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Fronleichnam
Weihrauch auf der Straße - eine Erinnerung
Nun ist es wieder so weit . Die blüten -und duftreichen Spätfrühlings-Monate sind es, an denen
alljährlich zum Fronleichnamsfest die Pforten der katholischen Kirchen weit geöffnet werden. Uralten Traditionen folgend wird an diesem Tag nach der Heiligen Messe eine Prozession sein, in der das
Allerheiligste um die Kirche, - in manchen Gegenden auch durch das Dorf oder die ganze Stadt getragen wird.Die heilige Johanna von Lüttich soll eine Vision gehabt haben, die dann von Bischof Robert
aufgegriffen und für den Lütticher Sprengel im Jahre 1246 als Fest eingeführt wurde.
Der Dominikanerkardinal Hugo ordnete es dann 1252 für den hauptsächlich westdeutschen Raum an, bevor es
schließlich vom Papst Urban IV., - der selbst ehemals Erzdiakon in Lüttich war, - als " vronlichnam " (Herrenleib = "Fest des Leibes Christi") in den Festkreis der gesamten
lateinischen Kirche eingereiht wurde. Erst im Jahre 1279 ist jene Festfeier der Eucharistie durch die Prozession, - in der die Einheit der Katholiken zum Ausdruck gebracht werden soll
- , ergänzt worden. Thomas von Aquin ,der große Kirchengelehrte, war wesentlich an der Ausarbeitung der Meß-Texte, der inhaltlichen Gestaltung der Fronleichnamsfeste sowie der notwendigen Austellung des "Leib Christi " in der Öffentlichkeit beteiligt.
Aus christlicher Sicht gehört dieses Fest zu einem der wichtigsten im Jahreskreis der katholischen Kirche, weil
hier der "Sohn Gottes aus dem Schoß der Dreifaltigkeit durch seine Menschwerdung in das Menschenge -schlecht eintritt " (Schott). Es handelt sich also um den katholischen Mythos, daß Christus
in den Gestalten der Hostie(Brot, - sein Fleisch) und des Meßweines (sein Blut)
in vielfacher Weise Gestalt angenommen hat und über das Altarsakrament (hl. Wandlung) sowie durch seine nunmehr ständige Anwesenheit im Tabernakel (hl.Schrein) , den katholischen Glauben multiplizieren kann. Solcherart Verbreitung der Glaubensinhalte ist auch ein wesentlicher Bestandteil der Öffnung der katholischen Kirche über diesen Tag hinaus , indem sie demonstrierend auf die Straßen geht und und auch für sich wirbt.
Nicht nur wegen der schwierigen Erfaßbarkeit des Sinngehaltes dieses Festes fanden sich nicht selten in der
Kirchengeschichte auch katholische Klerikale, die dagegen opponiert haben. Vor allem auch deshalb, weil es so gänzlich aus den Festen , welche die Biographie Christi im Jahreskreis begleiten,
herausfällt. Für uns Kinder hat sich diese Tag jedenfalls inhaltlich, - wenn überhaupt -, dann nur märchenhaft erschlossen. Die jährlich stattgefundenen feierlichen Prozessionen waren es
hauptsächlich, die uns begeisterten und sich stark in die Erinnerung an das Annaberger Fronleichnams-Fest eingeprägt haben. Schon Tage vor dem großen Ereignis wurde der Kirchgarten hinter der kleinen
Heilig-Kreuz-Kirche in Annaberg, gesäubert, die Stations-Altäre errichtet und für den festlichen Umzug mußten die Chorhemden der Ministranten gewaschen und gebügelt sowie die alten Fahnen, Stander
und Wimpel gereinigt und ausgebessert werden.
Einer von den Ministranten, denen die Ehre zuteil wurde bei der Fronleichnams-Prozession im Jahre 1956 ganz
vorn zu schreiten und das Kruzifix quasi als Kerzenministrant zu eskortieren, -
der war ich. Noch heute spüre ich jene angenehme Aufgeregtheit in mir, dieses "Lampenfieber", welches sich ob der Verantwortung einstellte, beständig darauf zu achten, daß die Kerze während des Umzugs um unser Kirchlein ja nicht verlösche. Der Weg kam mir damals unendlich lang vor, obwohl er nur aus der Kirche raus , ein Stück durch den Schutzteichpark, die Röhrgasse runter, durch die Mariengasse und endlich hinein in den Kirchgarten führte. Hier erst konnten die Eindrücke nachwirken, die man auf der Straße draußen nur nebenher registriert hatte: Die freundlich - stolzen Blicke von Verwandten und Bekannten. Die Klänge der alten Kirchenlieder.
Der goldbestickte Baldachin, der unseren ehrwürdig dahinschreitenden Pfarrer Joch mit dem Allerheiligsten in
seinen erhobenen Händen beschirmte. Dort die schwarzge- kleideten Herren Kirchenvorstände, wie sie sich ehrenvoll an den Stangen dieses heiligen Zeltes und an den Kirchenfahnen festhielten, um den doch
noch recht frischen Erzgebirgswinden trotzend, die Kurven zu nehmen. Da war auch der Klang der Glocken. Dieser eigenwillige Ton, der selbst vom kleinen Annaberger Kirchturm eine Festlichkeit zu
vermitteln vermochte, die noch heute aus den Kindertagen nachhallt.
Und dann der Weihrauch! Katholische Kirchen kann man "riechen", sagte ich meinen Kindern immer, wenn wir bei Kirchenbesuchen unterwegs rasch in Erfahrung bringen wollten, ob es sich um ein protestantisches oder katholisches Gotteshaus handelte.
Doch hier draußen, -
diese einmalige Kombination der Gerüche Arabiens mit der frische Erde und den ausströhmenden Düften neuer Blüten in unserem Erzgebirge - , dieser Weihrauch auf der Straße bleibt wahrscheinlich lebenslänglich in sinnlicher Erinnerung.
Unsere Prozession ging immer durch ein Spalier zahlreicher Menschen. Darunter waren Fromme, die tiefversunken
in ihr Gesangbuch die alten Kirchenhymnen mitjubilierten. Da standen die neugierig Andersdenkenden, von denen es ja schon immer in der Diaspora reichlich gab. Einige Stauner, manche Zweifler,
wenige Kopfschüttler und einzelne Registranten fehlten schon damals nicht an der Strecke. Für uns Ministranten war Fronleichnam auch immer deshalb interessant, weil wir schulfrei bekamen, sobald dieses
Fest auf einen Wochentag fiel und wir als Katholiken in der Schule bekannt waren.
Die Jahre sind vergangen. Ansichten, Auffassungen und Bewertungen zur Religion und solchen Festen wie
Fronleichnam haben sich verändert, ohne die Überzeugung zu tilgen oder in den Jahren tilgen zu lassen, daß religiöses Verhalten, Kirche als Institution sowie deren Feste für große Gruppen von Menschen
zur individuellen kulturellen Lebensweise gehören, der von überall her mit größter Toleranz zu begegnen ist. Gerade in einer Zeit, in der so viele nach Äußerlichkeiten, nach Beglückungen durch die Form
streben, wo die eiskalte Anbetung des Mammon Geld den scheinbaren oder tatsächlichen Vorrang erhält vor Werten, die wirkliche Menschlichkeit ausmachen. Gerade in solchen Zeiten kann es auch für die
sogenannten "Ungläubigen " nicht von Schaden sein, wenn tradierte Werte auch der katholischen Kirche wie Güte, Toleranz, Vergebung, Hoffnung und auch Nächstenliebe wieder stärker in der
weltlichen Werteskala platzgreifen.
Und wieder wird sich auch in diesem Jahr die Katholische Kirche öffnen, wie schon seit Jahrhunderten, um auch
Hoffnung zu demonstrieren für die derzeit Mühseligen und Beladenen in Annaberg. Unsere kleine Kirche zum Heiligen Kreuz tut dies, - mit ihren heut' ca.1800 Gemeindemitgliedern - , schon seit dem
Jahre 1854.
Und wieder ist Fronleichnamstag. Die Prozession wird sicher am darauf folgenden Wochenende sein. Die
Beteiligung ist dann einfach besser, meinten die Pfarrer der letzten Jahre. Ich werde wieder im Spalier stehen, unter den Nachdenklichen. Werde die neuen Ministranten mit den alten Kirchenfahnen
vorüberziehen lassen, das eine oder andere Kirchenlied mitbrummen, dem Klang der Glocken lauschen und vor allen Dingen i h n
noch einmal genießen, jenen festlichen, katholischen Weihrauch auf meinen erzgebirgischen Heimatstraßen.
Gotthard B. Schicker
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