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Die Lorenzianer - Ein Briefwechel:
Im Januar 1994 begann die FREIE PRESSE – Annaberg – mit dem Abdruck meiner Artikelserie “Die Lorenzianer”; nach
Veröffentlichung des 4. Teils informierte mich der damalige Leiter der Lokalredaktion, Udo Lindner, daß seitens des Vorstandes der “Gemeinschaft in Chrito Jesu” Einspruch mit Rechtsfolgen ausgesprochen
wurde und die Serie darauf hin jetz abgebrochen werde. Ich schrieb nachfolgenden Brief an Herrn Lindner worauf mir aber dann am 29.3.1994 nicht er, sondern der stellv. Chefredakteur der Freien Presse aus
Chemnitz antworte (Auszüge aus diesem Schreiben siehe nach dem Brief an Herrn Lindner):
An: Lokalredaktion "Freie Presse" Herrn Udo Lindner, Leiter der Lokalredaktion
19.1.1994
Betrifft: Veröffentlichungsverbot meiner begonnen Artikelserie in der Freien Presse durch den Vorstand der
“Gemeinschaft in Christo Jesu”
Sehr geehrter Herr L i n d n e r,
zunächst möchte ich meine Freude über Ihren "Mut" zum Ausdruck bringen, die
"Lorenzianer" nach fast einem Jahr Bedenkzeit doch noch zu veröffentlichen. Dafür danke ich Ihnen sehr, auch im Namen all derer, die eine solche Veröffentlichung gerade in dieser Zeit und in
der hier angestrebten ausgewogenen Art mehrheitlich begrüßt haben.
Viele Wissenschaftler und Journalisten, die meinen Beitrag kennen, haben mir bestätigt, daß an einer derartigen
kultur-philosophischen Auseinandersetzung mit der "Gemeinschaft in Christo Jesu" keinerlei Verletzungen religiöser Gefühle der so Gläubigen zu entdecken sind. Bei meinen jahrelangen Recherchen
zu diesem "Erzgebirgs-Mythos" bin ich allerdings immer mal wieder auch auf andere Reaktionen seitens der "Lorenzianer" gestoßen, wenn es
denn jemand gewagt hatte, kritische und aufklärerische Positionen zu diesem Thema zu artikulieren. Allerdings ist mir bisher noch kein Fall bekannt geworden, bei dem es die "Lorenzianer" geschafft hätten, ein derartiges Veröffentlichungsverbot zu erreichen.
Daß ihnen dies erstmalig einer FREIEN PRESSE gegenüber gelungen scheint, stimmt viele Leser der Zeitung
zumindest nachdenklich und macht betroffen, wie mir zahlreich versichert wurde. Ich möchte zu diesem eigentümlichen Verfahren in wenigen Sätzen folgende Bemerkungen anstellen, die auch von hier ab veröffentlicht werden können:
1. Laut Grundgesetz sind Pressefreiheit und die Freiheit der Meinungsäußerung mindestens gleichrangig zum
Recht des Individuums auf freie Religionsausübung und Wahl seiner Weltanschauung zu werten.
2. Jede Vereinigung, die sich inhaltlich von anderen unterscheidet, unterliegt automatisch Wertungen,
Beurteilungen, Vergleichen, Analysen u.a.. Sie sollte demnach in einem freiheitlichen Rechtsstaat schon auch die Meinung Andersdenkender aushalten. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn sie sich über
Jahrzehnte mythenbildend verhält.
3. Aushalten bedeutet auch, daß sich die Besprochenen gleichfalls öffentlich äußern können. Dazu stehen die
gebräuchlichen Formen des demokratischen Meinungsaustausches (Gegendarstellung, Leserzuschriften, u.a.) zur Verfügung, die ihrerseits zu einer erwünschten Transparenz möglicherweise beitragen werden.
4. Mit einer kultur-philosophischen Sicht auf die Glaubensinhalte der Gemeinschaft ist objektiv keine
Verletzung religiöser Gefühle möglich, weil in dieser Form die freie Wahl der Weltauffassung der Gläubigen und deren praktische Ausübung nicht in Abrede gestellt wird. Dem Autor müssen subjektive
Wertungen des Gegenstandes und polemische Umgänge mit diesem möglich bleiben, die keineswegs mit einer beabsichtigten Verletzung religiöser Gefühle im Zusammenhang stehen.
5. Die Art, wie der Redaktion der Abbruch der begonnen Artikelserie durch Vertreter der
"Lorenzianer" anheimgestellt wurde, läßt autoritäre Strukturen (zumindest im Denken) vermuten. In der Jahrzehnte währenden, punktuellen Auseinandersetzung mit dieser Glaubensgemeinschaft wäre
es somit erstmalig gelungen, seitens der "Lorenzianer" eine Artikelserie, unter Androhung von rechtlichen Schritten, an ihrem weiteren Erscheinen zu hindern.
6. Zur Verfahrensweise der Redaktion in dieser Angelegenheit lassen sich zumindest zwei Einwände formulieren:
Erstens - ist die demokratische Absicht, die noch nicht veröffentlichten Folgen des Lorenzianer-Beitrages vorab
der Religionsgemeinschaft zur "Begutachtung" zu überlassen und die weitere Veröffentlichung von dieser abhängig zu machen, eine Form der Zensur und Selbstzensur. Eine Praxis, die auf Nachfrage
bei anderen Publikationsorganen z.T. Heiterkeit, Unverständnis aber auch Ablehnung und Betroffenheit ausgelöst, - nirgendwo aber bisher Zustimmung gefunden hat.
Zweitens - sollte es zu den künftigen Gepflogenheiten der Redaktion gehören, den Autor zu befragen, ob vor
Veröffentlichung das Manuskript an Dritte ausgehändigt wird, zumal dieser den Beitrag nicht für die "Lorenzianer", sondern vielmehr für den interessierten und aufgeklärten Leser einer FREIEN
PRESSE geschrieben hatte.
7. Die Recherchen sind nach allen Möglichkeiten, die die Betrachtung einer stark introvertierten
Gemeinschaft bietet sowie nach bestem Wissen und Gewissen durchgeführt worden: Auswertung der spärlichst vorhandenen Literatur, von Schriftgut, z.B evangelischer Pastoren sowie Gesprächen mit ehemaligen
"Lorenzianern" und auch Gläubigen selbst.
Soweit meine Argumente, falls diese hoffentlich zur Veröffentlichung gebraucht werden. Sollten Sie allerdings
bei Ihrer dubiosen Entscheidung bleiben und die Artikelserie nicht fortsetzen dürfen, so bitte ich Sie, die Leser wenigstens über die Gründe dieses Verfahren kurzfrist in der Zeitung zu unterrichten.
Darauf haben die Leser einen moralischen und der Autor zusätzlich einen rechtlichen Anspruch.
Abschließend noch einige Quellen, die ich nur zur Untermauerung meiner seriösen Arbeit anfüge, die ich aber
keinesfalls aus Berufungs- oder Rechtfertigungsgründen, oder gar als Autoritätsbeweise, veröffentlicht sehen möchte (ungeordnet):
- "Religiöse Gemeinschaften" , Gütersloh 1985, Hrsg. Reller/Kiessig
- "Die Lorenzianer" , Dresden 1926, S.Kleemann
- "Offenbarungen" , Wybra/b.Borna, o.J., F. Schneider
- "Die Sekten der Gegenwart" , Stuttgart 1930 , P. Scheurlen
- "Licht ins Dunkel" (Streitschrift der "Lorenzianer" als Antwort auf
Kleemanns Büchlein von 1926), Lengefeld 1927
- " Wegbereiter der Vollendung" - Das Botenbuch der Gemeinschaft in Christo Jesu - ,
1954 o.O.
- " Seher, Grübler, Enthusiasten" , Stuttgart 1984, Kurt Hutten
- " Die Bibel " - Altes Testament -
- Manuskript (24.6.1971) von Pfarrer Ulrich Eichler, Ehrenfriedersdorf, über ein öffentliches Gebet
des H. Lorenz vom 20.4.1924
- " Neben den Kirchen " - von Eggenberger/Reimer o.O. ,o.J.
- Gesprächsprotokolle aus den Jahren 1961 - 1990 von ehemaligen Mitgliedern der Gemeinschaft
in Christo Jesu und noch praktizierenden Gläubigen
- Veröffentlichungen von Prof. Gantow, Sektenbeauftragter der evangelischen Kirchen
Berlin/Brandenburg, in mehreren deutschen Publikationen
Lieber Herr Lindner, - nun kann ich Ihnen die weitere Verfahrensweise mit meinen (unseren)
"Lorenzianern" nicht vorschreiben, aber empfehlen möchte ich Ihnen schon, die Artikelserie fortzusetzen, auch auf die "Gefahr" hin, daß die "Getroffenen . . . "
tatsächlich vor Gericht ziehen. Wir sollten es uns sogar wünschen. Denn dann hätte die "Freie Presse" in der langen und mysteriösen Geschichte der "Lorenzianer" als erste Zeitung
die Gemeinde zum Sprechen gebracht, zum Darstellen ihrer Positionen, - hätte tatsächlich "Licht ins Dunkel" geworfen und einen überfälligen Beitrag zur Transparenz, als Teil der Demokratie,
geleistet.
Was kann eigentlich einer Zeitung besseres passieren als polemische Aus- einandersetzung über ein
interessantes, unbekanntes und "geheimnisvolles" Thema, - zumal die Wünsche der aufgeklärten Mehrheit ihrer Leser nach Fortsetzung der Serie uns dabei bestärken sollten.
Bitte prüfen Sie nochmals die Rechtslage und dann mit dem begonnen "Mut" weiter gegen
kleingeistige Ängstlichkeit auf der anderen Seite.
Darf ich Sie noch bitten, meinen Beitrag über die Annberger Freimaurer wohlwollend zu beachten und
vielleicht gerade im aktuellen Zusammenhang, als eine weitere Farbe in diesem Themenkreis, zu veröffentlichen. Hier liegt auch ein schriftliches Interesse der GROSSEN LANDESLOGE DER FREIMAURER VON
DEUTSCHLAND vor, mit deren Landesgroßsekretär ich wegen der Annaberger Loge im brieflichen Kontakt war.
Ich garantiere Ihnen, damit werden Sie bestimmt weniger "Ärger" bekommen als dies derzeit so
wunderbar mit den "Lorenzianern" der Fall ist. Ich bin jedenfalls der Auffassung, - und da weiß ich mich in bester Gesellschaft -, daß diese Art von "Ärger" einer Zeitung nur von
Nutzen sein kann, - noch dazu, wenn sie Ihr P r o g r a m m im T i t e l trägt.
In diesem Sinne verbleibt, in der Hoffnung auf ein weiters Jahr derart protuktiver Zusammenarbeit,
mit freundlichen Grüßen
Ihr
Gotthard B. Schicker
Auszug aus dem Antwortbrief von Herrn Dieter Geipel,
stellv. Chefredakteur der Freien Presse, vom 29.3.1994:
Sehr geehter Herr Schicker,
für Ihren ausführlichen Brief bedanke ich mich. Ersparen Sie mir bitte alle Für und Wider Ihrer durch uns
abgebrochene Serie aufzulisten. Generell ist aber zu sagen, dass eine Serie in der Ausführlichkeit der Thematik und im Umfang der Darstellung für eine relativ kleine regionale Heimatausgabe
eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Herr Lindner hat diesbezüglich für künftige Veröffentlichungen von mir Order erhalten, keine solchen Experimente mehr zuzulassen. (...) Natürlich haben wir
uns mit dem Abbruch der Serie schwer getan. Aber das ausgelöste Echo ließ keine andere Entscheidung zu. Eine religiöse Grundsatzdiskussion kann eine Lokalredaktion weder verkraften noch hat sie dazu
den Auftrag. Bitte haben Sie Verständnis für unsere Entscheidung, die Ihnen Herr Lindner in seinem jüngsten Brief mitgeteilt hat. (...)
Mit freundlichen Grüßen
Dieter Geipel
stellv. Chefredakteur
Anm. d. Autors: Vor der abgebrochen
“Lorenzianer-Serie” (es fehlten noch drei Teile) wurden bereits 4 Teile über “Peter Gast – Heinrich Kösselitz” sowie 3 Teile über “Carlfriedrich Claus” veröffentlicht; also am Umfang konnte es wohl
nicht gelegen haben...
Hier folgt also nun der ungekürzte, z.T. unveröffentlichte Text der “LORENZIANER”:
hier
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