Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsübersicht       Impressum         Gästebuch         Home

Eine Verwurzelte und ihr Lebensbuch

Zu einer Martha-Weber-Publikation

 

Tiefe, schöne Furchen ziehen sich durch das bebrillte Antlitz der greisen Weber, Martha aus Schönfeld-Wiesa. So jedenfalls tritt sie uns im Titel-Foto des jüngst im Verlag “Erzgebirgs Rundschau“ erschienen und ansehenswert gestalteten Bändchen “Aus dem Lebensbuch - Gedichte und Briefzeilen -“ lesend gegenüber.

Es ist das Verdienst des Verlages und des Betreuers der vorliegenden Texte, Wolfgang Behring, die die fast 15jährige Stille um Martha Weber behutsam zu durchbrechen vermochten. Wer allerdings die dort aufzufindenden poetischen Äußerungen lediglich als naturhafte Reflexionen oder pastorale Miniaturen begreift, der hat die empfindsame und zuweilen auch hintergründige Dichterin nur zur Hälfte verstanden. Anders als in sattsam bekannten volksgetümelten Erzgebirgs-Reimen sind die Gedichte von ihr sowohl stark Ich-bezogen, als auch von einer oft verblüffenden Verweiskraft, die über das Beschriebene hinausgeht. Idyllisches wird bei ihr niemals zur weltfernen Idylle. Ihre vielfachen Verwurzelungen bei uns hier oben sind die Quellen für ihre durchaus auch poesievollen Liebeserklärungen an die erzgebirgische Heimat aus ihrem nunmehr flachländischen Aufenthaltsort.

 Wer die etwas zusammenhangslos beigefügten Briefzeilen - leider immer ohne Jahres- und Quellenangaben - aufmerksam liest, wird bald spüren, daß diese Frau selbst ein markantes “Lebensbuch“ ist, in dem sich die Geschichte unseres Jahrhunderts in sehr individueller Weise spiegelt. Bedauerlich, daß über's Leben der Weber im Buch kaum informiert wird. Wie sollen jüngere Leser, und auch spätere, jemals erfahren warum es zu Brüchen, Schweigen, Verschweigen, Enttäuschungen, Ignoranz u. a. im Dichterleben des Mitgliedes des Schriftstellerverbandes der Deutschen Demokratischen Republik kommen konnte ? Die lyrisierend-elegischen Andeutungen von Winfried Neubert zu Beginn des wertvollen Büchleins sind da wenig hilfreich. Hier besteht offensichtlich journalistischer Nachholebedarf !

Seinen besonderen Wert erhält die wichtige Publikation durch die künstlerisch ausgezeichneten Fotos von Wolfgang Koch. Erstaunlich, wieviel “Farbe“ er mit seinen überaus sensiblen, in der Heimat verwurzelten, schwarz-weiß Bildern in den Band einbringt. Im Zusammenwirken mit Martha Webers Texten haben wir es schließlich mit einem “Lebens-Hilfe-Buch“ von besonderem kulturellem Wert in unserer oftmals doch recht kulturlosen Zeit zu tun. Ein Büchlein, das Ruhe und Kraft gleichermaßen spenden kann, wie aus ihm auch langlebige ästhetische Genüsse zu beziehen sind, die man sich keineswegs entgehen lassen sollte.

Gotthard Schicker, 16.8.93

 


Klingeltoene