ANNABERGER THEATER A-B-C
99 Schlag- und Stichworte    Von Gotthard B. Schicker

 

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Tenöre - gab es auch am Annaberger Theater, mitunter sogar reichlich. Nicht selten traf auf sie der alte Theaterspruch zu: “Von dem einen wusste man es schon, der andre war ein Bariton“. Die den Tenören allgemein nachgesagte Naivität kann für jene Gattung in Annaberg nicht durchweg bestätigt werden. Hier gab es welche, die ihrer Bühnen-Partnerin am Abend der Vorstellung damit imponierten, dass sie bei den eng umschlungenen Liebesduetten eben nicht nach Knoblauch oder Alkohol rochen, sondern nach feinem Eau de Cologne dufteten, weil man kurz vorher einen Schluck desselben beim Kantinen-Wirt zu sich genommen hatte. In der Tat, man trank Parfüm! In einer Vorstellung von “La Traviata“ (1965, von mir selbst miterlebt) konnte ein solcher Tenor den Alfredo nur bis zum Ende des ersten Aktes gestalten. Nach einer längeren Pause sang den Part ein rasch herbeigeholter, zum Glück auf der Buchholzer Straße (damals Ernst-Thälmann-Straße) wohnender, aber wesentlich kleinerer Sänger unter dem Jubel des Annaberger Publikums die Oper zu Ende.

 

Theaterklepper - nannte man männliche Personen - meist reiferen Alters - die über einen gewissen, nicht nur materiellen Einfluss auf das Theater verfügten und ein Auge auf gewisse Tänzerinnen oder Soubretten geworfen hatten. Die erste Liebschaft des Eduard von Winterstein ist wahrscheinlich am Annaberger Theater durch einen solch reichen “Klepper“ in die Brüche gegangen. Der damalige amerikanische Konsul in Annaberg soll es gewesen sein, welcher der “munteren und naiven Liebhaberin, dem großen Talent“ Bertha Weber regelmäßig teure Blumenarrangements nach Hause oder in die Garderobe schicken lies. Da die “rundlich sächsische Mutter“ der Naiven jene Annäherungsversuche  sehr begünstigte, konnte Winterstein mit der Konkurrenz dieses  “Theaterkleppers“ nicht Schritt halten. Das “Annaberger Wochenblatt“ brachte dann auch bald in großen Lettern die Verlobungsanzeige mit dem amerikanischen Konsul. Ein Engagement der Bertha Weber nach Berlin ließ zum Schmerz des von Winterstein nicht lang auf sich warten.

 

Theaterklatsch - nicht zu verwechseln mit dem Beifall oder Applaus, den ein Künstler ob seiner Leistung erhält. Hier handelt es sich um Tratsch, Gerüchte, Vermutungen, intrigenhafte Gespräche oder auch nur neidvolles Gezänk über meist nicht anwesende andere. Zentren solcher Klatsch-Räume waren auch in Annaberg die Garderoben, die Kantine oder die Hinterbühne des Theaters. Dort wurde darüber gehechelt, wer mit wem, wie und wo, wie lange und warum denn gerade mit der (dem). Es ist ein Gerücht, dass, wer über die höhere Stimmlage verfügt, mehr zum Klatschen neigen soll. Auch Bassisten wurden am Annaberger Theater dabei ertappt, besonders dann, wenn sie meinten, die Partien ihres Tenor-Kollegen besser singen zu können als dieser mit “seiner Fistelstimme“.

 

Theatergesetze - spezifische abergläubige Verhaltensvorschriften die garantiert verheerend wirken, wenn man sich nicht nach ihnen richtet. Dazu gehören folgende strenge Ver- oder Gebote (kleine Auswahl):

- Das Pfeifen im gesamten Theatergebäude und besonders auf der Bühne ist strengstens untersagt.

- Der Hintern des Darstellers sollte dem Publikum möglichst niemals zugekehrt werden.

- Das Essen auf der Bühne, so es nicht im Stück vorgesehen ist, kann zu künstlerischen Katastrophen führen!

- Wenn die Generalprobe schief geht, dann klappt die Premiere !

- Vor Premieren oder anderen Auftritten spucke man sich dreimal mit dem Ausruf “Toi, toi toi“ über die linke Schulter, ohne sich beim Spucker zu bedanken! Ein Dankeschön würde den Spuck sofort wieder auflösen und Unglück mit sich bringen.

Diese nirgendwo als Gesetze aufgeschriebenen Verhaltensregeln werden schon seit 100 Jahren am Annaberger Theater mehr oder weniger streng eingehalten. Wahrscheinlich liegt darin mit das Geheimnis für seinen Erfolg.