Erzgebirgstreff
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von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vergangenheitsängste

 

Ein nachdenklicher Besuch im Annaberger Erzgebirgsmuseum

Das Heimatmuseum – jetzt Erzgebirgsmuseum – meiner Geburtsstadt Annaberg kennt mich schon seit mehr als fünfzig Jahren. Als kleiner Junge war manchmal zwischen dem sonntäglichen Kirchen (katholische Hl. Kreuz)- und obligatorischen Kneipenbesuch (meist im Lokal „Zum Schwan“) ein Abstecher mit meinem Vater in das Museum gegenüber der Annenkirche Pflicht. Später dann übernahmen die Lehrer der Pestalozzischule diese elterliche Aufgabe. Und noch später, als sowohl die Eltern als auch die Lehrer schon längst auf dem großen Freilandmuseum vor der Stadt ihre letzte Ruhe gefunden hatten, ging ich immer wieder gerne alleine in mein Museum. Stunden verbrachte ich so vor all den Vitrinen mit den alten Büchern und Münzen, den Schaustücken aus längst vergangenen Zeiten, den herrlichen Pyramiden und Schwibbögen.

Schon als Kind hatte es mir aber insbesondere der mechanische Berg angetan, auf dem das Volk – oberhalb und unterirdisch – in wunderbare Bewegung geriet, wenn vorher die Aufsichtsdame mit einem riesigen Schlüssel hinter einer geheimnisvollen Decke das Werk zum Leben erweckte. Hier habe ich offenbar frühzeitig das Staunen gelernt und bei der Bewunderung dieser technischen Meiserleistung festgestellt, dass mir lediglich zwei linke Hände angeboren waren. Aber dieses erste Staunen kann auch anhalten und die Welt anders betrachten lernen, um sie dann lebenslang staunend zu reflektieren.

Meine Sucht nach immer neuen Eindrücken vom alten Annaberg riss bis heute nicht ab. Immer wenn ich von meiner Hutzenstube an der Donau - von meinem zu Hause in der Fremde - in die Heimat reise, dann hab ich mir einem Besuch des alten Museums zur angenehmen Pflicht gemacht. Das war vor der Wende so und änderte sich auch nicht, als man danach meinte, die sozialistischen Reliquien nun aus dem Haus an der Großen Kirchgasse entfernen und die Geschichte nun anders selektiv darstellen zu müssen.

Im Jahre 1992 war es dann so weit: Nach längerer Schließ- und Umbauzeit konnte man wieder alle Räume mit ihren Kostbarkeiten zum Staunen betreten. Allerdings staunte man nun über so manche Veränderung nicht schlecht. Mit viel Liebe zum Detail haben die wenigen Mitarbeiter/innen des Museums, und bestimmt in aufopferungsvoller Weise einen anheimelnden Anziehungspunkt für die Annaberger selbst und die vielen Besucher unserer Bergstadt geschaffen. Von der Teilung Sachsens, über die Schreckenberger Bergordnung, die interessante – und auch international verbandelte – Zinn- und Posamentengeschichte bis hin zur Lebensweise der Menschen der verschiedensten Stände ist viel Anschauliches aus den Beständen der dunklen Magazine ins helle Licht der neuen Räume gebracht worden.

Da der wissenschaftliche Anspruch an ein derartiges Heimatmuseum offenbar sekundär ist, müssen die immer noch fehlenden oder noch immer unzureichenden Informationen nicht unbedingt den Gang durch die Räume trüben; selbst dann nicht, wenn Beschriftungen über Schöpfer, Herkunft oder Alter der Exponate gänzlich fehlen sollten. Vielleicht war das in den zurückliegenden 13 Jahren seit der Umräumung mit den paar Leuten auch nicht zu schaffen...

Wenn allerdings wichtige historische Persönlichkeiten der Regionalgeschichte sowie tief einschneidende geschichtliche Ereignisse sich gänzlich dem Auge des Betrachters entziehen, so ist wohl die Frage nach dem inhaltlichen Profil und dem angestrebten Konzept unseres Museums nicht zu vermessen.

Wenn schon der wichtige Reformator Sachsens, der Annaberger Erasmus Sarcerius (Scheuer) auf einem winzigen Bildchen, in einer dunklen Vitrine in einer dusteren Ecke und ohne jeglicher Information den Fremden irritiert, so bleibt aber für den interessierten Museumsbesucher völlig unerklärbar, weshalb für den in seiner Zeit wichtigsten deutschen „Kinder- und Jugendfreund“ – Christian Felix Weiße – aus Annaberg kein hinweisender Platz auf die Bedeutung dieses umstrittenen Freundes von Lessing gefunden werden konnte, während gänzlich unbedeutende Ratsherren – die es ja zu allen Zeiten gegeben haben soll – jovial auf uns herabblicken dürfen?

Jahrzehntelang war die intensive Beschäftigung mit dem vielleicht bedeutendsten Sohn der Stadt Annberg - nach Adam Ries – mit dem Vertrauten von Friedrich Nietzsche, dem Schriftsteller, Mundartdichter und Komponisten Heinrich Köselitz (alias Peter Gast) teiltabusiert worden. Jetzt, wo nach politischen Wendungen in neuen Räumen beste Möglichkeiten für Wiedergutmachung an diesem Mann bestünde, sucht man vergeblich nach einen Hinweis auf diesen Mann, dessen bärtiger Vater uns auf einem alten Bild als Viezebürgermeister der Stadt über einem Türrahmen verständnislos nachschaut. Der Maler-Bruder, Rudolf Köselitz, ist wenigstens mit einem (!) Werk aus seiner Münchner Zeit vertreten. Adam Ries hat zwar nun ein eigenes Museum auf der Johannisgasse erhalten, aber wer ihn dort nicht besucht, wird im zentralen Stadtmuseum so gut wie nichts über den Rechenmeister erfahren, der über Jahrzehnte in St. Annaberg lebte, lehrte, forschte und arbeitete.

Nachdenklichkeit stellt sich allerdings dann verstärkt ein, wenn es vielleicht doch mal einen Besucher geben sollte, den es nur ganz am Rande interessiert, wie etwa die Zeit des Nationalsozialismus, der II. Weltkrieg, die über 40 Jahre danach und die nahezu friedfertige Hin-Wendung zur Marktwirtschaft sowie deren treibende Kräfte in Annaberg historische Spuren hinterlassen haben. Nichts von all dem findet der Wissensdurstige hierüber im Annaberger Heimatmuseum. Sind sie es etwa nicht wert, aufgezeigt und ausgestellt zu werden? Gibt es etwa so etwas wie Vergangenheitsängste? Oder sind dort Wertungsbekenntnisse von den Machern gefragt, deren demokratischer Standort erst noch bestimmt werden muss? Mit dem Hinweis auf die hier anzutreffende Kopflastigkeit einer auch schöngefärbten Sozialgeschichtsdarstellung vergangener Jahre und deren einseitigen ideologischen Darstellung – bei gleichzeitiger Geschichtsverdrängung - im hiesigen Heimatmuseum wird mit der resoluten Bemerkung aus dem Kassenfenster abgetan: „Davon wollen unsere Menschen heut nichts mehr wissen...!“ – wirklich? Wer hat das geprüft? Selbst für das schon immer etwas kleingeistige Annaberg ist diese Museums-Aussage kaum vorstellbar, aber authentisch. Die Spuren der Geschichte haben sich über 500 Jahre in das Antlitz der Stadt, teilweise unübersehbar, weil tief und nachhaltig, eingegraben. Die fast 100 jährige Geschichte, die uns das Museum vorenthält (obwohl es dazu reichlich Exponate in den Magazinen gibt). Ist aber ein solch bestimmende für das Erzgebirge und seiner „Hauptstadt“ gewesen, dass man ganz sicher sein kann, dass die Zeit und die nachwachsenden Besucher die Schließung dieser Geschichtslücke – frei von Vergangenheitsängsten - einfordern werden.

G.B.S.

 

 

 


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