Erzgebirgstreff
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von Gotthard B. Schicker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Hier ist immer Weihnachten ...

Über den irdischen Bergaltar
zu Annaberg im Erzgebirge

Von Eveline Schicker

Den kühlsten Geschäftsmann, den geschäftigsten Zeitungsmacher, ja sogar die coolen Jungen überfällt in der Adventszeit das Gefühl des Heimwehs nach mehr als der täglichen, wenn auch interessanten Geschäftigkeit, dem Essen nebenher oder der Hast nach Geldvermehrung. Die Weihnachtsmärkte mit den ruhigeren Bewegungen, dem Flanieren und Schauen, Kosten und Kaufen sind aber nur der Eingang in die Zeit von Besinnung und Besinnlichkeit, die sich in der Großstadt, so schön sie – wie Budapest heuer – auch geschmückt sein mag, nicht recht einstellt

 

Wohl dem, der noch ein Zuhause, eine Heimat hat, in die er sich zurückziehen kann. Ja, es gibt Leute aus dem so genannten “Weihnachtsland“, dem Sächsischen Erzgebirge, die werden angeblich schwermütig, können oder dürfen sie nicht heim; Bayern und Tiroler sollen in der Adventszeit übrigens ähnliche Gefühle übermannen, wie erst kürzlich bekannt wurde... Kommen sie dann so über die tschechische Grenze herüber, nach einer Fahrt durch den böhmischen Teil des Erzgebirges, der nach der Vertreibung der Deutschen seine kulturelle Identität immer noch nicht zurückgewinnen konnte und an notorischer Armut leidet, wissen sie kurz vor der schönen Stadt Annaberg: “Jetzt sammer dr’ham!“

Auch hier geht es derzeit vielen nicht rosig. Hohe Arbeitslosigkeit und wenig Perspektive machen traurig. Aber man sieht es nicht. Alles glänzt, jedes Fenster ist mit Schwibbögen und Kerzen geschmückt. In kleinen und kleinsten Erzgebirgs-Dörfern blitzen die Bäumchen im Vorgarten und meterhohe Weihnachtspyramiden drehen sich zu leichtem Schneefall. Dazu Nussknacker, Engel und Bergmann, Räuchermännchen als freundliche Armeen des Weihnachtsfestes all überall. Nach dem Rundgang über den gemütlichen Weihnachtsmarkt mit Schnitzwerk, Filzpantoffeln, Mützen und Schals, Glühwein- und Bratwurstduft in 600 m Höhe steigt man wie automatisch weiter bergan zur 78 m hohen Annaberger St. Annenkirche. Wuchtig in ihrem Natursteinmantel ist die gotische Hallenkirche ein Magnet für alle Besucher der alten Bergstadt. Man ist erst daheim, wenn man ihr “Glück auf!“ gesagt hat, mit dem Gruß der Bergleute, die mit ihren wenigen Groschen dieses Monument menschlicher Kraft mitgeschaffen haben.

Sehenswert sind die “Schöne Tür“ aus dem alten Franziskanerkloster, die geschnitzte “Bilderbibel“ des Hans Maidburg an der Empore und viele mehr an wieder ausgegrabenen Details der Gotik und Renaissance. Der Höhepunkt eines jeden Besuchs aber ist ziemlich versteckt, an der Rückseite des Bergaltars, links vom Hochaltar. Es ist ein vierteiliges Altarbild um 1500 von Hans Hesse gemalt. Wir sehen hier ein Weihnachtsbild, ohne die Geburt Christi darauf zu finden, die hier ohnedies allgegenwärtig ist. Der Altar zeigt die Geburt des Menschen aus der Arbeit, die Kulturwerdung einer Region durch den Fund von Silber vor nahezu 600 Jahren. Es ist die Geschichte des Daniel Knappe, der im Traume von einem Engel die Stelle genannt bekam, wo er graben sollte. Gut, der Mann hat sich überirdisch helfen lassen, aber geträumt, gehofft und gearbeitet hat er selber.

Reich geworden ist die Region bis hin zu Dresdens barocker Pracht in erster Linie durch die Silberfunde rings um Annaberg. Jene Zeit hat Frauen und Männer hervorgebracht, die voller Kraft waren wie etwa Barbara Uttmann, die Unternehmerin, die das Klöppeln in der Region einführte und somit nahezu 1.000 Menschen Lohn und Brot beschaffte. Oder Adam Riese, der aus Staffelstein kommend von Annaberg aus dem deutschen Volke das Rechnen lehrte. Das Altarbild zeigt Arbeit als Ehre, den Menschen als Schöpfer, die Technologien der Silberverarbeitung als Veränderung der Umwelt. Luther hat die Menschen wieder zum Selbstbewusstsein geführt, ihnen das Gefühl gegeben, dass Gott auch für sie da sei und nicht nur umgekehrt... Hans Hesse hat das Bild für eine noch katholische Kirche gemalt, aber die Heiligen sind schon auf protestantisches Normalmaß gebracht, wie der Hl. Wolfgang etwa, der aussieht wie ein Bergherr. Die Bergleute nannte man Knappen, nach dem Daniel Knappe, der das “große Berggeschrei“ auslöste. Eine Konjunkturphase, würde man heute sagen. Aber auch danach kamen “Rezessionen“, die Euphorie wich der Depression beim Rückgang des Silbers im 16. Jahrhundert.

Aber siehe: die Gebirger waren fähig zum Strukturwandel. Die Frauen klöppelten und ernährten ihre arbeitslosen Männer. Der Wald wuchs damals noch in die Häuser hinein und die Männer begannen reale und ausgedachte Figuren in Holz nachzubilden, die wir als Gedrechseltes oder Geschnitztes “Weihnachtszeig“ – wie die Erzgebirger sagen – bis heute in den Fenstern und Stuben bewundern, – erst Selbstzweck, dann Broterwerb. Der Name für die Region, “das Weihnachtsland“, ist wie eine selbstgestellte Aufgabe: Geburt und Wiedergeburt durch die eigene Kraft. Und wenn Kunsthistoriker über Hans Hesses Annaberger Bergaltar schwärmen, dass man bei seinem Anblick meint, das Fichtenholz der gemalten Dachschindeln riechen zu können, so gibt er denen, die schauen können, das Gefühl, daheim zu sein und Kraft zu tanken – und immer wieder neu zu beginnen.

(erstveröffentlicht in: Pester Lloyd, Nr. 51/52 2003)

 

Hans Hesse . ein Kriminalfall?

 

 

 

 


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