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Dr haam is dr haam (Zuhaus ist Zuhaus)
Über erzgebirgische Dichter und Gedichte aus Annaberg und Umgebung
“Heit is dr Heilge Obnd, ihr Maad, kummt rei, mer gießn Blei... – wird nahezu in jeder Erzgebirgsstube zur Weihnachtszeit nicht nur am Heilgobnd gesungen. Manch einer weiß auch noch, dass dieses “Heiligobndlied“ von
Amalie von Elterlein stammt, oft in der Annahme, diese Frau sei in diesem Ort bei Annaberg geboren worden. Vielmehr ist unsere Johanne Amalie Benkert
am 27. Oktober 1784 in Annaberg zur Welt gekommen. Erst im Jahre 1804 heiratet Amalie den Erblehn- und Gerichtsherren Karl Heinrich von Elterlein auf Drehbach. Also einen reichen Mann aus jenem Drehbach bei Wolkenstein, wo Pfarrer Rebentrost vor fast 200 Jahren Krokusse in die Erde gesteckt haben soll, die sich derart vermehrten, dass heutzutage während der Blütezeit ganz Völkerwanderungen in Richtung Drehbacher-Krokuswiesen zu beobachten sind. Die Gemeinde tut aber auch alles dafür, dass die bunte Pracht im alljährlichen Blühen nicht erlahmt und steckt im Herbst immer mal paar Zwiebel nach.
Unsere Liedermacherin stammt aus mittelständigen Verhältnissen, der Vater war Kaufmann und betrieb einen kleinen Olitätenhandel. Später zog sie dann in den Ortsteil Pfeilhammer in
Pöhla, wo übrigens auch das “Heiligobndlied“ um 1830 entstanden sein soll. Noch immer streiten sich Heimatforscher darüber, ob dieses nahezu 150 Strophen umfassende Weihnachtslied tatsächlich eine Dichtung der
Amalie von Elterlein sei. Möglicherweise stammen die ersten fünf bis zehn Strophen wirklich von ihr, zumal hier eine geschlossen inhaltliche Thematik sowie eine große Übereinstimmung im Versmaß nachgewiesen werden
kann. All die anderen 140 Strophen sind in den Jahren danach von Volksängern aus allen möglichen Gegenden und aus den unterschiedlichten Anlässen dem Lied angehängt und teilweise dann auch unserer Amalie aus
Annaberg (nicht selten verunstaltet “modernisiert“) untergeschoben worden.
Sie starb am 20. November 1865 in Schwarzenberg, übrigens in dem Haus in dem fast 100 Jahre später eine der berühmtesten Schwarzenbergerinnen fast 20 Jahre wohnte: Elisabeth
Rethberg, die “Erzgebirgische Nachtigall“ und gefeierte Opernsängerin auf allen großen Bühnen der Welt.
Von der Amalia von Elterlein ist, außer ihrem volksnahen Tschumperle-Lied, keine andere poetische Äußerung bekannt. Für alle, die die heimliche “Hymne des Erzgebirges“ (natürlich
neben dem “Feirobnd-Lied von Anton Günther) noch nicht kennen, hier die ersten Strophen in der Originalversion (mit einem kurzen angehängten – letztlich untauglichen - Übersetzungsversuch der beiden ersten Strophen
für Nicht-Erzgebirger):
Dr Weihnachtsheiligobnd
Heit is dr Heilge Obnd, ihr Maad, kummt rei, mer gießn Blei; Rik, laaf geschwind zer Hanne-Krist, die muß beizeiten rei.
Ich ho menn Lächter agezündt, satt nauf ihr Maad, die Pracht! Do drübn bei eich is´s aah racht fei, ihr hatt e Sau geschlacht.
Satt a, ihr Maad, dos rare Licht Fer zweeazwanzig Pfeng, ich muß meins in e Tippel stelln, mei Lächter is ze eng.
Kar, zünd e Weihraachkarzel a, doß´s nooch Weihnachten riecht, un stell´s hi of dan Scherbel dort, daar unterm Ufn liegt.
Lott, dortn of dr Hühnersteig, do liegt men Lob sei Blei; Mad, rafel när net su dort rüm, sist wird de Krinerts schei.
Denn´s Masvolk hot sei Frahd an wos, sei´s aah, an wos när will; mei Voter hot´s an Vugelstelln, dr Kar daar hot´s an Spiel.
Iech gieß fei erscht, wan krieg ich do? Satt a, enn Zwackenschmied. De Karli lacht, die denkt wuhl gar, ich maan ihrn Richter-Fried?
Mer haben aah sachzen Butterstolln, su lang wie de Ufenbank; heit wird emal gefrassen waar, mir waarn noch alle krank.
(Der Weihnachtsheiligabend)
Heute ist der Heilige Abend, ihr Mädchen,
kommt herein, wir gießen Blei:
Friedericke, lauf schnell zur Hanne-Christel
Sie soll zeitig rüber (herein) kommen.
Ich habe meinen Leuchter angezündet,
schaut hinauf, ihr Mädchen, diese Pracht!
Da drüben bei euch ist es auch recht fein,
ihr habt eine Sau geschlachtet...)
* * *
Noch etwas älter als die Frau von Elterlein ist Carl Friedrich Döhnel (aber Damen haben/hatten eben Vorrang bei den Vorstellungen, zumindest im alten Erzgebirge, und übers
Alter spricht man auch bei Erzgebirgerinnen nur in solchen Rezensionen). Auch sein Vater war Kaufmann und Handelsherr, allerdings ein etwas begüterterer als der von Amalie. Seine Wiege stand im schönen Schneeberg,
dort ist er am 12. Juni 1772 zur Welt gekommen. Döhnel studierte Rechtswissenschaft (vermutlich in Leipzig), promovierte zum Dr. jur. Um 1800 finden wir ihn dann im kleinen Ort Wiesenburg bei Zwickau wieder, wo er
eine bescheidene Anwaltskanzlei betrieb und als Notar rund um Zwickau tätig war. Er starb in der Robert-Schumann-Stadt am 28. Juli 1853.
Obwohl er (als Rechtsanwalt war das wohl notwendig) hochdeutsch schrieb, sind ein paar seiner Gedichte auch in erzgebirgischer Mundart bekannt geworden. Mann muss wissen, dass das
Erzgebirgische erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts quasi salonfähig wurde und den Weg von der derben Volkssprache auf purer Kommunikationsebene auch in die Volkspoesie und später dann auch in die Heimat-Literatur
und ins Liedgut fand. So gesehen kann Carl Friedrich Döhnel zu den Mitbegründern der erzgebirgischen Mundartdichtung gerechnet werden.
Am bekanntesten ist wahrscheinlich sein achtstrophiges Gedicht “´s gebirgische Maadl“, das er 1819 – vermutlich als Widmung an seine Frau, die aus armen Verhältnissen stammte –
geschrieben hat (erstmals 1839 als mündliche Überlieferung, ohne Autor, im “Sächsischen Bergrreyhen“ in Grimma gedruckt) und von dem hier die ersten drei Strophen als Kostprobe wiedergegeben werden sollen:
´s gebirgische Maadl
Ich bi e gebirgisches Maadl,
bi munner, net falsch un aah gut,
dreh flessig ben Klippeln mei Faadl,
su arm ich bi, ho ich doch Mut`
Ho Ardäppln när of men Tischl,
Kaa Schminkele Butter derbei,
doch bi ich gesund wie e Fischel
un breng aah kenn Doktor niischt ei.
´n Sunntig, do därf ich mich putzen,
do här ich de Predigt erscht a,
nooch gieh ich zun Schwasterle hutzen,
wie gucken mer alle uns a! (...)
* * *
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Natürlich können wir mit einem noch älteren Poeten aus unserer Gegend aufwarten, obwohl er weniger Gedichte verfasst hat als viel mehr als Chronist und kenntnisreicher
Volkskundler des Erzgebirges in die “Erzgebirgs Annalen“ – wie auch eine Schrift von ihm heißt – eingegangen ist. Christian Lehmann
wurde am 11 November 1611 in Königswalde, ganz nahe bei Annaberg, in eine Pfarrersfamile – in der es schon acht Kinder gab - hineingeboren. Auch er wurde Pfarrer. Aber davor besuchte er noch die Fürstenschule “Sankt Afra“ in Meißen (1622-1625), taucht im Kirchenchor in Halle auf, ist als Schüler 1628 in der Stadtschule in Guben registriert, 1631 findet sich eine Eintragung im Schulregister von Stettin und ab 1633 hat er die Stelle eines Diakons in Elterlein inne. Ab 1638 ist er dann Pfarrer in Scheibenberg, eine Position, die er bis zu seinem Tode am 11. Dezember 1688 begleitet.
Die Scheibenberger Zeit ist auch im Hinblick auf seine volkskundlichen Forschungen sowie seiner landeschronologischen Arbeiten die produktivste. In Scheibenberg ist auch sein wohl
wichtigstes Werk entstanden, der “Historische Schauplatz des Obererzgebirges“, der allerdings erst nach seinem Tode, 1699 in Leipzig erschienen ist.
Viel ist von seinem sonstigen Werk nicht erhalten. Man vermutet mehr als 100 Briefe, in denen er Erzählungen in erzgebirgischer Mundart untergebracht hat. Aber sie sind bis heute
nirgends wo aufgetaucht. Erhalten blieb ein Schriftstück, das offenbar Teil eines Theaterstückes gewesen ist und das Prof. Helm aus Marburg 1916 in der Hessischen Landesbibliothek unter den Briefen (die es bis dahin
offensichtlich noch gab) fand. Es handelt sich dabei um ein Gespräch in (alt)obererzgebirgischer Mundart zwischen Leuten vom Dorf, vielleicht sogar welchen aus Königswalde.
Von Christian Lehmann wurde diese derbe Bauernsprache seiner Heimat als leicht latinisiertes “Dubenroismi“ bezeichnet, was Dr. Sieber zu der Annahme verleitet, dass es sich dabei
um “Ich bin von droben ro (runter)“, also das Pentand zu “Ich komme vom Gebirge her...“- handel könnte. Manfred Blechschmidt hat es dann auf “Von drubn ro“ verkürzt, während sich K. Rösel in den “Sächsischen
Heimatblättern“, Dresden 1961, für “Dubenroisches Gelatsch“ entscheidet, wenn er über dieses wichtige erzgebirgische Sprachfragment schreibt.
Es soll hier nur ein Satz dieser für heutige Lesegewohnheiten komplizierten Lehmannschen Transkription wiedergegeben werden, den der “Berg-Toffel“ zum “Puusch Görg“ sagt:
“Je, dass dich dä Rooben, host denn äben derrothen! Wenn e armer Schwiz ä Tholer drezze hot nein gebaut, un de starken Gewärcken springe o, sä muß wohl ennlich in de
Est spalten. Unner Schichtmäster is ä erberer Zeßig. Er iß när noch äppere ä paar böhmesche Gulden schüllig, ober är hudelt mich off dä thauer...“
* * *
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Handelt es sich bei den oben genannten Schreiberlingen um mehr oder weniger bekannte Namen, so sollen jetzt ein paar folgen, die weniger oder aber in anderen Zusammenhängen
bekannt sind. Da wäre zuerst Heinrich Köselitz
zu nennen, der am 10. Januar 1854 in Annaberg (natürlich im bekannten Haus am späteren Köselitz-Platz beim Schutzteich) geboren wurde und dem sein künstlerischer und ideologischer “Ziehvater“ Friedrich Nietzsche den Namen Peter Gast verpasste.
Unter diesem Namen hat er nicht nur Vorworte zu den Werken des großen deutschen Philosophen verfasst, sondern auch Gedichte in Hochdeutsch geschrieben, die z.T. von Nietzsche
vertont wurden. Unter seinen längst vergessenen Werken befand sich auch eine Oper namens “Der Löwe von Venedig“, die er selbst komponiert hatte und die letztmalig 1936 im Chemnitzer Opernhaus zur Aufführung kam.
Weniger bekannt sein dürfte, dass “Nietzsches liebster Gast“ (wie ich mal einen ausführlichen Text über den weltläufigen Annaberger betitelt hatte), natürlich dann unter dem Namen
Köselitz der Herausgeber der “Gedichte und Geschichten in erzgebirgischer Mundart“ war und selbst so genannte Schnurren schrieb. Im Jahre 1900 erschien ein Bändchen (wahrscheinlich das einzige) mit seinen kleinen,
frechen und lustigen erzgebirgischen Texten.
Nach einem unruhigen Leben zwischen Italien, der Schweiz und Deutschland starb er am 15. August 1918 in seinem immer wieder gern besuchten Annaberg. Die Beschäftigung mit diesem
ungewöhnlichen Erzgebirgs-Menschen lohnt sich, es wird demnächst eine größere Abhandlung über das Leben von Peter Gast veröffentlicht werden. Für den jetzigen Zweck soll zunächst der Abdruck seiner Schnurre “Dr
Baasenbinder“ (1895) genügen:
Dr Baasenbinder
Wenn uneraans of en Barg stieht: über sich ne Himmel, unner sich de ganze Harrlichkaat – Städt, Flüss un Waller un klennere Barg - , do ka mer sich mannichsmol net
losen ver Lust, mer muß de Händ ausbraaten un schreie oder e paar Wörter reden oder gar enn Porzelbaam schlogn!
Annere tunne sich wieder annersch aus in ihrer Freed.
Do derbei fällt mer dr Barmsgrüner Baasen-Traugott ei. – Wie daar ne Baasenhannel afing, ging er mit´n Baasn of´n Buckl hausiern; spöter er sich es Waagel mit enn
Hund zuOf de Letzt kunnt´r sich sugar enn Letterwogn un e Pfaar aschaffen – su tat sei Hannel flacken!
“Nu wird oder gelei bis of Leipzig gefahrn!“ sat er do bei sich un machet aah richtig mit enn ganzen Fuder Baasen über Schwarzenbarg, Grühaa, Zwänz, Stollbarg nei
nooch Penig un Borne bis Liebertwolkwitz. Wie er nu dorten de Ahöh nausgelästert kam un in dr ProbsthaiderGegnd of aamol dos ugeheire Schlachtfald sohch, wu schu dr Napolion hatt Leipzig unten liegn saah, do wur´sch
ne ganz grußartig üms Herz rüm. Er hielt a, knallet mit dr Peitsch, doß de ganze Schmitz in Franzen ging, un schrier, wos zun Maul raus kunnt: “Na Leipzig! – Wenn – de – Gald – hast: Baasen – sei – do!“
* * *
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Nahezu weltweit bekannt ist sein Lied, aber vom Autor und gleichzeitigen Komponisten kennen nur Eingeweihte den Namen. Oder wer weiß schon, dass “Dr Vugelbeerbaam“ von
Max Schreyer
stammt (übrigens: “Dr“ heißt im Erzgbirgischen “Der“ und ist nicht die Abkürzung von Doktor, - aber vielleicht gibt es ja einen Dr. Vogelbeerbaum). Von Schreyer also, jenem späteren Oberforstrat, der am 7. September 1845 in Johanngeorgenstadt geboren wurde, die Realschule in Annaberg und Chemnitz besuchte, bevor er an die Forstakademie nach Tharandt ging und von da an Förster und Forstmeister an verschiedenen Stellen des Erzgebirgswaldes war.
Zuletzt lebte und arbeitete er viele Jahre in Großpöhla bei Schwarzenberg, bis er am 27. Juli 1922 in Pulsnitz starb. Schreyer war in seinem Volkskünstlerischen Schaffen recht
produktiv. Aber von all seinen Gedichten, Liedern, Erzählungen und einem Schwank in erzgebirgischer Mundart sowie einem Schauspiel in Hochdeutsch ist nur das Lied vom Vogelbeerbaum (sein langes Lied von “De
Schwamme“ kennt kaum noch jemand) bekannt geblieben. Allerdings musste er regelrechte Kämpfe ausstehen, weil man ihm die Urheberschaft am Text streitig machen wollte. Der Heimatforscher F.H. Löscher kümmert sich
aber um diese Anschuldigungen, die da unter anderem lauteten, dass es diese Melodie und auch diesen Text schon viel früher gegeben haben sollte, während Schreyer das Gegenteil beteuerte und betonte, dass sowohl Text
als auch Melodie von ihm stammen.
Erst nach seinem Tod konnten alle Zweifel über die Autorenschaft Max Schreyers am “Vugelbeerbaam“ zerstreut werden. Heute kennt man das Lied weit über die Grenzen Deutschlands
hinaus. Mitunter wird immer noch behauptet, dass es aus dem Reinland komme, oder aus der Pfalz, oder aus... – nein, es kommt aus den Wäldern des Erzgebirges, wo unser Max Schreyer von einer prächtigen Eberesche zum
schreiben seines einmaligen “Vugelbeerbaam“ (1887) angeregt wurde.
Und wer heute an Schreyers Grab auf dem Friedhof von Pulsnitz kommt, der kann sehen, wie sein “Letzter Wunsch“, den er im Lied (vierte Strophe) ausgedrückt hat, von Getreuen aus
seiner Heimat tatsächlich erfüllt wurde:
“Un wenn iech gestorbn bi
- iech waar´sch net derlaabn –
do pflanzt of menn Grob fei
enn Vugelbeerbaam”
* * *
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Man muss nicht drumrum reden, aber einige Autoren, die heutzutage vergessen sind, haben es auch so verdient. Die Grenzziehungen zwischen Kitsch und Kunst sind bei
der Volksdichtung mitunter sehr kompliziert. Zumal noch immer nicht hinreichend geklärt ist, wo für den einzelnen – und um eine individuelle Betrachtungsweise kann es sich zunächst nur handeln – der Kitsch
aufhört und die Kunst beginnt; oder umgekehrt. Viele eigene Erfahrungen, emotional Erlebtes oder auch durch die Zeit Verklärtes sowie die sozialen Umstände, die Herkunft und der Bildungsstand fließen in die
Beurteilung solcher ästhetischer Kategorien mit ein und prägen die Maßstäbe sowie das Beurteilungsvermögen des Individuums.
Der am 27. Mai 1863 in Annaberg geborene Emil Müller (gestorben 20. November 1940) ist dabei nicht der einzige “Grenzfall“. Seine Gedichte sind durchaus dem Leben
abgelauscht und mit sprachlichem Talent in Verse gebracht, die uns noch heute angenehm berühren. So etwa, wenn er “De klenn Gassln“ (1940) in einer nahezu hexametrischen Form bedichtet und eine Idylle von
Abgeschiedenheit und Ruhe beschreibt, die sowohl romantisierend-kitschig gewertet werden kann, aber genau so als eine realistisch-colorierte Momentaufnahme anschaubar ist, wie sie nahezu jedem von uns in unseren
kleinen Heimatstädten begegnet ist, oder wonach sich unser vom Lärm der Großstadt strapaziertes Gemüht von Zeit zu Zeit sehnt – und das nicht nur zur Weihnachtszeit.
Dieses Gedicht war übrigens Emil Müller letztes Werk bevor er starb, und das er Angesichts des großen Dresden seiner kleinen Heimatstadt Annaberg widmete. Müller kam aus einer
Posamentenmacher-Familie und konnte in Annaberg sowohl die Schule als auch das dortige Lehrerseminar besuchen. Er war dann ein Leben lang Lehrer und später Oberlehrer in Annaberg, Ehrenfriedersdorf, Schönefeld,
Leipzig und Dresden.
Oder schauen wir uns sein bereits 1909 geschriebenes “Wiegnliedl“ an, das mit seinen vier Strophen an die deutsche romantische Wiegenliteratur in gekonnter Weise anschließt
und sie sogar in der Mundartdichtung des Erzgebirges fortsetzt und damit aufhebt. Außerdem gehört Müllers Wiegenlied zu den wenigen innerhalb dieser Literaturgattung, die das Kind geschlechtsneutral ansingen und
darüber hinaus das Lied, oder Gedicht, auch noch von beiden Geschlechtern gesungen bzw. gesprochen werden kann (obwohl ihm in einer Fassung ein “Hansele“ untergeschoben wurde, steht im Original “Mei Kindele“).
Schließlich sind die meisten Wiegenlieder so gedichtet, dass sie nur von der Mutter dem Kind ins Ohr gesäuselt werden können. Ich kenne nicht wenige Väter, die ihren Kindern
deshalb reine “Mutterlieder“ an der Wiege gesungen haben, - falls sie dort überhaupt gesungen haben... Deshalb scheint es mir nützlich – nicht ohne einen Hinweis auch auf den Erzähler und Volkstückeschreiber
Emil Müller zu geben – hier sein “Wiegnliedel“ aufzuschreiben:
Susuu, susuu –
Mei Kind deck de Baanele schie zu!
Sist möchte aans ne eiskalten Schneema reiführn,
daar tut alle nacketen Füsseln derfriern.
Mei Kindele oder – susuu - - ,
dos deckt sich de Strampeln schie zu.
Susuu, susuu –
Mei Kind, mach de Guckeln hübsch zu!
Dr Rupperich lauscht fei, un wan´r derwischt,
dan markt er sich nochert un brengt´n dann nischt.
Mei Kindele oder – susuu - - ,
doa macht seine Guckaagn hübsch zu.
Susuu, susuu –
Kinnel, dos hält itze Ruh!
Un wenn dann heit obnd fei es Graamannele kimmt,
dos alle de uartign Kinner mietnimmt,
Mei Kindele kriegt es net – susuu - - ,
dos hält itze schie Ruh.
Susuu, susuu –
Mei Kinnel, mei guts, schlof zu!
Un tram vu Rosining un Zuckerzeig viel,
Vu Hundeln un Schaafeln un allerhand Spiel.
Mei Kindele schlöft – susuu - - ,
un iech ho derweile ze tu.
* * *
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Auch einer, dem das schöpferische Klima auf dem Annaberger Lehrerseminar gar nicht schlecht bekommen sein dürfte, ist der am 17. Januar 1868 in Hammerunterwiesenthal geborene
Hans Siegert, der bei seinen Großeltern im Forsthaus von Tellerhäuser (bei Oberwiesenthal) aufwuchs und dort, in der waldreichen Umgebung, seine ersten Eindrücke sammelte, die sich später in seinem Werk
wiederfinden. Nach Beendigung seines Lehrer-Studiums (1882-1888) in Annaberg bekam er im benachbarten Buchholz eine Anstellung als Hilfslehrer. Am 1891 finden wir ihn dann als Lehrer und später als Schuldirektor
in Leipzig wieder, wo er auch am 6. Juni 1941 starb.
Siegert ist nicht nur wegen seiner zahlreichen Gedichte, Erzählungen, Theaterstücke (in Mundart und Hochdeutsch) einigermaßen bekannt geworden, sondern insbesondere auch wegen
seiner volkskundlichen Arbeiten, in denen er sich auch für die Förderung der erzgebirgischen Mundart einsetzt. Obwohl Hans Siegert bei den Großeltern aufwuchs, kommt doch sein inniges Verhältnis zu seiner alten
Mutter wohl am besten in seinem Gedicht “Mei Mutter schlöft“ (1925) zum Ausdruck. In der letzten Strophe – nachdem er die “tausend tiefen Falten“ in ihrem Gesicht besungen hat - scheint gar so etwas wie eine
religiöse Mutterverehrung durchzuschimmern wenn er dichtet: “Mei Mutter schlöft! Dos heilge Bild, dos will ich lang behalten!“
Seine Naturverbundenheit sticht in vielen seiner Gedichte hervor, aber insbesondere im “Frühgahr“ (1941):
Dr Frühling is kumme,
su hobn se geredt,
ja afange tat er,
ober da war er net
Nu is er gekumme
Weit haar über Nacht,
hot alles verännert,
verzaubert mit Macht.
Ich salber,
ich bi e ganz annerer Ma,
dos hot mer dr Frühling
allaa ageta.
Ich fühl´s in dr Nos,
ich fühl´s in dr Brust:
Ich ho wieder orndlich
De Schnupp n de Hust.
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Dass selbst Bürgermeister im Erzgebirge zu Dichtern berufen sind, soll das nächste Beispiel zeigen. Bruno Herrmann
heißt der Mann, und er war ab 1900 seines Zeichens Bürgermeister in Lauter, später dann hier auch Kammerrat, was sich wesentlich vom Kamerad unterscheidet, der aber durchaus gewesen sein soll.
Geboren ist er allerdings im schönen Königswalde nahe dem noch schöneren Annaberg am 16. Dezember 1870. Er setzte nach seiner Zeit als Bürgermeister das Handelsgewerbe, das
bereits sein Vater betrieb, in Leipzig fort. Bevor er am 1. Dezember 1927 dort starb legte er aber noch fest, dass er in Lauter begraben sein wolle, was dann auch geschah.
Hinterlassen hat uns Bruno Herrmann (bitte immer mit zwei “r“) ein Bändchen mit seinen Dichtungen, das ein Jahr nach seinem Tode erschien, sowie ein paar Erzählungen in
erzgebirgischer Mundart. Erhaltenswert von seinen Gedichten scheint mir nicht nur die ach so wahre Überschrift “Dorten ubn sei mir derham“ zu sein, sondern auch die Bestätigung, die sie durch die weiteren
Strophen dieses Tschumperle-Liedes erfährt:
Wu sich Sachsen grenzt mit Bähme,
Barg un Waller schockweis stieh,
hunnert Bachle munner rauschen,
Blümle uhne Zohl still blüh,
dorten gibt´s e lustigs Laabn,
dorten gibt´s e lustigs Laabn,
nirgnst aah is de Walt su schie,
uns zieht´s nooch dr Haamit hi. (...)
* * *
- nach oben
Die immer mal wieder zu hörende Behauptung, dass Literatur über das Erzgebirge und seine Bewohner nur von denen produziert werden kann, die zeitlebens körperlich ihrer Heimat
verbunden bleiben, weil sie nur dann auch sinnlicher erfahrbar sei, wiederlegt der Annaberger Hermann Lötsch gründlichst. Natürlich hat er während seiner Tätigkeit in Annaberg, Altenberg, Eibenstock und Ölsnitz
die unmittelbaren Eindrücke aus seiner Heimat verarbeitet und in Gedichten, Liedern und Erzählungen wieder gegeben. Aber selbst währen seines Studiums oder seiner Aufenthalte in Mainz, London, Paris und Grenoble
versiegte seine spezifische Art, an die Heimat zu denken, keineswegs. Man kann sicherlich nicht behaupten, dass das Gegenteil eingetreten wäre, wie bei so manchem, der sich aus der Heimat entfernt hat, aber
seine literarischen Äußerungen sind in der Fremde niemals ganz versiegt. Schließlich sind es die Kindheitsprägungen, die lebenslänglich nachwirken.
Hermann Lötsch ist am 18. August in Annaberg geboren, hat dort auch die Schule besucht und war nach seinem Studium zunächst Hilfslehrer in Gelenau und Geyer, bevor er in die weite Welt hinaus wanderte, um 1943 (Datum nicht bekannt) als Studienrat in Lübeck zu sterben.
Von seinen Werken ist vielleicht – neben seinen Mundarterzählungen, die häufig die Schule oder die Schulzeit zum Thema haben - die Ballade von der “Geisterstund of´n
Schrackenbarg“ (bei Annaberg) das Interessanteste, die aber wegen ihrer Länge hier nicht wiedergegeben werden kann.
* * *
(Wird fortgesetzt! Um Hinweise und Ergänzungen zu den Kurzeinschätzungen der Dichter und Gedichte wird gebeten)
Gotthard B. Schicker
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