auf die Preußen, die unterm alten Fritz Sachsen besetzten. Weiter finden wir allerlei lustige Wichtel des Waldes, Schäfer oder gemütliche Handwerker, alle Pfeife rauchend. Dafür haben sie ein “Loch im Bauch“. Das haben ihnen diesmal nicht die Ehefrauen hineingeredet, sonder da kann man Weihrauchkerzchen hinein stellen, damit aus dem Mund richtiger Rauch kommt, - Räuchermänneln also! Manchmal auch deren Frauen, bei denen es dann aus der Kloßschüssel qualmt. Noch 1912 bekam man für ein Schock (60 Stück) kleiner Holzpferdchen für die Bauernhofausstattung reicher Kinder höchstens 50 Pfennige. Das alles kann man im Seiffener Spielzeugmuseum genau betrachten. Dazu staunt man über das bildliche Abstraktionsvermögen bei der rationellen Herstellung im Reifendrehverfahren. Es werden Profile in den Rohreifen geschabt, gedreht und danach wird der Reifen wie eine Torte in Scheiben geschnitten, die dann die Grundform von verschiedenen Tieren haben.
Seiffen gilt als Hauptstadt des Spielzeuglandes Es boomt hier oben in dieser Ecke des Erzgebirges. Wie überall stehen die Männeln in den “Kunstgewersche“-Läden“, wie man hier dieses Gewerbe in der Mundart bezeichnet. Denn endlich kann jeder Betrieb so viel herstellen und verkaufen wie er will. Zu Ende ist die Zeit, als die Kostbarkeiten zu billig für Devisen nach “Plan“ in den Westen verhöckert wurden. Die damalige Vollbeschäftigung im Sozialismus hatte den Preis, dass von den Kostbarkeiten in den heimatlichen Läden kaum was zu bekommen war oder nur hintenherum gegen Trabi-Reifen als Tauschgut für die, die an der “Quelle“ saßen. Der Mangel förderte aber die Privatbastelei heraus, und wer nur halbwegs mit dem Schnitzmesser oder der Drehbank umgehen konnte, produzierte Männeln oder Schwibbögen zum Privatverkauf. Nicht alle waren schön oder haltbar, aber schöner als die heutigen Hong-Kong-Attrappen allemal. Man hutzte hier oben noch, d.h., man sitzt abends beieinander und bastelt und macht Handarbeiten wie vor hundert Jahren schon. Seiffen zeigt neben den unzähligen Werkstätten, Läden und Ausstellungen auch die Wohnstätten aus früherer Zeit in einem Freilichtmuseum mit Originalhäusern, deren bescheidener, aber mit schönen selbstgestalteten Details die Einrichtung wohnlich wurde. Das Erzgebirge ist das deutsche Weihnachtsland. Durch Seiffen strömen Mensch, die mit Bussen anreisen; sie gönnen sich den Rummel mit den vielen Läden und Einkaufsmöglichkeit und “dem Gliehwein und der Brootwurscht“ danach. Fahren sie aber zurück nach Marienberg, Freiberg, Schwarzenberg oder Annaberg-Buchholz mit ihren kleinen Weihnachtsmärkten, staunen die Besucher über die großen spätgotischen Hallenkirchen, wo der erzgebirgische Engel und Bergmann gleich neben dem Taufbecken steht, wie in der St. Annenkirche zu Annaberg. Diese mächtigen Kirche sind Zeichen des damaligen Aufschwungs.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt
Anna Berg
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