Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsübersicht       Impressum         Gästebuch         Home

Hört, ihr Leut´...!

Die Nachtwächter sind wieder da –
europaweit, im Erzgebirge und in der “Dummen Sau“ in Buchholz

Eigentlich gibt es die Zunft im alten St. Annaberg schon seit dem Jahre 1519. Damals wurde laut Ratsbeschluss das Amt des Türmers und Nacht- wächters auch hier im Obererzgebirge eingeführt. Neben der Aufgabe, die jeweils geschlagene Stunde zu verkünden, die Tore zu öffnen und zu schließen, hatten sie vor allen Dingen die Feuerwache zu übernehmen und bei Gefahr diese am Tag mit einer roten Fahne und bei Dunkelheit mit einer Laterne auf der Seite des Turms zu signalisieren, von der die Gefahr drohte.

Wenn auch die Gefahren von einst die Menschen im Laufe der Jahrhunderte immer besser in den Griff bekommen haben und die Funktion des Nacht- wächters von computergesteuerten Signalsystemen übernommen wurde, das alte Handwerk gibt es noch immer – oder besser: schon wieder. In ganz Europa und bis hinauf ins Erzgebirge rufen stimmgewaltige Männer die Stunden aus. Zwei herrliche Exemplare sind uns neulich in Buchholz in der “Dummen Sau“ begegnet. Die Kneipe heißt tatsächlich so, weil die Wirte hier schon immer - rau aber herzlich - jeden Gast mit “Glückauf, dumme Sau!“ begrüßt haben. Und Frank, der umsichtige Gastgeber, steht da seinen Altvordern heutzutage in nichts nach. Neulich hatte sich in der gemütlichen erzgebirgischen Gaststube wieder einmal eine Runde bekannter, aber lange nicht mehr gesehener Gesichter zum abendlichen Saubratenessen versammelt.

Gegen 9 Uhr tat es dann einen Schlag und hereingepoltert kamen die zwei Buchholzer Nachtwächter im vollen Ornat, um die Stunden zu verkünden, die der feucht-fröhlichen Runde noch bis Mitternacht verbleiben. Mit allerlei lustigen Sprüchen, kleinen Liedchen und weisen Trinkermahnungen spielten sich die beiden an den langen Tisch, um hier alle Vorsätze über den Haufen zu werfen und einen kräftigen Schnaps mit den illustren Gästen zu heben.

Rainer Eckel und Dieter Frank heißen die beiden Urgesteine im zivilen Leben, wo sie richtigen Handwerken nachgehen. An manchen Abenden aber sind sie nicht mehr zuhause vorm langweilenden Fernseher zu halten. Da streifen sie ihre schwarzen langen Mäntel mit dem Kep über, setzen sich die Helme auf die wuchtigen Schädel, greifen zu Laterne und Hellebarde, um in den dunklen Straßen der alten Stadt unterzutauchen und den Leuten zu zuzurufen, was die Stunde geschlagen hat. Nicht nur die Touristen sind ganz begeistert von dem Wissen, das die beiden bei Stadtführungen von sich geben. Auch die Einheimischen möchten auf ihre Nachtwächter nicht mehr verzichten. Sind sie doch so etwas wie städtische Originale geworden, eine Art originale Nachtwächter eben.

Mittlerweile sind sie auch noch Mitglieder in der europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft, der man gar nicht so einfach beitreten kann, wie die beiden mit schnauzbärigem Stolz mitteilen. Der Nachtwächter ist schließlich eine halbamtliche Respektsperson, der manchmal hier oben im Erzgebirge mehr Einfluss auf die Dinge des Lebens hat, als ein verbeamteter Polizist, - der hier übrigens Polizeier heißt.

Wer dem Rainer und dem Dieter – im Erzgebirge duzt man sich fast so schnell wie in Ungarn - begegnen will, der sollte sich bei seinem nächsten Besuch ruhig mal hinauf ins abseits gelegene Annaberg-Buchholz wagen. In der Buchholzer Terrassenstadt findet man in der Karlsbader Straße dann auch ganz bestimmt die “Dumme Sau“ und dort vielleicht auch die beiden wuchtigen, stimmstarken und überaus liebenswerten Buchholzer Nachtwächter.

s.

Vorabveröffentlichung aus PESTER LLOYD Nr. 51-52 2004

 


Klingeltoene