Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dr ham, is dr ham!

Nachdenkliches, Betrübliches und Hoffnungsvolles aus dem traditionsreichen deutschen Weihnachtsland - dem Erzgebirge

 

Die Schweizer Alpenländler behaupten von sich, daß sich Weihnachten bei ihnen in den Bergen mit keinem anderen Fest auf dieser Welt vergleichen kann. Mit andächtig verklärten Augen schwärmen die Österreicher von den alten Weihnachtsliedern, wie sie zur Advent- und Weihnachtszeit von den Salzburger Kirchtürmen geblasen werden. Und die Deutschen meinen, ihre Weihnachtsmärkte seien die innigsten in ganz Europa. Daß mit Deutschland dabei hauptsächlich der Freistaat Bayern gemeint sein kann, wird man schlagartig gewiß, wenn man dem Berliner Weihnachtsmarktrummel mit heiler Haut entfliehen konnte. Das jedenfalls war die gängige Auffassung vor etwa sieben, acht Jahren; zu einer Zeit, als es im Westen Deutschlands schon längst die nichtentflammbare synthetische Fichte zum Zusammenklappen mit dem Tannenduft aus der Spraydose gab, während die rückständigen aber umweltbewußten Ostdeutschen sich ihren Weihnachtsbaum noch immer heimlich aus den Wald schlagen oder von einem der Märkte für einen Spottpreis erstehen mußten. Auch die täuschend echt aussehenden fernöstlichen Imitation der traditionsreichen erzgebirgischen Weihnachtsfiguren wie etwa Nußknacker, Räuchermann und Pyramide, wie sie heute so preiswert in jedem Supermarkt, gleich neben den pflegeleichten Weihnachtsbäumen zu hauf aufgetürmt sind, waren für den Vorwende-Erzgebirger unerreichbar. Er mußte sich mit den profanen geschnitzten oder gedrechselten Holzfiguren aus der gleichgeschalteten heimatlichen Staatsproduktion das Weihnachtsfest versauern lassen. Damit war nun endlich Schluß! Schließlich ist man auch hier oben hinter den Bergen für die Freiheit des nichtnadelnden Weihnachtsbaumes mit brennenden Kerzen (übrigens damals noch echten) auf die Straße gegangen. Aber auch diese Zeit liegt schon wieder ein paar Jährchen zurück und die Leute aus dem deutschen Weihnachtsland - so nennt man das Erzgebirge nämlich seit alters her - haben von ihrer Reisefreiheit weidlich Gebrauch gemacht. In hellen heiteren Scharen sind sie in vollgepferchten Bussen alljährlich, insbesondere zur Weihnachtszeit, in ihre zukünftige Vergangenheit gereist: nach Nürnberg, München, Salzburg, Wien und an andere Plätze dieser gemütlichen europäischen Ecke, um weihnachtliche Atmosphäre zu schnupper. Schnupperreisen nennen das dann auch die nimmermüden Unternehmen mit ihren Billigangeboten. Zur großen Überraschung fanden die Gebirgler auf den dortigen Weihnachtsmärkten unter echten Tannen und Fichten auch kleine Buden aus Holz in denen - und jetzt kommt das Unglaubliche - ihre Räuchermänner, Engel und Bergmänner, die Pyramiden und Schwibbögen, all die Nußknacker und Engelkapellen für gepfefferte Preise angeboten wurden. Die Männelmacher aus Seiffen, jenem Ort im Erzgebirge, in dem seit über 100 Jahren Holzfiguren hergestellt werden, verstanden die Welt nicht mehr. Sie bestaunten ihre Produkte und konnten es gar nicht fassen als eine zobelpelzbemantelte Dame ihrem gamsbartbestückten Goldrandbrillenträger mit ihrem niedlichen bayerischen Akzent kaum dazu überreden brauchte, für ihr geräumiges Wohnzimmer eine der den venezianischen Lüstern nachempfundene Holzspinne aus dem Erzgebirge für schlappe 600 DM zu kaufen.

Einer der fassungslosen Schnitzer konnte es sich nicht verkneifen, mit seinen schwieligen Händen einem von den zierlichen Engeln heimlich unter die Füße zu schauen, dorthin, wo für gewöhnlich Made in Hongkong eingebrannt steht; mit strahlenden, aber doch etwas skeptischen Blicken konnte er seiner Frau in nahezu tränenersticktem Hochdeutsch - was einem von dort oben nun wahrlich nicht leicht fällt - vorlesen: "Erzgebirgische Volkskunst Seiffen".

Von nun an ging alles ganz schnell: Die Rückfahrt wurde dazu genutzt, um sich zunächst in deftiger erzgebirgischer Mundart gegenseitig seine Beschränktheit, Dämlichkeit, ja sogar Blödheit vorzuwerfen. Da hatte man nun geglaubt, daß sich mit den neuen Verhältnissen auch das Verhalten der Leute über Nacht ändern würde und so mancher hat unter dieser irrigen Annahme seine Holzbude resigniert - aber wie man heute weiß - voreilig geschlossen.

Daheim im alten Männl-Ort angekommen, ging man wieder an die seit Urväterzeiten gewohnte Arbeit. Man legte Holz, Geld und Ideen zusammen, bildete ein genossenschaftliches Produktionskollektiv, das Tag und Nacht werkelte, denn die geschenkefreudige Weihnachtszeit stand schließlich vor der Tür. Überall rauchten die Schornsteine, die Drehmaschinen surrten und das Schnitzmesser kam kaum noch zur Ruhe. Die ganze Familie wurde mit eingespannt: die Jungs mußten kleistern, die Mädchen bemalen und Mutter saß schon in der Ecke und rechnete den zukünftigen Gewinn zusammen. Die Großmutter erinnerte sich an die früheren Hutzenabende, bei denen die Menschen in den Stuben zusammenrückten, sich alte Geschichten erzählten und Lieder sangen, bevor jene Zeit kam, in der die Leute an einer merkwürdigen Unterkühlung litten, die nun wieder einer Erwärmung zu weichen schien. Man ging auf die Weihnachtsmärkte bis hinauf an Sachsens Grenze und hinunter in die Alpengegenden; selbst im hohen Norden und im nicht allzu fernen Osten waren die Figuren aus dem Erzgebirge wieder begehrt. Und in Seiffen sowie in anderen Orten dieser von Arbeitslosigkeit gebeutelten Region zog wieder ein erträglicher Frieden ein. Ein Weihnachtsfrieden gar? Schön wäre es gewesen. Aber wie meint doch das Sprichwort: "Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt!" Ob es nun ein Nymphomane aus der Nachbarschaft war, oder "nur" die Fahrlässigkeit eines Handwerkers, der bei Reparaturarbeiten an der Männelwerkstatt die Sicherheitsvorschriften vergaß, ist für das traurige Ergebnis kaum von Belang. Kurz vor Weihnachten stand plötzlich die "Werkstatt des Christkindes" in hellen Flammen und all die wundervollen Sachen aus Holz waren im nu wenigen Minuten Feuer, Rauch und Asche. Selbst die Tränen der Umstehenden reichten in dieser Nacht nicht aus, den gewaltigen Brand zu löschen. Es kam der Tag und das Werk der Vernichtung lag in seinem ganzen Ausmaß vor dem kleinen arbeitsamen Spielzeugdorf.

"Doch wenn die Not am größten...", - diese Erkenntnis hat die Erzgebirger von jeher nicht verlassen und so dauerte es gar nicht lang bis aus den Häusern, Hütten sowie den kleinen und großen Lagern des ganzen Ortes die unversehrten Weihnachtsfiguren zusammengetragen wurden, um den Männelmachern zu helfen, die es am ärgsten getroffen hatte. Man gab ihnen quasi Startkapital, damit es auch für deren Familien ein Weihnachtsfest werden möge, wie es hier oben seit altersher Brauch ist: bescheiden, familiär und in heiterer Besinnlichkeit.

"Es ist wieder Weihnacht im Erzgebirge" - raunt man sich heutzutage selbst außerhalb der Grenzen Deutschlands zu. Und das will auf etwas ganz Besonderes hindeuten. Auf einen Landstrich, in dem die Menschen zur Weihnachtszeit ihre Fenster mit Lichtern schmücken, wie vermutlich sonst nirgendwo. Auf eine Gegend, in der man sich zu Hause fühlen kann, auch dann, wenn man aus der fremdesten Fremde kommt. Ziemlich schnell versteht man dann, was mit diesem seltsamen erzgebirgischen Lauten "Dr ham, is dr ham!", jener hochdeutschen Feststellung "Daheim ist daheim!", wirklich gemeint ist: Um die sechste Stunde läuten in den Dörfern und Kleinstädten die Kirchenglocken. Das ist die Zeit, wo das sogenannte "Neunerlei" - ein aus neun Speisen bestehendes einfaches Mahl - auf den Heilig-Abend-Tisch kommt, auf dem ein extra Teller "für den Fremden Gast" gestellt wird, wie es der hier oben noch heute praktizierte Ritus verlangt. Selbstverständlich hat unter der Tischdecke etwas Stroh zu liegen und unter den Tellern kleine Münzen, beides um die Mächte der Weihnacht darauf aufmerksam zu machen, daß auch im kommenden Jahr immer genügend Kleingeld im Haus sein möge. Die Kinder können die Bescherung kaum erwarten, die meistens noch vor der Mitternachtsmetten erfolgt, um nicht, wie in anderen Gegenden, die lieben Kleinen noch bis zum ersten Weihnachtsfeiertag auf die Geschenke-Folter zu spannen. Nun rückt der Stollen, dieses üppige Weihnachtsgebäck - das die Form des in Windeln gewickelten kleinen Jesusknaben haben soll - in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Denn nur am Weihnachtsabend darf dieses gute Stück in streng (aber)gläubigen Erzgebirgsfamilien angeschnitten werden. Andernfalls stirbt jemand aus dem Kreis der Lieben, was ebenfalls dann zu befürchten ist, wenn der Stollen auf dem Transport vom Bäcker nach Hause zerbricht. Doch jetzt ist es so weit. Die Glocke von der kleinen, rundeckigigen Seiffener Barockkirche ruft nicht nur die Gläubigen zur Mitternachtsmetten. Der Schnee knirscht vor Kälte unter den schweren Tritten der Männelmacher, die mit ihren Laternen den Weg durch die dunkle Nacht bahnen und vielleicht nicht nur auf diesem Marsch zur spärlich erleuchteten Kirche den rechten Weg weisen...

 

Gotthard B. Schicker

 

Erstveröffentlichung im PESTER LLOYD

– der deutschsprachigen Zeitung Ungarns -,

Budapest, 18.12.1997

 

 

Seiffner Kinner

 

Hot uns die Tog e Ma genannt:

Kinner wärn mir aus´n Weihnachtsland.

Dos Land wär dos schennste weit un breit,

un drubn do wuhneten gelückliche Leit.

Dr Rupperich hätt sei Warkstell do,

un Engele käme vun Himmel ro;

un alles laabet vun setting Sachen,

die dr ganzen Walt när Frähd täten machen.

 

Ich mark oder nischt vun all daarer Lieb,

villeicht sei meine Aagele ze trüb.

Ich waß när, doß mir Kinner sitzen

jede Stund, die Gott waarn läßt, ben Spielzeigschnitzen.

Öb mir gelücklich sei? Ich waß fei net!

Gelück is vielleicht när e sette Red

wie vun Rupperich un vun de Engeln aah,

ich hob zewingst noch kenn gesaah!

 

Oder mir sei nu emol, dos is waltbekannt,

gelückliche Kinner in Weihnachtsland.

 

Wenzel, Max (1930)

 

 

Seiffner Kinder

 

Hat uns doch dieser Tage ein Mann genannt:

Kinder wären wir aus dem Weihnachtsland.

Das Land wäre das schönste weit und breit,

und dort oben, da wohnten nur glückliche Leut´.

Der Ruprich hätte seine Werkstatt dort,

und Engel kämen vom Himmel runter;

und alle lebten von solchen Sachen,

die der ganzen Welt nur Freude würden machen.

 

Ich merke aber nichts von all dieser Lieb´,

vielleicht sind meine Äuglein zu trüb.

Ich weiß nur, daß wir Kinder sitzen

jede Stund´, die Gott werden läßt,

beim Spielzeugschnitzen.

Ob wir glücklich sind? Ich weiß es wirklich nicht!

Glück ist vielleicht nur so eine Rede

wie vom Ruprich und von den Engeln auch,

ich habe zumindest noch keine gesehn!

 

Aber wir sind nun einmal, das ist weltbekannt,

glückliche Kinder im Weihnachtsland!

 

Max Wenzel (1930)

Aus dem Erzgebirgischen übertragen von der Redaktion des PESTER LLOYD.

 

 


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