Erzgebirgstreff
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von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Annaberger Knigge entdeckt

„Schicklichkeits- und Ritterspiegel“

Unter diesem Titel flatterte mir dieser Tag eine kleine Broschüre ins Haus, die von der Annaberger Freimaurerloge „Zum treuen Bruderherzen“ im Jahre 1919 „für die erwachsene Jugend der Stadt Annaberg“ heraus gegeben wurde. Es ist anzunehmen, dass der Herr Schuldirektor Hermann Uhlig aus Lauter selbst Freimaurer war als er die 32 Seiten mit allen möglichen Lebensregeln mit der Absicht beschrieb, der immer sittenloser werdenden Gebirgsjugend „Einige Winke für wohlanständiges Benehmen und gute Lebensart, den deutschen Jünglingen, Jungmännern und Jungfrauen von einem Freunde der Jugend“ in die Hand zu geben, wie er noch vor dem Vorwort diesbezüglich seine Absicht kund tat.

Der Verlag von Max Helmert aus Schwarzenberg hat das Heftchen veranlasst und bei Felix Thallwitz, i. Fa C.O. Schreiber in Annaberg wurde es im ersten Nachkriegsjahr gedruckt. Der „Schicklichkeits- und Ritterspiegel“ wurde offenbar einem gewissen Salomon Christoph vorgehalten. Jedenfalls steht sein Name mit Bleistift und in Sütterlinschrift im Frontspitz der alten Blätter. Dem Namen nach zu urteilen, dürfte es sich um einen der wenigen jüdischen Bürger Annabergs gehandelt haben, die auch gleichzeitig den Freimaurern angehörten, bzw. mit Freimaurerfamilien in Verbindung standen. Insgesamt zählte die Israelische Gemeinschaft zu Annaberg – wie sie sich nannte – um 1919 etwa 60 Mitglieder (1936 waren es nur noch 35 und nach dem Krieg lohnte sich das Zählen nicht mehr – aber das ist eine andere Geschichte...).

Anlass für diesen Jugend-Verhaltens-Kathechismus war offenbar eine Sitzung des Annaberger „Ortsausschusses für Jugendpflege“ am Ende des bewegten Jahres 1918 auf dem sowohl „ein zu Vermögen gekommener Fabrikbesitzer“ als auch „der Herr Postsekretär“ den Herrn Schuldirektor Uhlig fragten, ob denn in der hiesigen Fortbildungsschule die jungen Leute nichts über Anstand und Benehmen zu hören bekämen. Der Herr Direktor konnte diese Frage - mit Hinweis auf den Lehrplan - mit einem kräftigen „Aber, ja doch!“ beantworten. Dennoch trieb ihn seit dem die Frage um, „ob nicht in dieser Hinsicht zum Segen der deutschen Jugend noch mehr getan werden könnte“ – wie er im Vorwort sinniert. So setzte er sich also hin und suchte aus der Literatur, den eigenen Erfahrungen und aus vielen Gesprächen mit Eltern und Pädagogen - und nicht zuletzt aus der Bibel und dem Gedankengut der Freimaurer - die unterschiedlichsten Sprüche, Merk- und Tugendsätze sowie Verhaltens- empfehlungen zusammen.

Er ordnete sie in 12 Kapitel, die nahezu alle Lebensbereiche berühren, und die u. a. solche Überschriften tragen wie: „Zu Hause“, „Auf der Straße“, „Bei der Arbeit und Erholung“, „Zu Besuch“ oder „Allerhand Dummheiten, Rohheiten, Gedankenlosigkeiten und Tappichkeiten, lächerliche und schlechte Gewohnheiten“, wie das Kapitel 8 überschrieben ist und wo u.a. folgende Verhaltensweisen kniggerisch untersagt werden: „Beinstellen, Stuhlwegziehen, Fürchtenmachen, Erschrecken, Verrichten der Notdurft an ungeeigneten Orten...“. Aber auch Höflichkeitsformeln werden geliefert wie u.a. „Deutscher grüßt deutsch: Guten Morgen! Guten Tag! Gott grüße Sie! Ade! Grüß Gott! Gott segne Deutschland! Er segne es! Heil!...“.

Aber auch zahlreiche moralisierende Dichterworte und goldene Lebensregeln hat Direktor Uhlig für seine missratenen erzgebirgischen Jungmänner und Jungfrauen (doch, so etwas gab es damals dort noch!) zusammengetragen und ihnen ein ausführliches Kapitel gewidmet. Zu Beginn und am Ende des Büchleins schimmert dann wieder die aus der Bibel (Phil.4,8.) geliehene Weisheit der Freimaurer heraus, in dem gleich das erste Kapitel mit den mauerischen Aufforderungen beginnt: „Erkenne dich selbst! Baue an dir! Vollende dich!“ - um am Ende daran zu erinnern, dass das „was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was keusch, was lieblich, was wohl lautet – eine Tugend ist; dem denket nach!“ Und er schließt seinen Text mit dem Ausruf „Gott segne Deutschlands Jugend“, - was der ja nicht immer getan hat, wie in den vier Jahren vor Erscheinen dieses „Annaberger Knigge“ zu erleben war.

Insofern kann man das Bestreben solch später Aufklärer vom Schlage eines Hermann Uhlig durchaus verstehen, schließlich hatte die zunehmende Verrohung der Jugend auch in der allgemeinen Verrohung der Sitten ihre Ursache. Oder glaubten die Herren (Damen waren dort nicht zugelassen) des Annaberger „Ortsausschusses für Jugendpflege“ etwa, dass der von Fabrikbesitzern und Postsekretären mitgetragenen und auch von den damaligen Lokalpolitikern mit zu verantwortende I. Weltkrieg spurlos an der deutschen Gebirgsjugend vorbei gegangen sei?

Für die Annaberger Freimaurer nahm in der Nachkriegszeit das soziale Engagement gerade gegenüber Kindern und Jugendlichen – auch über Sachsens Grenzen hinaus - stark zu. Als Beleg sollen nur zwei Beispiel aus dem Logenbuch der Annaberger Johannisloge „Zum treuen Bruderherzen“ zitiert werden:

1919 - Für die Ferienkinder im Annaberger Ratswald wurde eine Spende gebracht und den Notleidenden in Wien half die Brüderschaft durch Geld und Materialien;
1920 -  Zur Unterstützung notleidender Annaberger Kinder erhielt die Loge aus einer Stiftung amerikanischer Logen 3.000 Mark und zahlreiche Lebensmittel, die durch eine Kommission an die Bedürftigen verteilt wurden; die deutsche Heilstätte in Davos erhielt eine beträchtliche Spende.

(Ausführlicher Text zu den Annaberger Freimaurern auf dieser HP).

Neben den materiellen Hilfestellungen waren die moralischen auch in Form solcher Denk- und Verhaltensschriften nicht unwichtig, wenn sie auch heutzutage – trotz ihrer nicht zu leugnenden Aktualität – recht antiquiert auf uns wirken mögen. Direktor Uhlig aus Lauter hatte jedenfalls hierin eine Marktlücke entdeckt. Er veröffentlichte im selben Annaberger Verlag zahlreiche weitere Broschüren zu ca. 35 Themenkreisen die alle „Zur Lösung dringlicher Gegenwartsfragen“ dienen sollten, wie der Verlag seine Publikationen ankündigte. Geschäftstüchtig meint der Herr Direktor dann noch am Rande, dass man seinen „Annaberger Knigge“ – und auch all die anderen aufgeschrieben Lebenskrücken – nicht nur an den Fortbildungsschulen verbreiten sollte, sondern auch in den Volksschulen müsse dieser „Schicklichkeits- und Ritterspiegel verwertet und jedem Kinde bei der Schulentlassung, d.i. zum Eintritt ins öffentliche Leben, ausgehändigt werden.“

Ob es dazu jemals kam, weiß ich nicht. Es ist nur bekannt, dass das vorliegende Heftchen eine Rarität darstellt, die unser Wissen über die Aktivitäten der Freimaurer im Erzgebirge weiter vervollständigen hilft und uns einen sinnlichen Eindruck von den Anstrengungen unserer Altvordern gegenüber deren Jugendlichen verschafft. Dank des modernen Zugangs zu altem Schriftgut via Internet hoffe ich, noch mehr Literatur aus längst vergangenen Erzgebirgstagen den düsteren Antiquariaten überall auf der Welt zu entlocken. Denn: Wir – die Erzgebirger - sind überall auf der Erde... – wie unschwer zu beweisen war.

 

Gotthard B. Schicker

Budapest/Annaberg, April 2005

 

 

 


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