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Gutguschn
Geschichtliches vom Essen und Trinken im Erzgebirge
Die 4. Auflage des ersten Kochbuches aus dem Erzgebirge „Gutguschn“ ist im Annaberger Erzgebirgs-Verlag
erschienen. Um erneut Appetit auf meinen immergrünen Bestseller bei der Leserschaft anzuregen - soll hier mein Nachwort zum Buch (quasi als Vorwort) erstmals online erscheinen. Bestellungen sind ab
sofort auch über meine HP direkt beim Verlag möglich.
Bestellung über gotthard@schicker.org
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Die Besiedlung unserer erzgebirgischen Heimat fand in einer Zeit statt, die
allgemein als das europäische Mittelalter bezeichnet wird. Jene Zeit also, in der die meisten Sagen und Märchen spielen, der Handel mit dem Orient seine erste
Blütezeit erreicht, die Gabel noch nicht zu den Tischwerkzeugen gehörte und von der uns nur ganz spärliche Berichte über die Speisenzubereitung vorliegen.
Es gab noch keine Kochbücher in unserem heutigen Sinne. Die „Würzburger Pergamenthandschrift“ kann somit zu den ältesten deutschsprachigen
„Kochbüchern“ gerechnet werden, wenn man von losen Blättersammlungen für Eingeweihte aus den Klosterbibliotheken des Mittelalters absieht.
Hauptnahrungsmittel jener Zeit waren Breie, Fleisch, Fische und Fladenbrot. Dabei kann davon ausgegangen werden, daß der Brei das typischste aller
Volksgerichte war und von allen sozialen Schichten genossen wurde, während Fleisch mit zunehmender Arbeitsteilung und Herausbildung politischer Strukturen
ein mehr und mehr privilegiertes, später dann „exquisites“ Nahrungsmittel, darstellte.
Die Breie wurden aus den Produkten zubereitet, die der oft karge Boden
hergab. Für unser Gebiet kann der Brei aus Hirse zu den üblichen Alltagsspeisen gerechnet werden, der dann später durch den Haferbrei abgelöst und erst im
18. Jahrhundert von der Kartoffel (auch Brei) verdrängt wird. So ist es nicht verwunderlich, wenn wir noch in der Zeit der Renaissance - also jene Zeit, als
unsere Bergstädte erbaut worden sind, ein Ries und eine Uthmann lebten und reichlich Silber ans Tageslicht kam - in den Speisefolgen Breie der
verschiedensten Art antreffen. Allerdings gibt es auch schon andere Beobachtungen über die Essgewohnheiten in unseren Breiten. Ein gewisser
Johannes Bohemus, der über die „Esssitten“ in Deutschland zu Beginn des 16. Jahrhunderts meint: „... die Sachsen backen Weißbrot, trinken Bier, ihre Speise
ist schwer und ungeschickt: Speck, trockene Würste, rohe Zwiebeln, gesalzene (ungeseihte) Butter. Vielfach wird am Sonntag gekocht, was die Woche hindurch
dann gegessen wird. Die Kinder werden dort nicht mit Brei aus Milch und Mehl ernährt, sondern mit fester Speise, die in das Kindermündchen gesteckt wird,
nachdem sie von der Wärterin gut vorgekaut ist: daher werden auch die Sachsen, an solchen Speisen in zarter Jugend gewöhnt, zäher und stärker als
andere.“ (nach: E. Schmidt, Deutsche Volkskunde, Berlin 1904, S. 87). Es kann davon ausgegangen werden, daß diese Situation, zwar für Sachsen beschrieben, auch auf das Erzgebirge zutreffend ist.
Fremde und eigene Töpfe
Wenn man die wenigen erhaltenen Dokumente jener Zeit liest, so hat man den
Eindruck, daß das herrschaftliche Gesinde oft besser aß als die Bauern auf dem Land. Ganz abgesehen von den bürgerlichen und höfischen Speisenfolgen und
Tischsitten, die hier nur teilweise Gegenstand der Betrachtungen sein können. Es bleibt festzustellen, daß in die Ernährungsgewohnheiten, in die Rezepturen
der einzelnen Speisen sowie in die Esskultur und Tischsitten sowohl die fränkische als auch böhmische und thüringische Küche ihre Spuren hinterlassen hat.
Eine reine erzgebirgische Küche gab es also zu keiner Zeit. Alle größeren
Siedlerströme, bis hinein in die jüngste Geschichte, haben ihren Beitrag zu der dann ja doch wieder typischen Regionalküche des Erzgebirges geleistet. Dieser
scheinbare Widerspruch ist heute in allen lokal begrenzten Küchen Deutschlands nachzuweisen. Und dennoch haben sich über längere Zeitabschnitte relativ
stabile Rezepturen erhalten, die uns durchaus auf eine eigenständige Küche des Erzgebirges verweisen lassen.
Aus entsprechenden Berichten wissen wir, daß es den Bauern, Siedlern,
Handwerkern usw. auch im Erzgebirge im 15. Jahrhundert ernährungsmäßig besser ging als im 17. und 18. Jahrhundert.
Auswertungen von sogenannten Fronregistern haben ergeben, daß die Zahl, die
Grundelemente und der Aufbau der Mahlzeiten Jahrhunderte lang konstant blieben. Erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts wird auch in unserem Raum von
vorher vier - als üblich anzusehenden Mahlzeiten - auf drei reduziert. Es war bisher normal, vor dem Hauptessen jeder Mahlzeit eine warme Vorsuppe zu
essen, die entweder aus dünner Milch oder Molken, zumeist aber aus Kofent (einem billigen, meist aus dem zweiten Aufguss bestehenden Schwachbier)
bestand. Das nächste Gericht bildete wiederum eine „Kofentmährde“ oder ein „Lauteres“ - das waren suppenähnliche Speisen, in die Brot gebrockt oder
getunkt wurde. Für das Hauptgericht galt im Ablauf der Woche dann die sogenannte gebundene Speisenfolge, d. h., jeder Wochentag hatte das ganze
Jahr hindurch sein Gericht, etwa im Wechsel von Sauerkraut, Graupen, Erbsen, Klöße, Grütze. Linsen usw.
Der Donnerstag war Kloßtag und damit auch Fleischtag (Klöße meist „Zubrot“
zum Fleisch), denn am Freitag war Fasten- oder später dann Fischtag. Mit zunehmender Fleischknappheit zu Beginn des 17. Jahrhunderts ist auch ein
deutlicher Rückgang der Fleischtage und besonders der Fleischmenge festzustellen. Dies wurde ausgeglichen durch eine rasche Zunahme des
Brotverbrauchs. Besonders in der Fronkost (Fronbrötgen, Fronsemmeln) ist noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein hoher Verbrauch nachzuweisen (2 - 3
Pfd. pro Tag und Person im Durchschnitt). - (siehe dazu auch in J. Kuczynski: I. Müller, Kartoffelnahrung im Vogtland, Plauen 1976).
Bergleute starben früher als Bauern
Neben dem Wildbret, dessen Jagd aber schon recht früh dem „gemeinen Mann“
als Ernährungsgrundlage durch kurfürstliche Edikte entzogen wurde, galten das Rind, aber besonders das Schwein, das auf Waldweiden und auch in
nichtbäuerlichen Haushaltungen aufgezogen wurde, als Hauptfleischlieferanten. Fettes Fleisch war dabei deshalb begehrt, weil es den Fetthaushalt mit abdecken
musste, da die Butter wie auch Milch und Eier, oftmals Handelsobjekte (Natural-Tausch-Objekte) waren. Nur die Nebenprodukte bei der
Butterherstellung, wie Quark, Käse, Molke, Buttermilch, kamen auf den eigenen Tisch. Butter als Brotaufstrich war damals nicht üblich, sie wurde hauptsächlich
zum Braten (Schmälzen) der Speisen benutzt. Der Käse war seit alters her die derbe und eiweißreiche Zukost zum Brot.
Ging es den Erzgebirgern in den zurückliegenden Jahren schon nicht rosig, so
müssen aber die Hungerjahre nach dem Dreißigjährigen Krieg 1739-41 und 1770-72 für unsere Vorfahren, besonders in den Städten, verheerend und
katastrophal gewesen sein. Im Jahr 1772 lagen im Erzgebirge die Verluste an Menschen bei 9,3 v. H.. während z. B. im Raum Leipzig nur 4,5 v. H. und unter
den günstigen Ackerbaubedingungen in der Niederlausitz nur 2,5 v. H. angegeben werden (siehe: F. G. Leonhardi, Erdbeschreibung der Churfürstlich
und Herzoglich-Sächsischen Lande, Leipzig 1802, S. 48). Anhand der Auswertung von Kirchenbüchern einiger Orte des Erzgebirges kommt C. Langer zu der
Feststellung, daß sich die Sterbefälle in denjenigen Orten häuften, in denen die Masse der Bevölkerung aus Bergleuten, Köhlern, Hammerschmieden und
Heimarbeitern bestand, während in den Bauerndörfern die Zahl der Todesfälle kaum die von normalen Jahren übertraf (siehe: C. Langer, in: Sächsische
Heimatblätter, 9, 1963, S. 366). Und dennoch muss die Hungersnot auch in den Dörfern des Erzgebirges unbeschreiblich groß gewesen sein; darüber gibt es
zahlreiche Berichte von Pfarrern, Ärzten und Amtspersonen aus jener Zeit. Daraus zitiert W. Abel in: Agrarkrisen und Agrarkonjunktur, Hamburg und Berlin
1966, S. 237 wie folgt: „Zu der schweren Arbeit in Eisenhämmern und Holzschlägen, welche sonst den Mannspersonen ihren Verdienst schaffen, jedoch jetzt auch liegen, sind viele entkräftet.
Oft müssen sie von der Arbeit wieder abgehen, oft davon hinweggetragen
werden: Ja einige sind tot dabei liegengeblieben. Die Krankheiten hatten auch schon sehr überhandgenommen. vornehmlich durch den Genuss unreifer
Erdfrüchte. Nur erst vor 14 Tagen hatte man in der Gegend von Eibenstock zwei Kinder, die in den Wald gegangen waren, um sogenannte Schwarzbeeren zu
holen, auf der Straße aus Mattigkeit umgefallen und tot aufgefunden ...“
Die rettende Knolle
Wenn die Not am größten, kommt aber meist von irgendwoher Hilfe, wird der
berühmte Strohhalm gereicht, an dem sich wieder Hoffnung festmachen kann. Amtsleute, Richter, Pfarrer - Leute also, die von der Not ihrer Mitmenschen
wussten und zu handeln verstanden - bemühten sich nunmehr um die Pflanzung und Ausbreitung der Kartoffel in unserem Raum. Da sie aus den
Gebirgsgegenden Perus herstammt, waren unsere gebirgischen Höhenlagen und ihre kargen Böden nichts Fremdes für sie. So treffen wir sie aus der Pfalz
kommend, um 1705 (in Erlbach sogar schon 1647 nachgewiesen) im Vogtland an - wahrscheinlich zuerst im dichtbesiedelten Auerbacher Waldrevier - und um
1710 dann schon entlang den ganzen Erzgebirgskamm bis in die Annaberger Gegend hinein. Nach 1730 ist in unserem Raum eine kontinuierliche Ausbreitung
der Kartoffel nachzuweisen und sie war von da an in die Kost der Dörfer und Kleinstädter voll eingegliedert. Von einem Christian Alexander von Beulwitz wird
berichtet, daß er es war, der die „Vogtländische Knolle“ als „Ardäppel“ im Erzgebirge heimisch gemacht haben soll.
Durch seine Versetzung zum Vizeoberforstmeister aus dem vogtländischen
Unter-Erlbach nach dem erzgebirgischen Schlettau nahm er auch seine „Kartoffel-Erfahrungen“ mit und konnte sie gut im „Erbgericht“ von
Walthersdorf, das nach Schlettau eingepfarrt wurde, bei der Bewirtung der dortigen Gäste anbringen. Einen Knecht und zwei Mägde, die mit der Kartoffel
sachkundig umgehen konnten, soll er von seinem vogtländischen Rittergut mit ins Erzgebirge gebracht haben. Und von den Kirchenkanzeln des Erzgebirges
hielten fortan die „Knollenprediger“ ihre „Knollenpredigten“ - wie der Volksmund die aufklärerische Werbung der Pfarrer für die Kartoffel bezeichnete.
Die Kartoffel wurde zum Hauptgericht der Erzgebirger. Eine Vielzahl von
Kartoffelgerichten in unzähligen Varianten sind nachzuweisen und bilden zum Teil noch heute (oder schon wieder) einen wesentlichen Bestandteil der
Mahlzeiten in den Städten und besonders in den Dörfern unserer Heimat. So können das „Raacher Maad“, der „Ardäpplkuchn“, die „Ar-däpplkließ“, die
„Goldnen Klitscher“ oder die „Fratz’n“ durchaus als typische Gerichte aus dem Erzgebirge angesehen werden. Allerdings ist immer einschränkend hinzuzufügen,
daß in einigen Fällen Einflüsse aus anderen Breiten, wie eben dem Vogtland, den fränkischen und böhmischen sowie thüringischen Räumen zu vermuten und sogar
mit intensiven wissenschaftlichen Methoden, nachzuweisen sind. Eine über zum Teil Jahrhunderte währende Konstanz in der Speisenzubereitung und der damit
einhergehenden Nahrungsmittel- und Esskultur rechtfertigt aber durchaus den Begriff von einer relativ eigenständigen „Erzge-birgischen Regionalküche“.
Grüne Speisenkammer
Neben den schon erwähnten Breien aus Gerste, Grütze und Hafer, die noch bis
in das 18. Jahrhundert nachzuweisen sind, waren es vor allen Dingen die mit Wasser, Milch oder Brühe verdünnten Breie - die Suppen -, die einen relativ
breiten Raum in der Speisenfolge des All- und Festtages der „efachen Leit“ einnahmen. Auch nur bei ihnen, eben jenen „einfachen Leuten“, ist eine für die
Region typische Küche anzutreffen. Die bürgerliche Küche war auch im Erzgebirge von der höfischen Küche - hauptsächlich Dresdens - und die
wiederum von den lukullischen Paradiesen Italiens und Frankreichs beeinflusst. Elemente dieser Küchen finden wir auch in stark abgewandelten Formen in der
Zubereitung besonders bei Fleisch- und Fischspeisen und zum Teil bei den Kuchen. Wie ein Hirsch, ein Reh, ein Hase oder gar ein Bär zubereitet wird,
erfuhr man als Jagdhelfer oder als Küchenjunge und brachte diese Weisheit ins Dorf, wo das, manchmal durch gefährliche „Wilddieberei“ erlegte Wildbret, von
den Grundregeln her kaum anders zubereitet wurde wie in der bürgerlichen Küche einer Barbara Uthmann in Annaberg oder in der höfischen des Herzogs
Moritz (abgesehen von den. dem einfachen Volk kaum zugänglichen wertvollen Gewürzen aus Übersee), von dem Christian Lehmann aufgezeichnet hat, daß
dieser im Jahre 1542 „... in einer Stunde sieben Hirsche geschossen/ er sey grün gekleidet gewesen/ und habe einen englischen Hund bey sich gehabt/ seine
Gemahlin aber sey mit 14 Frauenpersonen neben ihm gestanden.
Nach der Bärenhätze ließ er den Bauern ein Faß Bier/ und den Bergleuten zwei
Faß geben/ weil sie das beste darbey gethan hatten.“ An mehreren Stellen berichtet Lehmann in seinem „Schauplatz ...“ vom Wildreichtum unserer
erzgebirgischen Wälder, in denen noch der Bär hauste und von dem nicht nur die Bärentatzen auf den Tisch kamen.
„Zwei Centner und fünf Pfund wog“ solch ein Exemplar, das Herzog Moritz am
18. September 1624 in der Nähe von Marienberg erlegt hatte.
Aber auch die Vögel des Waldes und der Flur waren Nahrung für alle Stände.
Eine besondere Rolle haben neben allen größeren Singvögeln vor allem der Auerhahn, der Fasan, das Birkhuhn und die Enten gespielt. In vielen Berichten
aus jener Zeit wird auch der Fischreichtum unserer Bäche, Flüsse und Teiche hervorgehoben. Allen voran muss die Forelle (oder Fohre) einen Schwerpunkt bei
der Ernährung mit Fischen dargestellt haben. Neben den Bachforellen, die jedermann mit etwas Geschick mit der Hand fangen konnte, gab es bereits eine
verzweigte Forellenzucht in Teichen mit fließendem Wasser. Diese waren hauptsächlich für die Bürgerlichen und den Adel bestimmt bzw. wurden in
Schänken als Mahlzeit zum Bier verkauft. Der Hammerherr Heinrich von Elterlein züchtete in seinem Teich „sonderlich große Fohren/ die er lange gespeiset/ und
gemäßtet“ hatte. Auch hier ist der Kurfürst nicht weit und am 20. August 1625 war er mit seinem Jägermeister und anderen Offizieren dabei, als der Fischzug
begann „... davon bekam der Churfürst 3 Mandeln der schönsten Fohren/ darunter war eine, die 8 Pfund woge ...“. Und weiter wird berichtet, daß er
diese braten und seinem Gast, dem Fürsten aus Darmstadt, in Crottendorf auf die Tafel bringen ließ. „In des Hammerherren Stube aber wurde an zwei Tafeln
gespeiset unter grünen Birken ... Der Churfürst erzeigte sich fröhlich/ ritte später/ danckte mit der Hand/ auch der Wirthin/ die in der Küche geschäftig
war/ Ey sagte er/ habt ihr nicht eine raucherige Küche/ doch die Küchen sind nicht anders.“
Schwamme und Ziegenkaas
Neben den sogenannten Zugemüsen wie Weißkraut, Sauerkraut, Rüben u. a.
waren es vor allen Dingen die „Schwämme“, die sich aber auch zu verschiedenen Zeiten als eigenständiges Hauptgericht darstellen bzw. in der Kombination mit
Kartoffeln (besonders in Breiform) vorkamen. Bis auf den heutigen Tag hat sich kaum etwas an der Zubereitung von Pilzen im Erzgebirge verändert; die
Rezepte, welche Chr. Lehmann 1699 im CAP. XIII (Von Schwämmen) aufgeschrieben hat, entsprechen noch überwiegend dem Geschmack der jetzt
lebenden Erzgebirgern und sicher auch ihren Gästen. Deshalb sollen sie hier ungekürzt wiedergegeben werden: „Es gibt auch sonst krause Klumpen =
Schwämme/ die häufig zusammen gewachsen/ sonst Ziegenbart oder Hasenöhrlein genannt/ und von armen Leuten gegessen werden. Die Röstlinge
pregelt man in Butter/ und kann sie auch in Fäßlein einsalzen und behalten. Die Pilze und Täublinge werden mit Ram und Butter/ gehackter Petersilie und
Zwiebel bereitet: die Bratlinge auf dem Roste gebraten/ oder so derer viel sind/ wie Röstlinge gepregelt: die Stock = Schwämme/ wie auch die Morcheln/
gehackt/ und dann mit Butter/ Ram/ Eyern/ Zwiebeln und Gewürtzen dem Geschmack und dem Magen anmutig gemacht ... Das gemeine Volck dörret die
geschnittenen Piltze ab/ und kochet sie dann zum heiligen Abend sauersüß mit Essig/ Syrup und Pfefferkuchen.“ Auf jenes „Schwamme-Assen“ wurde schon im
„Neinerlaa“ dieses für das Erzgebirge so typische Heilig-Abend-Essen, eingegangen (extra Kapitel im Buch).
Abschließend noch ein paar Bemerkungen zu einigen anderen typischen Speisen
aus dem alten Erzgebirge: Da wäre besonders der Käse, und hier wiederum der Ziegenkäse zu nennen. Geschwärmt wird in alten Schriften vom sogenannten
„Aberthamer“, eine Käsezubereitung, die im Geschmack den „besten Holländer-Texter-Käse“ nicht nachgestanden haben soll. Ein wahres
„Leckerbißlein“ soll er gewesen sein, den die Liebhaber mit auf Reisen nahmen und der auf den Tafeln der großen Herren nur selten zum Abschluss der
Mahlzeiten gefehlt haben soll. Und allen Gerüchten aus der damaligen Zeit. daß die Aberthamer-Käse ihr spezifisches Aroma daher haben, weil sie mit
„Leichen-Wasser“ zubereitet wären, widerspricht Lehmann, indem er klarstellt, daß „... die Aberthamer ihre grünliche Farbe vom schimlichen Brodt/ oder gepulverten Kräutern“ bekommen.
Reichlich sind die Hinweise auf die Schmack- und Nahrhaftigkeit der Beeren
sowie deren oftmals eingebildete oder tatsächliche Heilwirkung bei allen möglichen Unpässlichkeiten oder Krankheiten. Dabei spielen die Schwarzbeeren
sowie die Heidel-, Preisel- und Walderdbeeren eine wichtige Rolle. Aber auch die für das Erzgebirge wohl typischste Beere, die „Vuglbeer“, war schon zu
Lehmanns Zeiten Bestandteil manch einfacher Küche oder heimischer Apotheke: „Der gemeine Mann bindet diese Trauben am Bötticher Reifen/ hanget sie
gegen den Winter zum Giebel heraus/ daß sie der Frost ziehe und mürbe mache/welche sie hernach in Butter gepregelt/ oder nur in warm Wasser
getauchet essen/ oder in Wasser und Wein gesotten wider den Bauchfluß einnehmen: Oder sieden sie aus zu einem dicken Saft/ diluiren dann auffm
Nothfall einen Löffel voll in einer warmen Brühe oder Brandtewein/ und gebrauchens.“
Mit der Zeit setzte sich auch in den größeren Städten des Erzgebirges die
bürgerliche Gewohnheit des sogenannten Kaffee-Butterbrot-Essens durch. Selbst die Dörfer wurden davon nicht verschont und dort fiel besonders durch das
sogenannte Kaffeefrühstück die bislang übliche Suppen- oder Breikost als erste Tagesmahlzeit weg. In den „Briefen eines reisenden Franzosen über
Deutschland“ von J. K. Riesbeck (Bd. 2/1784) heißt es von den sächsischen Bauern: ,,Unbegreiflich ist ihre Verschwendung im Kaffee, der die einzige
Nahrung von vielen zu sein scheint und dessen unmäßiger Gebrauch mit der durchaus herrschenden Kärglichkeit sehr kontrastiert.“
Regionalküche blieb erhalten
Die Ernährungsverhältnisse im Erzgebirge verschlechterten sich in unseren
ländlichen Gebieten zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts kaum. Dort, wo die Zahl der Gesellen und der Manufakturarbeiter zunahm, also
in den Bergstädten, ist parallel zur Verschlechterung der Lebensverhältnisse auch ein qualitativer Rückgang in der Ernährungssituation feststellbar. Die Zahl der
Armenhäuser, Suppenküchen und Massenverpflegungsanstalten nahmen zu. Hülsenfrüchte und Kartoffeln dominierten dort auf den „Speiseplänen“. Nach
Beobachtungen des weitgereisten Wirtschaftspolitikers, Friedrich List, verstand man unter den notwendigsten Lebensbedürfnissen in vielen Gegenden
Deutschlands: Kartoffeln ohne Salz, Suppen mit Schwarzbrot, Haferbrei und ab und zu Klöße. „Die, welche sich besser stehen, sehen kaum einmal in der Woche
ein bescheidenes Stück frisches oder geräuchertes Fleisch auf ihrem Tisch, und Braten kennen die meisten nur vom Hörensagen. Ich habe viere gesehen, wo ein
Hering an einem an der Zimmerdecke befestigten Faden mitten über den Tisch hängend unter den Kartoffelessenden von Hand zu Hand herumging, um jeden
zu befähigen, durch Reiben an dem gemeinsamen Tafelgut seiner Kartoffel Würze und Geschmack zu geben.“ (H. J. Teutenberg in: J. Kuczynski, Bd. 3, S.
361/362). Mündliche Berichte über ähnliche Gebräuche in unseren Breiten liegen von alten Erzgebirgern vor.
Schwere Zeiten kamen nochmals über das Erzgebirge in den beiden großen
Kriegen unseres Jahrhunderts und vor allen Dingen in den jeweiligen Nachkriegszeiten. Hier war die Ernährungssituation „zurückgebombt“ worden
auf einen Stand, wie er vielleicht nur mit den Hungerjahren nach dem Dreißigjährigen Krieg vergleichbar ist. Nach 1945 musste nicht nur die
einheimische Bevölkerung auf Nahrungssuche gehen. Hinzu kamen noch viel tausend hungrige Mäuler aus den ehemaligen „Gauen des Großdeutschen
Reiches“. Sowohl die Aus- und Umsiedler aus Böhmen, Schlesien und Ostpreußen als auch die durch das „II. Berggeschrei“ - die Wismut - angelockten Menschen
haben Spuren in der Küche unseres Erzgebirges hinterlassen; nicht immer zum Nachteil derselben. Gleichzeitig war, besonders in den Dörfern, eine
Stabilisierung der Regionalküche in einzelnen Rezepten festzustellen. denn man wollte ja den „Fremden“ das typisch erzgebirgische Essen vorstellen. Von dieser
Situation können zukünftige Untersuchungen und Forschungen profitieren, da heute durchaus, in den einzelnen Orten im Detail zwar unterschiedlich, aber
immerhin noch relativ gut erhaltene Rezepturen vorhanden sind und nach ihnen wieder verstärkt gekocht wird. Sicher haben die elektronischen Medien, die
Print-Medien und nicht zuletzt die Überfülle an Kochbüchern aus allen Herren Ländern zu allen möglichen Gelegenheiten ihren multikulturellen Einfluss auch
auf die Küche unseres Erzgebirges ausgeübt. Nicht nur in den Städten öffnet man sich den neuen Geschmacksreichtümern, wie sie in jüngster Zeit auch bei
uns „hier oben“ erfahrbar sind und meint, Versäumtes nachholen zu müssen. Und dennoch ist schon jetzt festzustellen, daß man sich wieder mehr und mehr
auf die traditionellen Gerichte besinnen, wie wir sie seit Urväter-Zeiten (siehe „Neinerlaa“) kennen und nicht zuletzt wegen ihrer oftmals genialen Einfachheit schätzen und lieben gelernt haben.
Gotthard B. Schicker
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