Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsübersicht       Impressum         Gästebuch         Home

Buchholz (1)

Eine kulturvolle Stadt im 19. Jahrhundert

Noch immer fristet Buchholz sein Dasein als Stief-Schwestern-Stadt im schattenreichen Weichbild Annabergs. Durch jene zwanghafte Lebensgemeinschaft, die sich späterhin in der Bindestestrichstadt Annaberg-Buchholz noch stärker ausprägen wird, ist die einst schöne Terrassenstadt offenbar behindert, an die kulturellen Leistungen und künstlerischen Äußerungen anzuknüpfen, wie sie dort vor über 150 Jahren existierten. Damit sollen diesbezügliche Aktivitäten der jüngeren Vergangenheit keineswegs geschmälert oder gar negiert werden. Einem Vergleich mit denen aus dem 19. Jahrhundert halten sie jedoch in keiner Weise stand.

Das geistige Leben jener Jahre, und damit die wesentlichsten kulturellen Äußerungen der Buchholzer Bürger, vollzog sich hauptsächlich über Vereine, die sich mit den Künsten, dem Sport, der Wissenschaft sowie der Geschichte befaßten.

Die Buchholzer – insbesondere ihr männlicher Teil – müssen ein überaus sangesfreudiges Völkchen gewesen sein, denn in alten Schriften jener Zeit wird den zahlreichen Gesangsvereinen ein markanter Platz eingeräumt. Diese weitverbreitete Sangeslust erreichte ihren Höhepunkt im Jahre 1850 als “...auf dem schönen Buchholzer Marktplatze, vor der Kulisse der schönen alten Häuser und angesichts des Stadtgründers Friedrich des Weisen...“ ein großes Sängerfest stattfand, welches den damals bekannten Lithographen C. A. Müller aus Freiberg zu jener künstlerischen Wiedergabe anregte, wie wir sie heute noch im Erzgebirgs-Museum in Annaberg betrachten können.

Ein anderes Erinnerungsblatt vom 4. Obererzgebirgischen Männergesangsfest in Buchholz, das in seinem Kopf-Medaillon den mißhandelten Orpheus zeigt, ist damals kurzerhand von der Zensur verboten worden.

Zu den älteren Vereinen ist sicherlich die “Liedertafel“ zu rechnen. Jener Männerchor, der am 17. April 1837 gegründet worden ist u.a. von Kurt Mitte und Richard Wagner (nicht mit dem Opernkomponisten zu verwechseln) aus Buchholz geleitet worden. Nur wenige Jahre später (1839) gründete sich der “Liederkranz“ und im Jahre 1847 der Kirchengesangsverein “Euterpe“. Weitere sangesfreudige Buchholzer Männer vereinigten sich dann 1864 in der “Harmonie“. Auch über zwei Militärgesangsvereine verfügte die Stadt. So gab es den von 1871, der sich “Militär-Gesangsverein I“ nannte und jenen, der 1883 als “Kameradschaft“ gegründet wurde. Ob die beiden Musikkapellen, die in Buchholz ansässig waren, auch gemeinsam mit den Chören musizierten, geht nur im Bezug auf die Sängerfeste aus der Literatur hervor. Sowohl die “Stadtkapelle“ unter der Leitung von Ernst Schluttig, als auch das “Steinigerische Musikcorps“ hatten ihren künstlerischen Höhepunkt bei der Umrahmung der Feierlichkeiten zum 400jährigen Stadtjubiläum. Nicht unerwähnt darf der immer wieder mit Stolz angekündigte Zitterclub bleiben, der sich in der Erzgebirgsstadt den Namen “Alpenrose“ gab, und der ab 1887 die Umgebung bespielte.

Einen besonderen Stellenwert im kulturellen Leben von Buchholz nahm die 1945 gegründete Konzert- und Ballgesellschaft “ODEON“ ein. Diese gemeinnützige Konzertagentur, die um 1900 über 200 Mitglieder zählte, verpflichtete zahlreiche in- und ausländische Künstler für Konzerte nach Buchholz und organisierte überaus gefragte Bälle für ihre Mitglieder und deren Gäste.

Da Buchholz über kein eigenes Theater verfügte, traten wandernde Schauspieltruppen und fahrende Musikanten u.a. in den Sälen der Hotels “Deutscher Kaiser“ und “Deutsche Haus“ auf. Wer sich allerdings exquisiteren Kunstgenüssen hingeben wollte, der besuchte ab 1897 das Annaberger Theater und konnte dort vielleicht sogar den großen Eduard von Winterstein in der Titelrolle von Goethes “Egmont“ erleben.

Zum kulturvollen Buchholz der damaligen Zeit gehörten auch zwei Turnvereine. Der Verein “Frisch und Frei“ mit seinen etwa 400 Mitgliedern und der größere “Männerturnverein“ mit über 500 aktiven Sportlern. Ab 1892 waren dann auch in diesem Verein Damen zugelassen, während der kleinere zunächst ein reiner Männerverein blieb und erst 1895 Damen zuließ. Eigens zur Aufnahme der Damen wurde eine “Damenabteilung“ mit 84 Turnerinnen gebildet und sogar eine “Jungfrauenabteilung“ geschaffen, die es – damals – immerhin auf 96 Buchholzer Jungfrauen brachte.

Viele kulturelle Aktivitäten und laienkünstlerische Impulse gingen auch von der “Alten Schule“, der Fröbel-Schule (1837) aus. Besonders die Lehrerschaft war es, die ihr Wissen in die pädagogische und wissenschaftliche Vereinsarbeit einbrachte und so das geistige Klima in der Stadt wesentlich mit gestalten half. Erwähnung verdient hier u.a. der pädagogische Verein “Freie Vereinigung“ (1892) und die Gesellschaft “Lautane“, die bereits 1842 mit dem Ziel gebildet wurde, die Verbreitung und Durchsetzung einer allgemeinen Volksbildung zu organisieren. Ähnlichem Anliegen diente auch der “Kaufmännische Verein“, dessen wissenschaftlichen Vorträge sowie seine Vielzahl und Qualität, eine beachtliche Konkurrenz zu ähnlichen Bestrebungen in Annaberg darstellte.

Auch der 1894 gegründete “Geschichtsverein“ hat im Zusammenwirken mit der wissenschaftlichen Bibliothek in der Bürgerschule, der Volksbibliothek im Rathaus und der später eingerichteten Stadtbibliothek zur Anhebung des allgemeinen kulturellen Niveaus der Bürger von Buchholz beigetragen.

Begleitet und unterstützt wurde diese günstige Atmosphäre von dem am 8.9.1854 erstmals erschienen Amtsblatt “Obererzgebirgische Zeitung“ mit einem speziellen “Generalanzeiger für Buchholz“. Viel gelesen wurde auch in Buchholz das “Annaberger Wochenblatt“, das sich reglmäßig auch Buchholzer Themen annahm. Eine Umfrage aus jener Zeit kommt zu dem Ergebnis, dass in Buchholz 60 Zeitschriften politischen und etwa 150 Zeitungen allgemeinen Inhalts gelesen wurden. Eine Zahl, die im Vergleich mit anderen Städten des erzgebirgischen Raumes relativ hoch ausfällt.

Nicht näher eingegangen werden kann hier auf die Kultur des ausgeprägten Hotel- und Gaststättenwesens, des Handels, den zunehmenden Fremdenverkehr und der ihn begleitende Service für die Stadt und ihre Besucher. Ebenso müssen die kräftigen Impulse, die von den Kirchen und Religionsgemeinschaften, dem Handwerk und durch die zunehmende Industriealisierung in die Stadt kamen, in dieser Darstellung zunächst vernachlässigt werden. Die soziale Differenzierung im Buchholz des 19. Jahrhunderts brachte auch formen der politischen Kultur hervor, die sich im stärker werdenden Interesse am politischen Geschehen der Stadt und des Landes bzw. im individuellen politischen Verhalten ausdrückte. Rückblickend wird dazu 1901 festgestellt: “Die Mehrzahl der Bürger gehören dem Nationalliberalismus an, ein Teil dem Konservatismus zu. Die Arbeiterschaft hat sozialdemokratisch gewählt.“

Diese kurze Rückschau sollte nicht nur der Konservierung von Gewesenem dienen, sondern auch als Anregung für die Einwohner von Buchholz verstanden werden sowie den heutigen Verantwortungsträgern Mut machen, über Verschüttetes, Untergegangenes, Vergessenes, Unterdrücktes oder auch nur Schlummerndes nachzudenken und vielleicht an einer Wiedererweckung der einen oder anderen kulturellen Aktivität mitzuwirken. So lange aber Buchholz im Schatten von Annaberg agieren muß, wird es immer als Stiefkind behandelt werden. Aber vielleicht kommt ja einstmals der Tag an dem unser dann unabhängiges altes Buchholz noch einmal in jener inneren und äußeren Schönheit erstrahlt, von der es in der Festschrift zum 400jährigen Gründungsjubiläum heißt:

“ Du bist schön, bestrahlt von der Sonne am Morgen, am Abend bestrahlt von dem Glanz des Mondes zur Nacht. Du bist schön, wenn am Abend in tausend Lichtern du leuchtest, dreifach schön am Abend der Weihnacht..., denn Du bist ein Stück Poesie, das zur Wahrheit geworden. Daher ist es begreiflich, daß wir , die Deinen, Dich lieben, daß der Wanderer, der Dich erschaut, erstaunt rastet, daß jährlich immer mehr kommen, sich Deiner freuen, bei Dir einige Wochen zu weilen...!“

Gotthard Schicker
Budapest, Februar, 2004

zum zweiten Teil

 


Klingeltoene