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Feucht und fröhlich
Ein gastrosophischer Streifzug durch Annaberg und Buchholz
1. Teil: Von gastlichen Stätten, die es einstmals gab
“Essen und Trinken halten Leib und Seele zusammen”, - so, oder so ähnlich, geht ein altes deutsches Sprichwort. Auf den
Erzgebirger angewandt müßte es allerdings dann etwas abgewandelt lauten: Essen und Trinken sind für ihn Leib und Seele in einem. Hatte ich mich schon im ersten Kochbuch des Erzgebirges ausführlich mit
den Eß- und Trinkgewohnheiten meiner heimatlichen “Gutguschn” befaßt, so sollen hier endlich die gastlichen Stätten folgen, in denen sie sich immer wieder gerne dem Zusammenhalt von Leib und Seele
widmen. Um Gaststätten geht es also, um Restaurants, Gasthäuser, Schenken, Kneipen und Hutzenstuben im früheren und gegenwärtigen Annaberg und Buchholz. Freilich ist es nicht möglich, hier eine Übersicht
über all die Wirtshäuser zu geben, die in den über 500jährigen Bergstädten jemals ihre Pforten für die einheimischen und fremden Mägen und Kehlen geöffnet hatten und in ihrer Mehrzahl längst in Bacchus -
oder besser Gambrinus - Reich entschwunden sind. Deshalb habe ich mich auf einen überschaubaren Zeitrahmen eingelassen, der in etwa die Jahre von 1920 bis 2000 umfaßt. Interessant ist dabei, daß Annaberg
damals rund 18.000 Einwohner zählte und mehr als 90 gastliche Häuser in seinen Mauern hatte, während im Jahre 1982 für ca. 28.000 Bürgerinnen und Bürger, Kolleginnen und Kollegen, Genossinnen und
Genossen lediglich 47 Schankstuben zur Verfügung standen. Wie viele es im Jahre 2000 gewesen sind, müßt ihr selber zählen, während ich euch zunächst etwas über die Gastronomie im Annaberg von damals
erzählen will.
Nehmen wir uns zunächst einige der Gaststätten vor, die es heute nicht mehr gibt, die aber in der feucht-fröhlichen
Erinnerung so manchen Zechers und seiner Zecherin noch einigermaßen wach sein dürften.
Das “Bellevué”, draußen vor der Stadt gehörte einst zu den beliebtesten Ballsälen Alt-Annabergs; die Alten
schwärmen noch davon. Ein paar wenige erinnern sich dann auch noch hinter vorgehaltener Hand daran, daß dort in der sinnfälligen “Schönen Aussicht” – um auch mal meine Französischkenntnisse zum Besten zu
geben - dann 1946 die Vereinigung von KPD und SPD zur SED stattgefunden hat. Kurz danach verkam das Lokal immer mehr und wurde in den 70er Jahren nur noch als eine Art Mülldeponie genutzt.
Ein ganz segensreicheres Schicksal ereilte den anderen äußerst beliebten Annaberger Tanzsaal, den “Lindengarten”.
Hier nistete sich nach dem Krieg die Methodisten-Kirche ein. Eine verrückte Zeit war das schon damals hier oben im Gebirge. Während man in der Sowjetunion Kirchen zu Museen und auch Kneipen
umfunktionierte, beschritten die Erzgebirgs-Funktionäre den umgekehrten Weg und machten aus einer Kneipe eine Kirche, getreu der Devise: vom Erzgebirge lernen heißt (ver)siegen lernen!
Nicht viel anders erging es einer meiner Stamm-Kneipen, der “Pilsner Bierstube”.
Noch in den 60er Jahren hatte ich dort mit kräftigem Baß die höchsten Tenorarien am stimmkranken Klavier geschmettert,
während mein Schulfreund Friedhelm L. mit der Biertrommel (so nennt man das Tablett, auf dem der Wirt die Biere transportiert) von Tisch zu Tisch ging, um für die nächsten halben Liter zu sammeln. Bis
weit nach Mitternacht wurde hier getrunken und gesungen; besonders auch dann, wenn sich der feingliederige “Fürst” mit seinen langen weißen Fingern ans Piano setzte und mit seinen Wein- und Bierliedern
mir mal für ein halbe Stunde Ruhe gönnte, um meine drei eigeditschen Fischsemmeln und zwei knackigen Bockwürste zu verzehren. Hier traf man sich nicht nur nach Feierabend, sondern auch am Sonntag
vormittag nach dem Kirchgang oder auch nur nach dem Gang um die Kirche. Wie traurig war ich, als ich bei einem meiner Nostalgiebesuche in meiner Heimatstadt vor einer verschlossenen “Pilsner Bierstube”
stand. So traurig die Sache auch im doppelten Sinne war, aber daß man ausgerechnet aus dieser munteren Kneipe ein Beerdigungsinstitut gemacht hatte, trieb mir dann doch Tränen vor Lachen in die Augen.
Ähnlich herrliche Kneipen waren der “Schwan”, die “Sängerhalle” und die “Deichselschänke”.
In allen dreien bin ich ab und an verkehrt und hatte die ersten heiteren und auch weniger schönen Begegnungen mit dem “Klaanen Getu”, dem dichtenden Erzgebirgsoriginal Arthur Schramm. In den “Schwan” nahm mich mein Vater gern mit, weil dort ein böhmischer Wirt ausgezeichnete Knödel und Klöße zubereiten konnte und ein bayerischer Zieharmonikaspieler dort die Lieder aus seiner Heimat spielte. Und die 39 Pfennige, die ein Bier kostete, war sicherlich ein weiterer Grund, weshalb nicht nur der “Schwan” so gut besucht war. Und im “Schwan” bekam ich schließlich von einem schwarzen Baß des Annaberger Theaters die Schlüssel seiner Berliner Wohnung überreicht, die meine erste Bleibe in den 26 Jahren folgenden Jahren meines Berliner Lebens wurde. Drum sei bedankt mein lieber “Schwan”...
Ein paar Erinnerungen hab ich auch noch ans “Einsiedler-Braustübl” in der August-Bebel-Straße, die heute wieder
Wolkensteiner heißt. Die Bockwurst war dort besonders knackig und das Einsiedler-Bock von bester Qualität. Auch im “Schlachthof” sind wir gern eingekehrt; kann sein, daß die Kneipe direkt am
Annaberger Schlachthof noch einen anderen Namen hatte, bei uns hieß sie schon immer so. Wir gingen nicht nur gerne dort hin, weil es immer frische Beefsteaks gab, die dann in meinem späteren Leben
Buletten hießen und als recht ungewürzte Brotklumpen mit etwas Fleisch drinnen daher kamen; wir saßen auch deshalb als Jugendliche hier gern am Fenster, weil gegenüber die “Rote Laterne” war, die
ursprünglich eine recht gute Kneipe gewesen sein soll und dann auch anders hieß, aber allmählich zum bevorzugten Buff der Wimut-Kumpels wurde. In den 60er Jahren war es dann eine Pension für die
Bergleute, in der noch immer die ehemalig Buff-Mutter tätig war, und wir vom Fenster aus stadtbekannte leichte Mädchen dort ein und aus gehe sahen, die man nachts zuvor mitunter auf dem Parkett des
“Erzhammer” das Tanzbein hat schwingen sehen.
Eine von den ganz alten Gaststätten Annabergs war die “Goldene Gans” mit ihrem herrlichen Sterngewölbe aus der Zeit
der Renaissance und der deftigen heimischen Küche. Irgend wann zu Beginn der 60er Jahre wurden die Räume von der Stadtbibliothek bezogen, in der ich mich als Kind oft und gerne aufhielt und aus der sich
mein Vater immer nach der Nachtschicht in der IKA einen historischen Roman auslieh. Am liebsten hatte er “Die Sterne von Eger”, weil er ja aus Eger stammte. Beim Lesen viel im allerdings dann auf, daß es
sich nicht um sein böhmisches Eger handelte, in dem Wallenstein ermordet wurde, sondern um das ungarische, in dem den Türken die Einnahme der Burg nicht gelang.
Wo der “Dresdner Hof” gestanden hat, weiß ich nicht mehr. Aber daß es ihn gegeben haben muß, daß weiß ich genau. Ebenso
wie die “Drehscheibe”, die in der Nähe des Bahnhofes – wie der Name schon sagt – sein Domizil hatte. Eigentlich eine geniale Idee, eine Kneipe Drehscheibe zu nennen...
Auch “Bleibe” ist ein aussagestarker Name für eine Gaststätte; die auf der kleinen Sommerleite hieß so. Nach
unseren Abstecherfahrten mit dem Annaberger Theater in die Dörfer und Stadt des Erzgebirges, sind wir immer dort noch mal eingekehrt und lange - geblieben. Es war zu DDR-Zeiten eine der wenigen Kneipen,
die auch noch nach 23 Uhr Bier ausschenkte. Außerdem wohnte der damalig Regisseur, Sänger und Schauspieler Paul Rabold neben dieser Schenke und war so ihr bester Gast.
Nicht weit davon, in der Farbergasse 6 muß es gewesen sein, gab es auch eine alte Annaberger Gaststätte, an deren
Namen ich mich nicht mehr erinnere. Vielleicht kommt jemand darauf, der diese Zeilen liest. Auf alle Fälle gehört sie auch zu denen, die es heute nicht mehr gibt, falls sie nicht über Nacht im neuen
Gewand erstanden ist und ich noch nichts von ihr erfahren habe.
Ganz sicher bin ich mir aber über das “Bratwurschtglöckl” auf dem Kätplatz. Die alte große Bretterbude stand noch
bis vor wenigen Jahren und diente als Lager. Früher tobte hier drinnen das Leben. Nicht nur zur Kät – dem größten und ältesten Volksfest des Erzgebirges – war hier immer Stimmung. Auch an ruhigeren Tagen
konnte man eine sehr schmackhafte Bratwurst zum ständig fließenden Bier verspachteln. Manchmal war das “Bratwurschklöckl” sogar etwas Konkurrenz zur “Festhalle”, die bis vor paar Jahren noch mit
einer recht guten Küche imponierte; jetzt aber auch nicht mehr existiert. In der “Festhalle” hab ich mir mein erstes Geld durch Kegelaufstellen verdient; dort fanden die schönsten Maskenbälle und
Kinderfaschings statt; dort habe ich getanzt, getrunken, gut gegessen und von der Bühne meine ersten Opernarien in den riesigen Saal geschmettert. Immer wenn ich zum Pöhlberg hinauf wandere und an der
alten, großen, grauen Bretterbude vorbei muß, befällt mich schon ein bißchen Wehmut, und Erinnerungen werden an die Fußballspiele wach, die ich mit meinem Vater auf der gegenüberliegenden
Kurt-Löser-Kampfbahn (wie der Fußballplatz in Annaberg hieß) erleben durfte, bevor wir in der “Festhalle” eingekehrt sind, oder im “Erzgebirgsstübel” auf der kleinen Kirchgasse, oder im
“Felsenkeller” in der Nähe vom Eisenstuckplatz, oder in der “Probierstube Wartenberg” oder in der “Guten Quelle”...
Manchmal sind wir auch ins “Schützenhaus” gegangen, obwohl wir uns dort nicht so recht wohl fühlten. Es war nicht
wegen der Küche, die war nicht schlecht, und das Bier schmeckte auch hier. Es war mehr die Vergangenheit dieses Hauses, die uns nicht so oft hier einkehren ließ. Schließlich wurden hier Mitte der 30er
Jahre Andersdenkende – Juden, Kommunisten, Freimaurer – eingesperrt, gefoltert und auf den Weg in die Konzentrationslager gebracht...
Bei der “Obst Herta” war ich auch manchmal zu Gast; aber ich weiß nicht mehr, wo die ihre Kneipe hatte. Ist ja auch
kein Wunder, bei den Besuchen, die wir schon hinter uns haben. Ins “U-Boot” sollten wir noch rasch einen Blick werfen. Denkste! Längst ist in diesen halb unter der Erde liegenden “Gambrinus”
– wie die Kneipe richtig hieß - ein Spielwarengeschäft eingezogen.
Da wir lange Zeit auf der Großen Kirchgasse, besser in der Mittelgasse, oder noch genauer: beim Hut-Schmidt gewohnt
hatten, gingen wir oft schräg gegenüber ins “Bergamt” Mittagessen. Schön, daß es diese alte Kneipe, nach einer längeren Pause, nun wieder gibt. Wenn es jetzt auch eine Selbstbedienungsgaststätte
ist, sind doch die Erinnerungen an das alte “Bergamt” und die Flohkiste, wie wir das schmale Kino nebenan nannten, noch immer ziemlich stark. Am stärksten sind sie natürlich an das “Café
Stoltze ”, in dem es zu seinen Glanzzeiten auch Essen gab und in dem ich zwei lange Jahre Konditor lernen durfte...
Eine Kneipe kannte ich jahrelang nur von außen. Ich durfte sie erst betreten, als ich der gelben Schule auf dem Berg
längst entwachsen war. Die “Einigkeit” auf der Oberen Badergasse in Annaberg. Hier trafen sich fast täglich (Mittwoch Ruhetag) die Lehrer aus verschiedenen Schulen, aber hauptsächlich aus der
Pestalozzi-Schule, um hier Skat zu spielen, reichlich Bier zu trinken oder sich schnell mal zwischendurch auf den nächsten Unterricht vorzubereiten. Da muß man noch nachträglich Verständnis dafür haben,
wenn Schüler hier vor der Tür bleiben mußten. Später dann als junger Erwachsener habe ich mich zaghaft hinein getraut. Ein paar meiner Lehrer saßen immer noch an ihren angestammten Plätzen. Und wenn sie
nicht gestorben wären, sie säßen sicherlich noch heute dort, obwohl das Haus längst dem Verfall preis gegeben wurde.
Mit dieser traurigen Mitteilung über die Annaberger Einigkeit will ich den ersten Teil meines kurzen gastrosophischen
Rundgangs durch die verschwundenen Kneipen Annabergs beenden. Ursprünglich wollte ich einen solchen Gang auch durch Buchholz antreten, dabei mußte ich feststellen, daß dort das Kneipen-Sterben nicht
solche Kahlschläge verursacht hat, wie in der größeren Schwesterstadt. Dennoch ergeht nochmals an alle Leserinnen und Leser die Bitte, diese Alt-Annaberger-Kneipen-Liste aus eigenen Erinnerungen zu
vervollständigen und sie doch möglichst auf Buchholz auszudehnen.
Im 2. Teil werde ich mich dann mit den noch bestehenden bzw. neu entstandenen gastlichen Stätten in beiden Stadthälften
unseres feucht-fröhlichen Heimatortes befassen.
Gotthard B. Schicker, 4.1.2001
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