Erzgebirgstreff
Die Seite für alle Erzgebirger in Nah und Fern
von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Vum arzgebirgischen Bier            


... wenn fluksch der Napper drauf f das huschte Ferckelthier/
dos fettste Schweinel sätzt/hä gessen nett derfür/
nän/werlich gotz/er triffts. Er wiebt en annern wühl
wos Hertz in Loibe hoht/dosselbe gie umb buhl
sich äne Sittiche. Er krieckt sä/glättmers mier
sex Wuchert an en stück/wie van getripten Bier
wehls assene Pfütze sieht/dos macht en silchen Lärm
in seiner Lederhuß/als epper Must und Gärm
un latter Naumersch Bier zesamm gesuffen hett/
do nempt üch eppes drauß. Jen bissel is zeffett.“

(Aus; „Kleiner Hochzeits-Wurm“, 1659,
älteste bisher bekannte erzgeb. Mundartdichtung)

 

„Dieweil im Ober-Erzgebirge wegen der Kälte kein Wein wachset/ werden daselbst von guten gesunden Wassern vermittelst der meist Böhmischen Gerste/ Malz und Hopfen/ auch gute Lager-Bier gebrauet/ welche ihre Güte und Währung halber bißweilen auch nach Leipzig/ Dresden/ Prag und ins Carlsbad geführed werden ...“, weiß Chr. Lehmann zu berichten, indem er sich auch auf Aussagen von Jenisius beruft.

Von jeher muss das Bier eine nicht unwesentliche Rolle im Alltag (an Festtagen sowieso) unseres Erzgebirgsvolkes gespielt haben. Besonders die Vielfalt der Biersorten lässt noch heute so manchen Kenner und Genießer ins Staunen und Schwärmen geraten.

Überliefert ist uns, daß bereits im Jahre 1262 in Freiberg eine Brauerei bestanden haben muss. Es kam nämlich damals zum Streit zwischen den Freiberger Brauern und denen aus Dippoldiswalde, weil letztere ihr Bier nach Freiberg „ausführten“. Markgraf Heinrich der Erlauchte schlichtete schließlich den Streit, indem er festlegte, daß die Bergleute aus Freiberg nur noch ihr Bier von dort nehmen durften.

Derselbe Fürst übrigens schenkte dem Nonnenkloster zu Nimptschen den „Bierzehnten“ von allen seinen Silberzechen im Lande, wie eine Urkunde aus dem Jahre 1277 dies beweist. Seitdem finden sich häufig Hinweise in erzgebirgischen (sächsischen) Urkunden auf Malz-, Brau- und Bierhäuser.

In diesen städtischen Einrichtungen, aber auch oftmals zu Hause, brauten die Bürger und Bauern „Reih um“ ihr Bier. Von daher stammt der Name „Reihschank“ oder „Reiheschank“.

Moritz Spieß berichtet darüber, daß sich noch im Jahre 1862.

„... diese eigenthümliche Einrichtung in mehreren Städten und Städtchen des Obererzgebirges (z. B. Annaberg, Buchholz, Marienberg usw.) erhalten hat.“

Das Schanklokal, häufig die Wohnung oder die Scheune, und damit der „Reiheschank“ wurden durch das Los ermittelt. Der neue Wirt erhielt von seinem Vorgänger die erforderliche Zahl Biergläser, eine zinnerne Messkanne und das Bierzeichen oder „Bierreiss“, das als Ausschankzeichen aus dem Fenster gesteckt wurde.

In 24 Tagen musste dann das übernommene oder selbst gebraute Bierquantum ausgeschenkt werden, um danach per Los den nächsten Wirt zu bestimmen. In manchen Gegenden durfte das eventuell übriggebliebene Bier nur noch verschenkt werden. Damit es möglichst nicht zu dieser „Einbuße“ kam, wurde den Gästen am letzten Tag „... der Zapfen gegeben“, d. h. sie wurden mit „Brod, Wurst und Häring traktiert, damit sich recht viel Durst einstelle.“

Auch war es üblich, bei einem Grundstückskauf an seine „Gemeindegenossen“ das sogenannte „Gemeindebier“ zu geben. Beim Kauf eines Gutes mussten zwei Tonnen und bei einem Haus eine Tonne Bier vom Käufer spendiert werden. In feucht-fröhlicher Runde, gemeinsam mit den Bauern und Häuslern sowie deren Frauen, wurde das Bier in der Schenke „verinnerlicht“.

 Offenbar muss das erzgebirgische Bier im 16./17. Jahrhundert ein regelrechter Exportschlager gewesen sein. Der Bierkenner Lehmann schwärmt 1699:

„Das Annabergische Bier ist insgemein starck und hitzig wie die fetten Böhmischen Biere ..., daß Schneebergische Bier kühlet/ laxiret und kann sich mit einem guten starken Wein eher als das Annabergische comportieren.“

Lob erhalten von ihm auch das„Wiesenthälische, Grünhayner, Elterleiner, Schlettauer und Scheibenberger“ Bier.

Von einem Leipziger Studenten erzählt er, der nach Karlsbad wollte, um dort seine „hypo-chondrische Melancholie zu entladen“. Sein Weg führte ihn irgendwie über Schneeberg, dort „gerieth er unter (eine) ehrliche und lustige Compani“, die ihn offensichtlich mit „Schnee-berger Bier“ von seinem „malo befreyet“ hat. Jedenfalls soll er ohne Sauer- und Carlsbrunnen wieder zu Hause eingetroffen sein, wie die Chronik zu berichten weiß.

Und daß selbst das Bier aus Zschopau nachweislich nach Bayern geliefert worden ist, unterstützt nur ein weiteres Mal die These vom guten erzgcbirgischen Bier in jener Zeit.

Th. Gräße, dem wir den „Sagenschatz des Königreiches Sachsen“ verdanken, hat 1872 in seinen „Bierstudien“ an verschiedenen Stellen auf die besondere Qualität und Exportfähigkeit erzgebirgischer Biere hingewiesen.

Ihm ist es auch gelungen, die sogenannte „Chemnitzer Rockenphilosophie“ aus dem Jahre 1759 von einem gewissen Joh. G. Schmidt wiederzuentdecken.

Es handelt sich dabei um z. T. abergläubische Regeln für „Brauer und Privatleute“, die durchaus sehr ernsthaft beachtet worden sind.

Einige Kostproben daraus können vielleicht eine nützliche Anregung für eine eventuell bevorstehende „Bier-Brau-Renaissance“ im Erzgebirge sein:

„(II., 72) Wer die erste Kanne Bier aus einem Fasse bekömmt, soll geschwinde damit fortlaufen, so geht das Bier bald ab.

(IV., 77) Wenn bei dem Bierbrauen gesungen wird, so geräth das Bier wohl.

(IV., 86) Wenn ein Paar sollen getrauet werden, soll der Bräutigam vorher, ehe sie in die Kirche gehen, das Bierfass anzapfen, und den Zapfen zu sich stecken, sonst können ihm lose Leute einen Possen thun, daß er der Braut die eheliche Pflicht nicht leisten kann.

(V., 85) Wer am Charfreitage vor der Sonnen Aufgang drei Messerspitzen voll Hefen isset, dem schadet selbiges Jahr kein Trunk, er mag saufen, wie er will.

(VI., 53) Wer Bier holet, soll sein Wasser nicht abschlagen, sonst bekömmt man die kalte Pisse.“

Aber auch in den Jahrzehnten danach hat das erzgebirgische Bier immer wieder durch seine Vielfalt, seine Würze, seine Reinheit, - eben wegen seiner Qualität - die Bierkenner und -genießer überzeugt.

Schon während der Kriegsjahre, aber besonders ab 1945 wurde die Vielfalt der erzgebir-gischen Biere - wegen der Verluste an Brauereien durch den Krieg selbst und später durch allmähliche und teilweise rigorose Verstaatlichung - stark eingeschränkt. Nur wenige kleine Brauereien konnten überleben. Die Firmennamen „Fiedler“ und „Harnisch“ sollen hier als Synonyme für einmalige glanzvolle erzgebirgische Bierzeiten stehen.

Die Gegenwart ist unseren einheimischen Biersorten wieder günstiger gesonnen und so haben die Biere aus Olbernhau, Chemnitz, Gersdorf, Freiberg, um nur einige Brauorte zu nennen, einen guten Ruf und Geschmack der vielleicht nicht all zu fernen Zeit, neben der „fremden“ Biervielfalt, wie sie heute in unseren erzgebirgischen Schenken herrscht, durch eine einheimische und wieder exportfähige Vielfalt - vielleicht wie zu Lehmanns Zeiten - ersetzt werden kann.

Gotthard B. Schicker

 

 

 


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