Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Übersicht

 

Unser “patenter” Schramm

Eine unerhörte Erfindung vom " Klaanen Getu'” – der Zeppelin-Fliegenfänger"

Vom Poeten Arthur Schramm wurde versucht in letzter Zeit einiges der Vergessenheit zu entreißen und zu veröffentlichen. Immer auch in der Absicht, den anderen Schramm, den sensiblen ,den verkannten und das teilweise auch zu recht gescholtene "Klaane Getu' " ,als eines unserer letzten lebenden Erzgebirgs-Originale, bekannt zu machen.

Dieser Kaufmann und Poet hat aber nicht nur Gedichte in erzgebirgischer Mundart und in hochdeutscher Sprache geschrieben, wenn er mal gerade nicht seinen obligatorischen Gang zum Pöhlberg tat oder seine Schritte an die Stammtische hiesiger Kneipen lenkte. In anderen Stunden der Muse sann er über die Verbesserung der Lebensqualität seiner Mitmenschen, - selbstverständlich nicht ohne Eigennutz - , nach. Zu den zahlreichen Erfindungen, die zum Teil im Deutschen Patentamt registriert sind und mit denen er auf der Leipziger Messe in den 30er Jahren für nicht geringes Aufsehen sorgte, gehört sein " Zeppelin - Fliegenfänger ".

Gemeinsam mit seinem Partner Arno Michaelis aus Annaberg gründete er das Zwei-Mann-Unternehmen "MIRAMM - Vertrieb " ( zusammengesetzt aus MI -chaelis und Sch - RAMM)  . Beide tüftelten nun ein Unikum zurecht, dessen Aussehen von ihen selbst in diversen Werbeschriften wie folgt beschrieben wurde:

" Unsere neueste,eigene Erfindung besteht aus einem etwa 40 cm langen Pappzeppelin, an dessen Außenmitte sich mehrere runde Löcher befinden.   Durch den, im Inneren des Gehäußes hängenden, jedoch dem menschlichen Auge wohltuend verdeckten, süßduftenden Leimstreifen werden die Fliegen   unabwendbar angezogen, sowie unauffällig gefangen und schließlich rettungs   los getötet ... " (Auszug).

Der Ästhet Schramm legte insbesondere Wert auf die Form. Nicht nur in seinem illustren Leben ,sondern auch bei diesem Fliegenfänger-Patent. Und er schwärmt geradezu über das gefällige Aussehen seines Fliegen-Tod indem er ihn als " Ziermittel für jedes Zimmer" anpreist. Der Erfolg dieses " neuen Weltschlagers" , - wie er ihn auf seinen Werbezetteln

etwas großspurig nannte -, war recht bescheiden. Einige wenige deutsche Kaufleute liesen sich zwar auf der Leipziger Messe von diesem " umwälzenden und billigen Massenschlager für das In- und Ausland" zu kleinen, eventuell auch mitleidigen, Kaufabschlüssen bewegen. Von daher gehört Schramms Werbe-Offerte: " Unser ges.gesch. Zeppelin-Fliegenfänger ist im Deutschen Reiche in jedem einschlägigen Geschäft zu haben ! "-  sicher zu seinen liebenswerten, weil unschädlichen Übertreibungen. Meine Großmutter hatte solch einen Fänger erstanden. Und ich kann mich erinnern, daß er allgemeine Zufriedenheit auslöste. Vielleicht weil keiner wußte, daß unsere Schramm , Arthur der Erfinder war.

Seine Neigung zum Kreativen war offenbar nicht nur im Erfinden von Versen ausgeprägt. Sein praktischer Sinn, der sich noch anhand  anderer Entdeckungen für den Haushalt nachweisen liese, steht allerdings im Widerspruch zu seinem sonstigen bekannten unpraktischen Verhalten im täglichen Leben. Ich habe meine Frau gebeten, die nebenstehende Rekonstruktion des Schrammschen Fliegentodes aus der Erinnerung anzufertigen - weil: " Jede saubere Hausfrau wird die großartige Appetitlichkeit unseres Miramm-Fliegenfängers ohne weiteres richtig erkennen, sie nachgerade als Wohltat empfinden und durch sofortige,gute Aufnahme dieses einmaligen Schlagerartikels begeistert zu schätzen wissen !"

Es muß allerdings vor dem unberechtigten Nachbau dieses nostalgisch-nützlichen Zimmer-Zeppelins aus patentrechtlichen Gründen gewarnt werden ! Es sei denn, jemand fänd' sich, der unserem " patenten " Arthur Schramm seine Erfindung, zwecks eventueller Aufbesserung dessen schmaler Rente, abkaufen würde.

 

Gefiltertes vom " Klaanen Getu " (Übersicht)

Eine noch unerhörtere Erfindung von Arthur Schramm – der MIRAM-Kaffeefilter

Unser Heimatdichter und das vielleicht letzte Original des Erzgebirges, Arthur Schramm, - der dieser Tage seinen 97 Geburtstag begehen konnte - , ist uns hauptsächlich durch seine heimatverbundene Lyrik bekannt. Nur wenige wissen, daß er ein überaus phantasiebegabter und schöpferischer Mensch hinsichtlich der Verbesserung der Lebensqualität seiner Mitmenschen und nicht zuletzt bei der Aufbesserung seines ständig schmalen Bugets war.

Aus seinen zahlreichen , beim Deutschen Patentamt registrierten und auf Leipziger Messen vorgestellten Erfindungen, ragt der "Miramm - Kaffeefilter" markant hervor.Arno MIchaelis und Arthur SchRAMM legten nicht nur Teile ihres Namens, sondern auch das wenige Gesparte zum wohlklingenden, jedoch kaum gewinnbringenden MIRAMM - Vertrieb, Annaberg i. Erzgeb., Kleinrückerswalder Straße 11, Fernspr. 2640, Postscheck-Konto: Leipzig Nr. 81107 , zusammen.

Neben seinen Patenten für Fahrrad-Sattel-Lehnen, Zeppelin - Fliegen- Fänger und die "ewigen" Rasierklingen gab es eben auch jenen "unverzichtbaren Helfer für jede Hausfrau, den praktischen und billigen Miramm-Kaffeefilter" , - wie er in zahlreichen Werbeschriften Anfang der 30er Jahre angeprießen wurde.

Das Aussehen dieses "gesetzlich geschützten Weltschlagers"   kann hier nur aus der Erinnerung bzw. auf der Grundlage vorhandener Werbeschriften rekonstruiert werden.  Es wird demnach nicht viel mehr als ein Metall-Ring gewesen sein an dem ein Leinensäckchen befestigt war. Da hinein kam nun das Kaffeepulver oder getrocknete Teeblätter. Mit einem Deckel wurde das ganze verschlossen und " . . .  mittels des anhängenden Kettchens wird der Filter nunmehr zum Ziehen in den Topf hineingehängt. Es bleibt der Hausfrau überlassen, den Filter mit seinem Inhalte -  zum ergiebigen Auslaugen des Kaffees oder Tees  - beliebig lange im  kochenden Wasser zu belassen. "

Ausführliche Hinweise auf die Nachbehandlung des Filters unter kaltem Wasser und der verblüffenden Möglichkeit einer sofortigen Wiederverwendung nach gehörigem Trocknen, schließen sich an.

Im Vergleich mit der bis dahin weit verbreiteten Kaffee-Aufbrüh-Methode im Erzgebirge der frühen 30er Jahre und der allgemeinen Notwendigkeit zu Einschränkungen in allen Lebensbereichen, handelte es sich hierbei tatsächlich um ein sparsames Haushaltgerät, - wenn auch der Kaffeefilter in anderen Gegenden schon längst erfunden war.

Tragisch und komisch zugleich verlief das Leben unseres Schramm Arthur. Seine Erfindungen wurden belächelt und verspottet. Dabei wollte er doch nur sich und vielleicht auch anderen helfen, etwas vom großen Lebens-Kuchen abzubekommen.

Möglicherweise träumte er sich mit seinen Erfindungen in einen Michelangelo hinein, wie er dies ja auch so häufig mit seinem hochverehrten Herrn Goethe auf dichterischem Gebiet tat. Diese, für den kleinen Mann aus Annaberg unfaßbaren Größen haben zumindest sein Talent und seine Phantasie beflügelt und für uns ein Stück  bescheidene, manchmal naive, aber auch skurril- liebenswerte Heimat-Poesie, -  ebenso in Gestalt seiner " verhaunen " Erfindungen - , hinterlassen .

 

* * *

Der systemnahe Schramm (Übersicht)

oder:  Die immerwährende Staatsnähe des " Klaanen Getu' "

Als umstritten Heimatdichter kennen ihn fast alle im Erzgebirge. Als Erfinder und Patentbesitzer von zum Teil kuriosen, aber auch nützlichen Gebrauchsgegenständen ist er sicherlich nur wenigen bekannt. Kaum jemand der jüngeren Erzgebirger wird vermutlich etwas vom politischen  Arthur Schramm wissen, der er zu allen Zeiten und in jedem System auch war.

Der 1. Weltkrieg war zu Ende und der damals 20 jährige Arthur lobte in seinen frühen Verslein den Frieden. Verständlich, - denn die Kriegssituation hatte den Jüngling tief erschüttert und wahrscheinlich auch für sein weiteres Verhalten im Leben mitgeprägt.

Das " Gruße Getu' ", wie im Annaberger Volksmund Arthurs Vater wegen seiner gewichtigen Körpergröße und seines ebenfalls etwas exaltierten Verhaltens genannt wurde,  kam leicht verletzt in seine ärmliche kaufmännische Existenz aus dem Krieg zurück. Sein Sohn, der nunmehrige Kaufmannsgeselle, mutierte merklich zum Poeten.    In dieser Zeit sind seine ersten lyrischen Versuche, die sich noch enorm stark - sprachlich und begrifflich - an größeren Vorbildern orientierten, " aus ihm heraus-gequollen" , - wie er diese Ergüsse selbst gern bezeichnet wissen wollte. Wahrscheinlich haben ihn andere davon abgeraten, dieser brotlosen Kunst weiter zu fröhnen und darüber sein Geschäft zu vergessen, welches im Hinblick auf seine Erfindungen durchaus -  im bescheidenen Rahmen selbstverständlich -  erfolgversprechend begann. Es waren jene produktiven Jahre, in denen die Leipziger Messen, und damit auch die Welt, von solchen epochalen Erfindungen erfuhr, wie z.B. dem Zeppelin-Fliegenfänger,  dem Wetzstein-Handschutzhalter, der Fahrrad-Sattel-Lehne, dem Miram-Kaffeefilter, dem Ideal-Salzstreuer oder der Immer-währenden-Riez- Rasierklingen-Reinigungsplatte . Es war auch jene illustre Zeit, in der unser Schramm Arthur sowohl im Männerchor "Tannhäuser" wie auch unter der Mitglieds Nr. 7 im Annaberger Männergesangsverein "Orpheus" die Säle mit seiner Stimme zum erschauern brachte. Der Naturheil-Verein-Annaberg sah ihn regelmäßig im Adams-Kostüm im Luft- und Sonnenbad hinter jenem durchlöcherten Bretterverschlag am Flößgraben im Pöhlbergwald, und im Stadtbad Annaberg verfügte er nachweislich über ein Wäschefach mit der Nr. 24 , für das er damals immerhin 5,40 Mark für ein halbes Jahr berappen mußte.

Die Weimarer Republik färbte sich zusehens brauner und Schramm reagierte zunächst mit seiner bescheidenen Lyrik meist naturverbunden und heimattümelnd-sentimental auf die Ereignisse rings um ihn herum. Kaum etwas Brauchbares ist uns aus dieser Zeit erhalt, wenn man von seinem am 20. 12. 1933 verfaßten Weinachtsgedicht " Christi Geburt " einmal absieht, das er zusätzlich mit "Gesegnete Weihnacht - Arthur Schramm" unterzeichnet. Im Oktober 1936 erscheint sein "Arzgebirgslied" worin er noch merklich verhalten seine deutsch-nationale Positionen durchschimmern läßt, indem er feststellt, daß im " Härzblattl vun Deitschland, mei Arzgebirg," das " . . .  Härzblut vun den heiling grußen Voterland,dos für uns net annersch als när Deitschland heßt " fließt und dort " . . . wie aus Basalt un Granit aah dei Volk feststieht ".

Diesmal unterschreibt er sinnig mit " Gelickauf ! " , was er dann im nachfolgenden, dem Erzgebirgsverein Annaberg zu dessen 50 Jahrfeier (1936) gewidmeten" Pöhlberglied", in ein dreimal auszurufendes "Glickauf!" münden läßt. Ist das "Pöhlberglied" im erzgebirgischen Raum - auch durch den Druck von selbstverfaßten Liedpostkarten - ziemlich bekannt geworden, so konnte er mit dem 1937 geschriebenen " Greifenstaalied " nicht den gleichen Erfolg für sich verbuchen." När net locker lossen ! " - betitelt der Kaufmann und Poet aus Annaberg sein im September des gleichen Jahres entstandenes Lied, in dem auch er sich am Schmieden von Durchhalteversen beteiligt: " Wie dr Baam drubn zäh hält jeden Watter Stand; a de Stürme trotzt, die fegn durch unner Land ".

Nach den bisher bekannten Gedicht-Manuskripten unterzeichnete A.Schramm lediglich einen "Vorspruch" zum 25 jährigen Jubiläum der Annaberger Schwimmerriege "Neptun" (ohne Datum; vermutlich 1933 ) mit der tragisch-komischen Grußformel "Gut Naß ! Heil Hitler !" . Alle seine anderen lyrischen Verlautbarungen schließen nur mit seinem gewaltigen, graphologisch unschwer zu deutenden Namenszug.

Es war bisher noch nicht zu ermitteln, wann der Heimatdichter Schramm in die Reichsschriftumskammer (RSK) unter der Mitglieds Nr. 4419 aufgenommen worden ist. Wir kennen auch nicht jenes Schreiben, welches er von dort erhalten haben muß und in dem man ihm zu verstehen gab, daß in der RSK nur hauptberufliche Schriftsteller und Dichter ein Mitgliedsrecht haben. Er aber - da er ja von Beruf Kaufmann war und seine Verse nebentätig fabrizierte - konnte dort offenbar aus diesem Grunde nicht länger Mitglied bleiben. Man hatte allerdings im damaligen "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda" am Berliner Wilhelmplatz nicht mit dem in seinem Ehrgefühl äußerst verletzten Energiebündel aus dem Erzgebirge gerechnet.

Denn an jene Goebbels-Dienststelle richtete unser so verkannter Heimatdichter am 15.6.1939 eine fünf (!) -seitige, eng beschriebene " Berufung ".  Ganz fürchterlich wetterte er darin gegen den " mißgünstigen und übelgesinnten Kreisleiter (der NSDAP, d.V.) Vogelsang aus Annaberg ", den er seit mehr als 4 Jahren bei der "Reichsregierung unter schwerer, bis heute leider noch  immer nicht abgeschlossener Anklage" stellen lies, wogegen er "als alter Hitler-Kämpfer schärfsten Sturm läuft".Nun wäre eine Beschwerde gegen einen Rausschmiß aus der RSK weiter keine tragische Angelegenheit. Ganz andere Dichter- und Schriftstellergrößen waren dort Mitglied und kamen nicht zu der "Ehre", wie sie Arthur Schramm zuteil wurde. Interessant ist also weniger sein Kampf um die Wiederaufnahme in jene ominöse Kammer, sondern vielmehr die Dar- und Ausstellung seiner Haltung zum damaligen System in jenen verbalen Äußerungen, die hier nicht wiedergegeben werden sollen, um den bereits mehrfach an anderer Stelle positiv gewerteten Heimatdichter zu schmähen, sondern um die Entwicklungsgeschichte eines Menschen möglichst in seiner Ganzheit darzustellen. Hierbei könnte A.Sch. durchaus auch als Synonym-Figur in Betracht kommen, um damit eventuell einer leider wieder zunehmend häufiger anzutreffenden selektiven Geschichtsaufarbeitung von Lebensläufen verdienstvoller erzgebirgischer Persönlichkeiten entgegenzuwirken.

Es ist schon einigermaßen verwunderlich zu erfahren, daß der spätere nimmermüde Friedensmahner im Jahre 1939 von sich nachweislich behauptete:

" Ich habe mich schon vor vielen Jahren als völkischer Rufer selbstlos eingesetzt und habe aktiv auch im Zeichen Adolf Hitlers für Deutschlands Erneuerung und Vergrößerung uneigennützig getrommelt und gepredigt; was unwiderleglich ist und nachgewiesen werden kann! Und habe so das Dritte Reich mit dichterisch heißem Herzen miterlitten und erkämpft... !! " .

Der Ministerialkanzlei drohte er schließlich seinen persönlichen Besuch beim " Förderer und Schützer deutscher Kunst und ihrer Künder, unseren  a l l v e r e h r t e n  Pg. Dr. J. Goebbels ... . " an, und schlimmstensfalls würde er "... doch noch direkt zum geliebeten Führer...." fahren. Es folgt eine umfangreiche und umständliche Aufzählung seine vielfältigen Verdienste um "Führer und Reich" von denen hier nur einige ausgewählte Kostproben folgen sollen :

Ein  "SA-Marsch im Volksliedton" (deponiert im Hauptarchiv der Reichsleitung der NSDAP- München) zu dem er auch die " . . . Melodie in straffen Rhythmen selbst komponiert . . . " hatte ; ein "Freischärlermarsch" für das Freikorps des berüchtigten Konrad Henlein, von dem er ein Dankschreiben mit der Versicherung erhielt, daß dieses "Werk" der Bataillionsgeschichte des Batl.VI beigelegt wurde ". . . damit es späteren Generationen erhalten bleibt !" ; ein dem italienischen Faschisten "Benito Mussolini" gewidmetes und so betiteltes Gedicht, für das er vom SS-Judenvernichter Dr. Todt  ein Buch als Auszeichnung überreicht bekam; schließlich hatte ihm der Gauleiter Bürckel für sein "Saarbefreiungs-Gedicht" schriftlich herzlich gedankt.

Aber was war das alles im Vergleich zu jenem Schauspiel, von dem A. Schramm mit Stolz berichten konnte: " So habe ich in der Revolutionsnacht am 30.Jan. 1933 mein feueriges und zündendes Kampfgedicht, betitelt ' Aufbruch der Nation ', vom Annaberger Rathausbalkon begeistert und begeisternd in die a n g e s t a u t e n M a s s e n  deutschen Volkes, erwachten Volkes,  geschleudert . . . ! "

Sicher wird es noch Zeitzeugen von diesem  makabren Appell auf dem Annaberger Marktplatz geben. Oder wollen die noch lebenden Teile jener  damals "angestauten Massen" sich nicht mehr  daran erinnern können ? Verdrängen ? Immer noch,- nach 50 Jahren ? Irgendwann werden wir es unseren Kindern und Enkeln aber doch erklären müssen, warum wir damals die ausgestreckte Hand nicht zur Faust geballt haben. Wer gibt uns das Recht, jüngste Geschichte vorgeblich ganz und die von vor einem halben Jahrhundert nur teilweise aufarbeiten zu wollen ? Das Luther-Wort " Die Wahrheit muß herfür ! " schleuderte am 26.11.1938 unser staatsnaher Heimatdichter in eigener Sache seinem "geliebten Führer Adolf Hitler" wuchtig  in einem Brief entgegen und setzte als Höhepunkt seiner Bekennerschaft noch hinzu:

" Ich bin in meiner unveräußerlichen Ehrliebe und in meiner unabänderlichen Ehrauffassung in sittlicher und charakterlicher Hinsicht nicht zu übertreffen und   fühle mich hierbei in der besten Gesellschaft meines geliebten Obersten Führers!!   

Sie können fest versichert sein, daß ich mit brennender Sehnsucht, wenn auch   blutenden Herzens, im Geiste bei ihnen bin; wie gern wäre ich  auch diesmal  wieder bei dem 1. Reichsparteitag Großdeutschlands persönlich dabei gewesen;   es blieb mir hart versagt ."

 Wer nun glaubt, in diesem " Kämpfer um ein Parteibuch der NSDAP unter den Nummern 1-1.000 "nur den manischen Exzentriker sehen zu müssen, der verniedlicht die Zeit, die solche Fanatiker zeugte und ge(miß)brauchte, von denen A.Sch. vielleicht nur wegen seiner spezifischen Persönlichkeitsstruktur heraussticht. Der Nachweis über das Verhalten anderer bekannter und wesentlich profilierterer Territorial-Gestalten aus jener Zeit wäre unschwer zu erbringen. Typisch für die meisten von ihnen ist ihre überraschende "Vergeßlichkeit", ihre engagierte Verdrängungswut und ihr oftmals wiederwärtiges Anpaßlertum an das jeweils nachfolgende System, - einschließlich jener, die deren geistiges Erbe heute "verwalten".

So nimmt es nicht wunder, wenn unser Heimat-Poet nach einer gewissen sentimentalen Phase in den mittleren 40er Jahren (Weihnachtsgedichte, Frühlingslieder, Durchhalteverse) bereits 65 Tage nach der Befreiung von dem bisher furchtbarsten aller Kriege in seinem so betitelten " Ruf " schmettert :

" Komm' mit, Kamerad ! Pack' an ! Schaffe mit !
   Es gilt jetzt die Welt zu befrieden ! -
  Wir beid', du und ich, geh'n im gleichen Schritt,
  die Einheit, den Frieden zu schmieden. - - - "

Von nun an überstürzen sich seine Bekenntnisse zum Frieden, zu Einheit, zur Freiheit, zur Heimat - und auch zum "Eierkuchen". Schramms große Stunde, sich wieder der neuen Macht zu empfehlen, kam bald. Anfang der 50er Jahre wurde das vormalige Anton-Günther-Gymnasium in Johannes-R.-Becher-Oberschule umbenannt. Ein ehemaliger Schüler berichtet dazu aus eigenem Erleben: "Ich gehörte damals zu den 'Jublern', die auf der Schulhaustreppe postiert wurden.   Brausender Beifall sollte J.R.Becher empfangen. Doch vor dessen Eintreffen kam ein anderer Dichter - es war Arthur Schramm. Man sagte, daß er sich dem Minister als größter Heimatdichter vorstellen wollte. Dazu kam es nicht. Schüler aus den oberen Klassen, eigens dafür eingesetzt,verhinderten ein unerwünschtes Zusammentreffen".

Später dann ist es Schramm doch noch gelungen, seinen künstlerisch durchaus akzeptablen "Friedensaufruf" im Treppenaufgang des Ministeriums für Kultur - fast lebensgroß - zu platzieren. Vermutungen besagen, daß davon eine Kopie im Staatsrat der DDR zur Aufhängung kam und eine weitere den Weg nach Rom, in den Vatikan, antrat. 

Die ehemalige systemnahe Blockpartei der SED - die CDU - nahm Arthur Schramm in ihre Reihen auf. Nach der sogenannten Wende beschweren sich ehemalige Funktionäre der "Mutterpartei" darüber, daß sich seine Parteifreunde kaum um den älter und kränker werdenden, nunmehr christ-demokratischen Dichter gekümmert hätten. Mitarbeiter der Annaberger SED-Kreisleitung waren es nachweislich, die Herrn Schramm regelmäßig zum Geburtstag aufsuchten und beschenkten. "Die dabei immer angebotene Hilfe in vielfältiger Form -Bettwäsche, Wohnungsgegenstände, Kleidung usw. wurde von A.S. abgelehnt, ja sogar als ausgesprochene Beleidigung zurückgewiesen ! Geld nahm er an ! " -  schreibt eine ehemalige Mitarbeiterin der SED-KL in einem Leserbrief vom 24.12.1991 auf einen damals verfaßten Beitrag über A. Schramm.

Obwohl in der "Neuen Zeit " angekommen, konnte er sich offensichtlich von der alten nicht ganz trennen. In seinem Domizil soll man bei dessen Auflösung Stapel nazistischer Zeitungen gefunden haben. Sogar Waffen und Munition seien dort entdeckt worden, wird in einem Schreiben  von einem Kenner der Szene versichert. "Nur dem Alter und der Person A.S. war es geschuldet, daß er nicht zur Rechenschaft gezogen wurde" - lautet eine dazu vorliegende, für die damaligen Zeitumstände doch recht merkwürdig anmutende Begründung.

Sollte er Glück gehabt haben und man war tatsächlich nachsichtig mit dem "Städtischen Hofnarren " ? Denn Glück hatte Arthur Schramm in seinem privaten Leben kaum, - dafür anscheinend mehr mit den jeweils Mächtigen. Und wen wundert es dann noch, wenn wir den nun fast Hundertjährigen genußvoll sein Bier schlürfend, einträchtig -  gleich zwischen zwei CDU-Bürgermeistern sitzend -  beim 1. Sächsischen Bergmannstag  1992 in der Presse wiederfinden. Warum auch nicht ?  Dies sollte man schon als konsequente Kontinuität von ihm erwarten dürfen. Der Alte ist schließlich auch nur ein Kind seiner Zeiten und hat sich in diesen auf seiner Weise engagiert und mit ihnen arrangiert,  - mehr doch wohl nicht !?  Oder ?? Toleranz also gegenüber solch' systemnahen Leuten wie Arthur Schramm ? Sehr einverstanden !? Doch, -  wieso nur diesen gegenüber ? ? ?

28.8.1993, Gotthard B. Schicker

 

 


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