ANNABERGER THEATER A-B-C
99 Schlag- und Stichworte    Von Gotthard B. Schicker

 

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Vorwort

 

Schlag- und Stichworte erhalten die Darsteller von ihren Partnern auf der Bühne, oder sie werden ihnen aus dem Souffleurkasten zugeflüstert. Für die Schauspieler/innen und Schauspieler oder die Sängerinnen und Sänger – insbesondere aber für die Tenöre – sind dies wichtige Erinnerungshilfen, um den Anschluss zu finden im Dramentext, der Opernarie, dem Operettenliedchen, oder auch nur um ihren Auftritt auf das richtige Stichwort hin nicht zu verpassen.

Früher bekam man noch vom Inspizienten im Moment des Stichwortes einen Schlag auf die Schulter oder einen Tritt in den Hintern, um auf die Bühne zu eilen. Wer weiss, vielleicht ist so das Schlagwort entstanden... Die hier gegeben Schlag- und Stichwörter können selbstverständlich keine Annaberger Theatergeschichte ersetzen. Sie wollen allenfalls ein paar bescheidene Erinnerungshilfen sein an ereignisvolle Zeiten des traditionsreichen Musentempels im Erzgebirge. Aus alten Dokumenten, vergilbten Programmheften, stundenlangem Kantinenklatsch und mitunter sogar ernsthaften Gesprächen mit Theaterleuten sowie dank persönlicher hiesiger Bühnenerfahrungen habe ich versucht, aus meiner Sicht Typisches aus der Geschichte dieses Hauses zusammenzutragen und dem Alphabete nach aufzuschreiben.

Wenn darin hauptsächlich die Jahre bis etwa 1980 berücksichtigt worden sind, so hängt das mit meiner eigenen Biographie zusammen. Irgendwann verläßt man seine Heimatstadt, aber sie verläßt einen nie. So habe ich also manches aus der zeitlichen und räumlichen Entfernung aufgeschrieben und es immer wieder bei meinen Besuchen in Annaberg überprüft, bis dann 1997 – zum 100. Geburtstag meines Theaters – diese Texte in Broschürenform in meinem Verlag in Budapest erschienen sind. Ich hatte damals die Arbeit sowohl dem Landrat, der Stadt Annaberg und dem Intendanten des Theaters angeboten, sie zu begutachten und gegebenenfalls sie im Hause zu vertreiben. Die den Herrschaften zugeschickten Manuskripte bzw. späteren Belegexemplare erhielten von offizieller Seite z.T. verhaltenes Lob bis totale Ablehnung. Beim Theater-Publikum stieß das Theater A-B-C auf uneingeschränkte Zustimmung. Und warum wurde das Bändchen abgelehnt?

Der 1. Stellvertreter des Landratamtes und Dezernent für Wirtschaftsförderung, Herr G. Weigel, teilte mir das in einem Brief (übrigens drei Monate später) vom 23.06.1993 u.a. wie folgt mit: “...Nun zum eigentlichen Kern der Sache. Wir haben das Manuskript gelesen und es sind uns einige Bedenken gekommen bezüglich der Personen, die im Buch auftauchen sollen. Nach meinem jetzigen Informationsstand und aktuellen Presseveröffentlichungen in der ´Neuen Zeit´ können wir Sie nur bitten, die Aussagen zu den Personen Gandt und Helbig auf das Notwendigste zu beschränken. Es würde in der Öffentlichkeit wenig Verständnis finden, sollten Personen gewürdigt werden, die umstritten sind...“(der vollständige Brief ist in der Broschüre veröffentlicht worden). Nun beide Personen waren bekanntlich führende Protagonisten des Hauses und vermutlich, oder auch nachgewiesenermaßen, staats- bzw. stasinah.

Ich habe unter den aufgeführten Personen auch solche aufgenommen, die reichs- und nazinah waren, das hat den Dezernenten offenbar nicht weiter gestört. Nun, mittlerweile sind sie alle nicht mehr am Leben. Festzuhalten bliebe nur noch, dass sie alle begnadete Künstler waren, die es schon deswegen zu würdigen galt. Und auch deshalb, weil sie – ganz im Gegensatz zur Auffassung des Dezernenten Weigel – in der Öffentlichkeit Annabergs bis zu ihrem Tode großes Verständnis fanden...

Die folgenden Texte widme ich also dem Theater - und seiner gesamten Künstlerschaft - in meiner Heimatstadt Annaberg in Ehrfurcht vor dessen Alter und in Dankbarkeit für seine Leistungen in all den Jahren sowie für die frühe Erziehung meiner Gefühle vor und auf den Brettern, die auch mir einst eine kleine Welt bedeuteten.

Möge das Haus der schönen Bergstadt und ihren Gästen immerdar erhalten bleiben, um auch weiterhin zu einer ästhetischen Atmosphäre im Erzgebirge beizutragen und ein wenig dabei mitzuwirken, auch in der oftmals doppelt kalten Welt dort droben die Herzen der Menschen – mit den bescheidenen Mitteln der Künste – wenigsten etwas zu erwärmen. Dazu wünsche ich allen Mitgliedern des Theaters – vor und hinter dem Vorhang -, dem verehrten Publikum im Parkett und auf dem Rang sowie allen geneigten Leserinnen und Leser dieses “Annaberger Theater ABC“ ein herzliches toi, toi, toi!

 

Euer/Ihr Gotthard B. Schicker (1997/2003)